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21. August 2012

"Ich habe immer mehr Respekt bekommen"

BZ-Interview mit dem Handballexperten Armin Emrich, der sich nach aktiver Laufbahn und Trainerdasein, der Belastung der Schiedsrichter zuwendet.

  1. Hohe Herzfrequenz: Handball-Schiedsrichter Foto: Patrick Seeger

  2. Für den Trainer Armin Emrich waren Schiedsrichter schon einmal Feindbilder. Diese Einschätzung hat der 61-Jährige nun korrigiert. Foto: Archivfotos: DPA/Patrick Seeger

HANDBALL. Armin Emrich hat das Thema "Schiedsrichter" in seinen Blickpunkt gerückt. Mit Unterstützung des Institutes für angewandte Trainingslehre (IAT) begleitete er ausgewählte Schiedsrichterpaare über eineinhalb Jahre. Das Ziel: Zum ersten Mal überhaupt ein konkretes Belastungsprofil – sowohl in physischer als auch in psychischer Hinsicht – zu ermitteln. Um dann die Unparteiischen im Handballsport besser auf ihre anspruchsvolle und zunehmend belastende Aufgabe vorbereiten zu können. In einem Interview mit Arnulf Beckmann sprach Emrich über diese Langzeitanalyse.

BZ: Herr Emrich, Sie waren Nationaltrainer der Männer und der Frauen. Und jetzt kümmern Sie sich um die Schiedsrichter. Wie kommen Sie dazu?
Emrich: Das ist eine lange Geschichte. Vorweg aber möchte ich feststellen, dass die Schiedsrichter in unserer Sportart eine Position und einen Wert haben, der gemeinhin gewaltig unterschätzt wird. Wir gehen zu wenig respektvoll mit der Rolle, der Aufgabe und mit den dahinter stehenden Personen um. Ich schließe mich da nicht aus. Als ich ein junger Trainer war, waren die Schiedsrichter natürlich mein Feindbild. Ich bin sehr kritisch mit ihnen umgegangen. Heute ist das anders.

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"Ich bin sehr kritisch mit den Schiedsrichtern umgegangen."
BZ: Erzählen Sie mal, was haben Sie im Hinblick auf die Schiedsrichter unternommen?
Emrich: Der Auslöser war meine Teilnahme an den Verhandlungen zwischen Liga und Verband. Es ging dabei um den Grundlagenvertrag, der diskutiert wurde. Ich war als neutraler Insider geladen, um meine Ansichten in die Diskussion einzubringen. So fing es an.

BZ: Was kam dann?
Emrich: Ich habe vorgeschlagen, sich mit dem IAT, dem Institut für angewandte Trainingslehre, in Verbindung zu setzen. Das IAT war offen, dort wurden exemplarisch einige Schiedsrichter über rund eineinhalb Jahre beobachtet. In erster Linie wollten wir die physische Belastung eines Referees vor, während und nach einem Bundesligaspiel erfassen. Dabei ging es um Herzfrequenz und Laufwege. Unterschieden wurde in Sprints, Dauerlauf und Gehen und in allgemeine Belastung. Die Ergebnisse sollten Rückschlüsse auf das Anforderungsprofil eines Schiedsrichters zulassen. Für Spieler gibt es das ja schon längst.

BZ: Was ist dabei herausgekommen?
Emrich: Sehr vereinfacht ausgedrückt kristallisiert sich folgendes Belastungsbild. Ein Spieler läuft in einem Match 45 Prozent in langsamem Tempo, 20 Prozent läuft er schnell und drei Prozent im Sprint. Beim Schiedsrichter ist dieser Anteil geringer. Er hat einen dominierenden Anteil von Gehen, Stehen, Laufen und kurzem, schnellem Antritt. Trotzdem kommt er in der Summe während eines Spiels auf 5000 bis 6000 Meter. Das ist keine geringe Belastung. Wie sehr die Schiedsrichter davon in Anspruch genommen werden, wollten wir mit einer Pulsuhr und einer entsprechenden Messung des Laktates herausfinden. Das Spannende dabei war, dass die Herzfrequenz eines Schiedsrichters bereits deutlich vor dem Match in die Höhe schnellt und es erstaunlich lange dauert, bis er sich nach dem Spiel wieder restlos erholt hat.

BZ: Weil der Schiedsrichter nicht fit genug ist, um den Belastungen standzuhalten?
Emrich: Nein, überhaupt nicht. Wir haben seinen Cortisol-Anteil gemessen. Cortisol ist ein Stresshormon, also ein sehr guter Stressindikator. Dabei kamen wir zu erstaunlichen Ergebnissen. Obwohl die Schiedsrichter sich anders bewegen als die Spieler, weicht die Herzfrequenz kaum ab von der eines Spielers. Das hängt nicht mit der physischen, sondern offenbar mit der psychischen Belastung zusammen. Das wiederum ist an den stark erhöhten Cortisolwerten abzulesen. Dass die während eines Spiels enorm hoch sind, lässt sich ja noch erklären. Aber ein Schiedsrichter braucht auch nach dem Spiel unglaublich lange, bis diese Werte, die den Normalwert nicht selten um ein Fünffaches übersteigen, wieder im normalen Bereich angekommen ist. Das kann mitunter Tage dauern.

BZ: Um das rasch in den Griff zu bekommen, muss er also ganzheitlich fit sein?
Emrich: Richtig! Je besser der Fitnesstand, desto langsamer steigt der Cortisolspiegel, desto rascher setzt die Regeneration nach dem Spiel ein. Und der Stress ist allgegenwärtig. Nehmen Sie doch mal die letzten zehn Minuten eines richtig engen Bundesligaspiels. Da haben Sie 50 Minuten alles richtig gepfiffen, machen aber in der intensivsten Phase des Matches Fehler, die das Spiel entscheiden. Dann werden Sie nach dem Spiel von allen Seiten in der Luft zerrissen. Ergo gilt es, die Grundlagen und die Langzeitausdauer eines Schiedsrichters besonders zu trainieren, um dort genau so fit zu sein, wie zu Beginn des Spiels. Das verkürzt die Regenerationszeit nach dem Spiel, erhöht die Distanzierungsfähigkeit. Dies sollte aber auch schon vor dem Spiel beginnen. Die Anreise zum Spiel sollte ohne Hast geschehen. Unsere Schiedsrichter sollten möglichst ruhig und entspannt auf das Spiel vorbereitet werden. Um sich dann ganz auf die insgesamt sicher 80 intensiven Minuten konzentrieren zu können und um hochqualitative, wichtige und richtige Entscheidungen treffen zu können.

BZ: Das klingt hochinteressant.
Emrich: Das ist es auch. Summa summarum können wir in der Handball-Bundesliga und im DHB feststellen, dass das Bewusstsein der Schiedsrichter für die Wichtigkeit ihrer Tätigkeit ja ohnehin da ist, aber nach diesen Erhebungen kann das nun auch fundiert in alle Richtungen vermittelt werden. Warum sie fit sein sollen und müssen, verdeutlicht diese Langzeitanalyse. Die Grundlagenausdauer ist dabei das Nonplusultra. Auch und vor allem, weil der emotionale Verschleiß nicht zu unterschätzen ist. Man kann es auf eine einfache Formel herunter brechen: Je besser die Fitness der Referees, umso weniger Fehler werden gemacht. Klar muss sein, dass der Schiedsrichter im Handball einen Ganzjahresjob hat, für den er sich fit zu halten hat. Es reicht einfach nicht mehr aus, sich sechs Wochen vor einem Lehrgang fit zu machen. Dazu kommen Grundvoraussetzungen, wie Persönlichkeit, Regelfestigkeit und geschultes Auge. Die Fitness entscheidet möglicherweise darüber, ob in der entscheidenden Situation falsch oder richtig entschieden wird.

BZ: Was können Handball-Bundesliga und DHB tun, um den Ergebnissen Rechnung zu tragen?
Emrich: Das ist weniger Sache von Liga und Verband. Die fachliche Betreuung und Ausbildung der Referees ist in Deutschland auf einem sehr hohen Niveau. Ich würde mir allenfalls den Einsatz von Headsets auch in der 2. Liga wünschen. Dies halte ich bei dem Niveau für zwingend erforderlich. Die Fitness als solche ist Sache der Schiedsrichter, ihres Chefs und des Bundeslehrwarts. Wir wissen nun noch genauer, welch hohen Stellenwert Fitness hat. Zudem müssen die Unparteiischen sich konsequent auf die Herausforderungen der Saison vorbereiten. Dazu gehört die erforderliche Freistellung im Beruf, eine entsprechende Entschädigung und – bei weiter Anreise – auch eine Unterbringung in einem Hotel. Aber das sind Dinge, die nicht ich zu entscheiden habe.
"Ganz ehrlich: Ich möchte den Job nicht machen müssen …"
BZ: Sie scheinen richtig Gefallen an Ihrer neuen Aufgabe gefunden zu haben?
Emrich: Sie gefällt mir zunehmend. Ich habe im Laufe der Monate immer mehr Respekt vor den Schiedsrichtern bekommen. Weil sie im Umfeld eines Spiels mächtig unter Strom stehen, sind sie anschließend ausgelaugt. In Körper und Kopf. Große Anspannung, hohe Konzentration und eine Emotionalität, die von allen Seiten auf die Schiedsrichter zuflutet und oft genug über ihnen zusammenschlägt. Da gehört eine ordentliche Portion Mut dazu, um das auf und neben dem Spielfeld durchzustehen. Auch diese Botschaft müssen wir unter die Leute bringen.

BZ: Haben Sie für sich persönlich etwas aus dem Projekt mitnehmen können?
Emrich: Ganz ehrlich: Ich möchte den Job nicht machen müssen...

ZUR PERSON: ARMIN EMRICH

Er war Bundesliga- und Nationalspieler, trainierte Erstligisten und diverse Nationalmannschaften. Der 61-Jährige, der in Allmannsweier lebt, hat sich nun intensiv der Belastung der Schiedsrichter angenommen. Eine bislang vernachlässigte Facette  

Autor: wok

Autor: bz


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