Es gibt keinen Ärger

Wolfram Köhli

Von Wolfram Köhli

Mo, 07. Mai 2018

Landesliga Nord

Die HSG Ortenau erreicht drei Jahre nach der Gründung ihr sportliches Ziel / Reith: "Südbadenliga ist ein Riesenschritt".

HANDBALL Landesliga Nord: HSG Ortenau Süd – TS Ottersweier 35:32 (21:15). Die HSG Ortenau Süd hat drei Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 2015 das erklärte sportliche Ziel Südbadenliga erreicht. Am Samstag feierten Fans und Mannschaft in Seelbach den Meistertitel. Ganz sorgenfrei ist der Blick in die Zukunft indes nicht.

Für Kai Schilli war es schon lange vor dem Anpfiff keine Frage. "Ich bin mir sicher, dass die es packen", sagte der junge Bursche, auf dessen T-Shirt in dicken Lettern steht, "Bezirksklasse-Meister 2018". "Sonst gibt es Ärger", fügte er unter dem Beifall seiner Kumpels hinzu. Derweil liefen am Rande des Spielfelds in der Seelbacher Sporthalle schon jene Rituale ab, die die Ballwerfer einstimmen sollten auf die kommenden 60 Spielminuten. Jene, die einen endgültigen Charakter haben werden. Ein Punkt – und alles wird in Butter sein. Die Ärgernisse über versäumte Möglichkeiten sind auf einen Streich vergessen. Ersetzt durch die harte sportliche Realität, die die Südbadenliga darstellt.

Die TS Ottersweier aus dem Niemandsland der Tabelle offenbarte in den ersten Minuten, wo es beim Titelträger harzt. Die Mannschaft ist als Kollektiv stark oder auch schwach. Und so präsentierte sie sich eben auch an "Tagen wie diesen". Der Songtext der Toten Hosen sollte rund 60 Minuten später aus den Lautsprechern schallen. Mit gänzlich anderer Bedeutung. In jenem Moment beim 9:9 (12.) schrie nur einer, was die Lunge hergab. Trainer Mirko Reith: "Bewegt Euch!" Bis dato war jeder Wurf des Gastes ein Treffer. Sicher spielten die Rot-Weißen nicht nur gegen eine motivierte TS Ottersweier, sondern vor allem gegen die eigenen Nerven. Immer wieder riefen Erzählungen die Partie vor Wochenfrist in Ohlsbach in die Erinnerung. Das mag begründen, warum die emotionale Eruption nach dem Meisterstück vor rund 400 Zuschauern eher verhalten ausfiel. Dort hatte die Spielzeit ihre Krönung erhalten – und war auch entschieden worden.

So bleibt für die Statistik zu erwähnen. Das letzte Tor in der Landesliga warf Maximilian Schilli. Da waren noch sechs Sekunden zu spielen. Der Jubel indes hatte eingesetzt, als die Kunde von Ottenheims Sieg gegen den SV Ohlsbach in die Halle drang. Der schweren Fußverletzungen von Jason Peter und Nico Herzog war es geschuldet, dass da in Seelbach noch vier Minuten zu spielen waren. Aber wirklich interessiert hat kaum jemanden, was auf dem Spielfeld passierte.

Gerhard Straubmüller, 30 Jahre lang in Sachen Handball beim TV Sulz der Mann, ordnete den Erfolg historisch ein. "Als ich begann, stiegen wir von der Oberliga Südbaden ab, bis in die Bezirksklasse." Der Weg zurück war ein Langer. Erinnerungen daran hatten die Protagonisten am Samstag keine. Wie auch bei ihrer Jugend.

Sie hopsten, so sie konnten, umarmten sich und wurden dabei vom Trainer Mirko Reith beobachtet. Er wirkte in sich gekehrt. "Ich bin froh", sagte er, "bin fertig und realisieren werden wir das Ganze erst in ein paar Stunden." Und dann holte den Handballtrainer wenige Minuten nach seinem ersten Meistertitel als Chef bereits die Realität ein: "Der Aufstieg ist ein Riesenschritt. Wir versuchen, das Jahr so gut wie möglich zu überstehen." Eine Ansicht, die schon fast im tragischen Widerspruch zu den schwarzen Shirts stand, die sich alle überstreiften und auf denen stand: beREITH für die Südbadenliga! MIRKOmme.

Er sei sich bewusst, gestand der 43 Jahre alte Kaufmann ein, nach ein, zwei heftigen Niederlagen "kann all das Selbstvertrauen weg sein, das wir uns in dieser Saison erarbeitet haben." Später, als die Bierdusche ihn erwischte und die allgemeine Glückseligkeit Akteure und Fans vereinte, wurde auch er lockerer. Wie sagte doch der Torhüter Stephan Richini: "In dieser Saison war so vieles so geil." Dazu gehört auch der Titelgewinn.

HSG Ortenau Süd: Richini, Meister; Betzler 7/1, Fimm 4, D. Herzog 1, Leufke, Göpper 4, Schilli 3, Peter 6, Wilhelm 3, B. Ruf 2, Bolz 3, N. Herzog, Glatz 2. Spiel-Film: 4:5, 6:5 (7.), 9:10 (13.), 12:10 (16.), 13:12, 15:12 (21.), 18:13 (27.), 21:14 (30.), 21:15 – 22:19, 28:21 (40.), 31:22, 31:26 (48.), 34:29, 35:32.