Ein treffsicherer Wasserträger

Christian Wiegels

Von Christian Wiegels

Fr, 12. Oktober 2018

Handball 1. Bundesliga

MENSCHEN UND SPORT: Der Friesenheimer Frederik Simak startet in der Hauptstadt Berlin handballerisch so richtig durch.

Aus dem Nichts ins Rampenlicht: Selten hat ein junger Spieler seinen Platz so schnell in der Handball-Bundesliga gefunden, wie der 20-jährige Frederik Simak aus Friesenheim, der vor zwei Jahren von der heimatlichen Ortenau an die Spree in die deutsche Hauptstadt zum Spitzenklub Füchse Berlin gewechselt ist.

Bislang wussten allenfalls Insider von der sportlichen Qualität des 1,96 Meter großen Rechtshänders, der mit der A-Jugend der Füchse in der vergangenen Saison deutscher Vizemeister wurde und mit der deutschen Junioren-Nationalmannschaft zu Beginn dieser Saison bei der EM in Kroatien Bronze erobert hatte. Darüber hinaus wurde der Südbadener von seinem neuen Klub dazu ausersehen, in der Spielzeit 2017/18 die zweite Mannschaft des Klubs, Juniorfüchse genannt, an verantwortlicher Stelle aus der Oberliga Ostsee-Spree in die 3. Liga zu führen. Das gelang reibungslos. Freilich ohne großes Aufsehen zu erregen, denn der Fokus der Handballöffentlichkeit liegt nun mal auf der höchsten Spielklasse, zumal in Berlin, wo mehr als 60 Bundesligaklubs in den verschiedenen Sportarten um Anhänger buhlen.

"Mein Engagement in der 2. Mannschaft, das war ein ganz wichtiges Jahr für mich", sagt Frederik Simak über die verantwortungsvolle Aufgabe als Führungsspieler. Großes Aufheben davon zu machen, ist seine Sache nicht. Dennoch: Diese Qualität und sein starker Wurfarm haben ihm einen festen Platz im Profikader der Füchse Berlin gesichert. Im linken Rückraum, natürlich hinter den gestandenen Akteuren wie dem deutschen Ausnahmekönner Paul Drux (23) und dem dänischen Nationalspieler Jacob Holm (23). Beide also nicht viel älter als er, was natürlich die Integrationsmöglichkeiten in die neue professionelle Umgebung wesentlich erleichtert.

Aber Achtung: Frederik Simak wurde von Füchse-Cheftrainer Velimir Petkovic seiner besonnenen Art wegen in der höchsten deutschen Spielklasse zum Ausführen von Strafwürfen von der Siebenmeter-Linie auserkoren. Eine Chance, die der junge athletische Handballer bislang selbstbewusst zu nutzen wusste: Mit einer solch exzellenten Erfolgsquote, dass er nach acht Spielen in der nationalen Eliteliga überraschend als zweitbester Torschütze des EHF-Pokalsiegers geführt wird. Mit 37/26 Bundesligatreffern liegt er knapp hinter dem schwedischen Weltklassespieler Mattias Zachrisson (38 Tore).

An Selbstbewusstsein mangelt es Simak nicht. Schon vor drei Jahren, als er von den Füchsen in Berlin umworben wurde, bestand er darauf, erst das Abitur im Scheffelgymnasium in Lahr ablegen zu wollen. Also eine für ihn wichtige Angelegenheit zum Abschluss zu bringen, ehe er sich auf eine einschneidende Veränderung einlassen sollte, und natürlich auch wollte.

Das kam so: Frederik Simak gehörte als Stammspieler zur südbadischen Jugendauswahl, trainiert vom ehemaligen Schutterwälder Bundesligaspieler Christoph Armbruster, die sich für die Endrunde um den Länderpokal in Berlin qualifiziert hatte, der wichtigsten Sichtungsmaßnahme des Deutschen Handballbundes. Bei dieser Gelegenheit wurde der junge Friesenheimer, Spieler bei der SG Ottenheim/Altenheim, von Nachwuchstrainer und Manager des Spitzenklubs Füchse Berlin, Bob Hanning, in Augenschein genommen. Doch der hochtalentierte Rechtshänder wollte nicht gleich weg von zu Hause, sondern bestand darauf, erst das Examen zur Hochschulreife hinter sich zu bringen.

So wurde es auch umgesetzt in seinem Sinne, nachdem in der handballbegeisterten Familie (der drei Jahre ältere Bruder Axel spielt beim Oberligisten SG Köndringen-Teningen) das Für und Wider des ins Auge gefassten Wechsels ausgiebig diskutiert worden war. "Es gab auch Angebote von anderen Vereinen. Berlin wurde es dann doch noch", erzählt der junge Rückraumspieler über die nicht ganz einfache Entscheidungsfindung.

Begleitet von seinem langjährigen sportlichen Mentor Wolfgang Ehrler, einem engen Freund seines vor sechs Jahren so früh verstorbenen Vaters und ehemaligen Spieler des damaligen Spitzenklubs TuS Hofweier, absolvierte Simak an der Spree zunächst ein mehrtägiges Probetraining, das dann allerdings für keine Fragen mehr offen ließ.

"Für mich kam nur Handball in Frage", berichtet Simak. Denn sein Vater Norbert Simak war durch und durch Handballer, als Spieler und danach wichtiger Funktionär bei den Teningern. Sein jüngster Sohnemann spielte zunächst in der männlichen D-Jugend beim TV Friesenheim, wechselte danach zu der für ihre exzellente Nachwuchsarbeit bekannten SG Ottenheim/Altenheim, ehe der ganz große Schritt in eine neue Zukunft in Angriff genommen wurde. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Vom familienbetreuten Leben im ländlichen Südbadischen zum selbständigen Selbstversorgerleben in der Millionenstadt – also in der Fremde. Da muss der junge Mann gewappnet sein. Dafür sorgte Mutter Simak gewissenhaft. Nicht ohne stolz sagt Frederik – in Berlin nennen ihn alle nur Freddy: "Sie hat mir beigebracht, wie ich Nudeln, Reis und Kartoffeln kochen muss und damit entsprechende Gerichte herstellen kann."

Im Jahrbuch seinen Klubs für die Saison 2018/19 antwortet er auf die Frage: Was kannst Du wie kein Zweiter kochen mit "Nudelauflauf!" "Ich kann auch noch andere Gerichte gut zubereiten", erzählt der junge Neu-Berliner mit einem kleinen Schmunzeln und fügt ernsthaft hinzu: "Es ist gut, dass die Füchse darauf achten, wie sich vor allem die jungen Spieler sich ernähren." Auch wann, was und wie viel als Hochleistungssportler gegessen werden darf, das weiß der Junior genau.

"Solange er das macht, was ich mit ihm abgesprochen habe, freue ich mich darüber."

Cheftrainer Velimir Petkovic
Natürlich war ihm anfangs die große Stadt an der Spree verständlicherweise ein wenig fremd. "So viele Menschen", fand er seine neue Welt noch ziemlich ungewohnt. "Gut, dass ich so fest mit dem Handball eingebunden war. Das hat mitgeholfen, mich in meiner neuen Umgebung allmählich immer besser zu Recht zu finden." Und die neuen Mannschaftskameraden aus sechs verschiedenen Ländern, die meisten Nationalspieler, helfen ihm als jüngstes Mitglied, so schnell wie möglich integriert zu werden. Dazu gehört neben der sportlichen Aufgabe, Tore zu werfen und vor allem gut zu verteidigen, die nicht minder wichtige Aufgabe im Spiel und Training als "Wasserträger" dafür zu sorgen, das ausreichend die notwendigen Getränke bereitgestellt sind. Er verlässt nach jedem Training als Letzter das Parkett, aufgeräumt, damit der Hallenwart nichts zu meckern hat.

"Es läuft gut für mich", sagt ein zufriedener Frederik Simak, "Berlin ist O. K."

Wie jeder junge Spieler hofft er in dieser Saison "auf möglichst viele Einsatzzeiten und dass ich von Verletzungen frei bleibe." Füchse-Manager Hanning ist zufrieden mit dem Stand seiner Entwicklung: "Freddy ist in dieser Saison fester Bestandteil des Profikaders. Er ist ein entwicklungsfähiges Talent, der mit guter Körperlichkeit und einer gewissen Robustheit ausgestattet ist. Beim Bronzemedaillengewinn der deutschen Junioren-Nationalmannschaft hat er dem Defensivverbund viel Stabilität geben können."

Und derzeit so schnell in den Mittelpunkt gerückt, soll es aber künftig nicht dabei bleiben, hauptsächlich als Strafwurfschütze erfolgreich zu sein. "Für mich steht im Vordergrund, dass ich mich bei den Füchsen weiter entwickeln kann", sagt Frederik Simak. Daneben will der junge Mann sein Studium im Wirtschaftsingenieurwesen auf den Weg bringen. Freilich zunächst einmal ohne gestrenge Perspektivrichtung. Ihm geht es darum, auch mal den Kopf vom Handball frei zu machen. Sein Mentor Ehrler ist sich sicher: "Ich bin fest davon überzeugt, dass Freddy auf einem guten Weg ist."

Der erfahrene Cheftrainer Velimir Petkovic (62) lehnt es kategorisch ab, seinen jüngsten Schützling über den grünen Klee zu loben. Er findet: "So lange er das macht, was ich mit ihm abgesprochen habe, freue ich mich darüber. Ich bin aber überzeugt, dass er sich bei uns weiter entwickeln kann. Das steht für mich im Vordergrund. Zu viel Rampenlicht stört dabei nur."

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