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18. März 2017 17:01 Uhr

Literatur

"Hagard" von Lukas Bärfuss ist ein erzählerisches Meisterwerk

Eine Obsession, präzise und zugleich poetisch festgehalten: Lukas Bärfuss schockiert mit der Erkenntnis, wie schnell man sich auch im technologischen Zeitalter abhanden kommen kann.

  1. Den Mann in der Menge hat schon Poe verewigt. Bei Bärfuss wird er zum Verfolger. Foto: -

  2. Lukas Bärfuss Foto: Frederic Meyer

Hagard. Man kann nachschauen in Wörterbüchern und Lexika. Man findet: Französisch für "abgezehrt" oder "von Sorgen gezeichnet". In der Jägersprache bezeichnet Hagard einen Beizvogel, den man im Alterskleid fängt. Klanglich wirkt der Titel von Lukas Bärfuss’ Roman – ist es nicht eher eine Novelle im klassischen Sinn – abweisend, sperrig, undurchdringlich. So undurchdringlich, wie für den Ich-Erzähler sein Protagonist zu sein scheint: Philip, ein Schweizer Immobilienmakler im besten Alter mit Wohnsitz in Zürich und einem Kind, von dessen Mutter die Rede nicht ist.

Mutmaßungen über Philip könnte der Prosatext auch heißen

Der Ich-Erzähler ereifert sich über die Unwahrscheinlichkeit und Unglaubwürdigkeit der Geschichte, die er seinen Lesern dennoch auftischen wird. Mutmaßungen über Philip könnte Bärfuss’ neuer Prosatext auch heißen, wenn der Erzähler sich nicht andererseits ganz dicht an die Fersen seines Protagonisten heftete – so dicht, dass er über Strecken mit ihm zu verschmelzen scheint. Eine ungewöhnliche Erzählstrategie, die an Bärfuss" vorangegangenen Roman "Koala" anschließt: die Suche nach dem durch Suizid aus dem Leben gegangenen Halbbruder, der so gut wie keine Spuren hinterlassen hat. Genauso spurlos ist am 8. März 2014 die Maschine der Malaysian Airlines mit der Flugnummer MH370 auf dem Flug nach Kuala Lumpur verschwunden und wurde trotz technologischen Großeinsatzes bis heute nicht gefunden.

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Dieses so rätselhafte wie tragische Ereignis bildet die Folie für "Hagard". Das Datum dieses Verschwindens ist dem Text eingeschrieben. Drei Tage später, am 11. März 2014, kommt Philip so zufällig wie unwiderruflich von seinem soliden Schweizer Lebensweg ab – weil ihm in der Menge der Feierabendheimkehrer zwei pflaumenblaue Ballerinas aufgefallen sind. Die Schuhe, Sinnbild für tänzerische Anmut, ziehen ihn mit unwiderstehlicher Verführungskraft an. Das dazugehörige Gesicht wird er niemals sehen. Philip folgt den Schritten der mutmaßlich jungen Ballerinaträgerin. Noch könnte er umkehren, sein Kind bei der Tagesmutter abholen, sich auf einen wichtigen Flug nach Gran Canaria vorbereiten. Doch als die pflaumenblauen Schuhe ausgerechnet ein Pelzgeschäft betreten und sich eine Kleiderhülle aushändigen lassen, ist es um ihn geschehen. Er folgt seiner Erscheinung bis in einen wenig glanzvollen, ungeordneten Vorort der glänzenden Stadt.

Männliche Protagonisten im Labyrinth ihres Begehrens

Das Motiv ist nicht unbekannt: Immer wieder, besonders in der Literatur der beginnenden Moderne an der Wende vom 19. auf das 20. Jahrhundert, haben sich männliche Protagonisten im Labyrinth ihres Begehrens verloren – so etwa der Protagonist von Hugo von Hofmannsthals unvollendetem "Andreas"-Roman. Der Schweizer Autor, dessen lange angekündigtes Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist, ist der Erste, der den Einbruch des anderen, Unzähmbaren in ein technologisch wohlgeordnetes Leben in einer Metropole des 21. Jahrhunderts geschehen lässt: einer Stadt, die zu den aufgeräumtesten und reguliertesten der Welt gehört, in der selbst die Parkhäuser illuminiert sind wie Supermärkte.

Hier also kommt Philip zuerst den sozialen Netzwerken und dann sich selbst abhanden. Sein Handy hat irgendwann keinen Akku mehr, sein Geld hat er in seinem BMW zurückgelassen. Er fällt heraus aus dem kapitalistischen Verwertungszusammenhang, dem Tauschgeschäft von Geld gegen Ware: Er ergreift die Flucht vor Fahrkartenkontrolleuren, klaut einen Kaffeebecher und einen monströsen Spaßpantoffel für den einen seiner Füße, der sich beim beherzten Sprung aus dem Waggon von dem ihm angemessenen Timberland-Schuh getrennt hat. So schnell – es sind im Buch nicht mehr als 36 Stunden – kann man auf die andere Seite der Gesellschaft gelangen: dahin, wo man Ende auf Typen in abgehalftern Jaguars trifft, die brutal zutreten, wenn sich einer nicht die finanziellen Vereinbarungen hält.

Lukas Bärfuss’ Ich-Erzähler folgt der Odyssee seines zunehmend desorientierten Protagonisten mit sinistrer Lust. Er saugt sich und mit ihm der gebannte Leser fest an der Fatalität, mit der Philip in die Auflösung seines Ichs taumelt: Sein letzter Hilferuf an seine Sekretärin (von einem Münztelefon aus!) landet auf dem Anrufbeantworter, weil sich Vera ausgerechnet an diesem Tag ein ausgedehntes Schäferstündchen mit ihrem Lover genehmigt hat. Sein BMW, den er in der Nähe des finsteren Hauses abgestellt hat, in dem die Göttin der pflaumenblauen Ballerinas mutmaßlich wohnt, ist verschwunden, als er sich – in einem allerletzten Versuch, sein altes Leben wieder zu gewinnen – in ihn hinein und zu seiner Geldbörse retten will. Wie es die geordneten Schweizer Verhältnisse wollen, wurde der Wagen wegen Parkierens im Halteverbot abgeschleppt.

Einen ungemein starker erzählerischer Sog

Solche rationalen Erklärungen sind Philip aber nicht mehr zugänglich. Die Verschiebung seiner Wahrnehmung, man könnte auch sagen sein Wahnsinn, ist zu diesem Zeitpunkt schon weit fortgeschritten. Was dem in den gesellschaftlichen Funktionszusammenhang integrierten Ich-Erzähler vollkommen unverständlich und rätselhaft ist, entwickelt einen ungemein starken erzählerischen Sog: So – poetologisch – gesehen, emanzipiert sich der Pro-tagonist von dem fest im Sattel der Vernunft sitzenden Chronisten seiner letzten Stunden. Zu Gunsten einer Nebengeschichte, die auf den ersten Blick nichts zu tun haben scheint mit dem Hauptstrang, scheint er ihn gegen Ende sogar gänzlich verloren zu haben im großstädtischen Gewimmel. Die Retardierung der Handlung an dieser Stelle nervt ungemein. Man fragt sich, was Bärfuss erzählstrategisch damit bezweckt: Es handelt sich um ein im Zeitraffer erzähltes Leben, das keineswegs bürgerlichen Karrierevorstellungen entspricht. Ein ziemliches planloses, von Zufällen bestimmtes Auf und Ab, das just in jenem Taxi mündet, das den Immobilienmakler zu seinem verschwundenen Auto bringen wird. Diese Geschichte in der Geschichte ist, so scheint es, die krude Begleitmusik zu Philips von verhängnisvollen Zufällen diktiertem Ende.

Mag also die pure Kontingenz hinter allen Versuchen lauern, dem Leben einen Sinn zu geben, und diese Erkenntnis den Autor Lukas Bärfuss angetrieben haben: Sein dicht gefügtes Prosastück folgt auf bewundernswerte Weise den Gesetzen von Erzählökonomie und erzählerischer Stringenz. Mit seiner präzisen und zugleich poetischen Sprache leuchtet Bärfuss die Wege einer Obsession aus, die zum totalen Ich-Verlust führt. Ein literarisches Meisterstück. Wer soll diesem Buch den Preis der Leipziger Buchmesse streitig machen?

Lukas Bärfuss: Hagard. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 174 Seiten, 19,90 Euro.
Lesung: Lukas Bärfuss liest am 19. Juni auf Einladung des Freiburger Literaturbüros in Freiburg.

Leipziger Buchmesse

Später als üblich hat die kleine Schwester der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr ihren Auftritt vom 23. bis zum 26. März. Auch die Leipziger Buchmesse, die vor allem ein großes Lesefest ist, hat ihr Schwerpunktland: In diesem Jahr ist es der kleine Ostseestaat Litauen. Der PEN-Club nutzt das Branchentreffen für einen Appell an die Meinungs- und Pressefreiheit. Zentral ist die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch und
Übersetzung.

Autor: Bettina Schulte