Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
09. Februar 2012
Kunst und Mathematik als verschwiegene Komplizen
Die Welt der Zahlen und Formen: Reto Schölly stellt seine Matrixgrafiken in der Kunstscheune in Bremgarten aus.
HARTHEIM-BREMGARTEN. Am Anfang steht die Farbpalette. Doch einen Pinsel nimmt Reto Schölly, so sagt er, schon lange nicht mehr in die Hand. Der Künstler ersetzt die Farben aus der Tube durch den Computer. Mit gängiger Bildbearbeitung haben Schöllys Kompositionen indes nichts zu tun. Grundlage für seine farbensprühenden Leinwanddrucke in limitierter Auflage ist eine von Schölly selbst gestrickte Software.
Dazu muss man wissen, dass der in Denzlingen aufgewachsene Künstler (Jahrgang 1980), bevor er von 2006 bis 2009 im elterlichen Betrieb als Projektmanager tätig war, zunächst Kybernetik studiert und mit einem Diplom abgeschlossen hat. Zudem hat er bei Data Becker ein Buch zur "Linuxprogrammierung mit C++" publiziert. Derzeit steht er – protegiert von dem emeritierten Ästhetikprofessor und Kunsttheoretiker Bazon Brock – kurz vor seiner Promotion in Kunst an der Universität Wuppertal.
Schöllys Welt ist die Welt der Zahlen und Formeln, weshalb er seine Bilder, die er als Matrixgrafiken bezeichnet, am PC aus mathematischen Funktionen generiert. "Mathematik ist schön", erklärt Schölly dazu. "Meine Form des Designs soll schlichtweg eines bewirken: Freude bereiten." Seine künstlerische Laufbahn startete er als Autodidakt. "Das war 2001, eine Freundin inspirierte mich, ich fing mit dem Aquarell an." Experimente in Acryl und Öl folgten. Schölly wollte es genauer wissen, legte sich Bücher zu, und irgendwann kam die Idee, die Malerei auf den Computer zu verlagern. "Es war eine logische Entwicklung Technik und Kunst miteinander in Verbindung zu bringen, Kunst und Mathematik bildeten schon immer eine verschwiegene Komplizenschaft", findet der Künstler, der den Arbeitsprozess als eine "ästhetische Transformation" charakterisiert, die mit der Auswahl der Farben beginnt, und auf der digitalen Leinwand in Schwingungen mündet, deren Verlauf sich letztlich aus dem Harmoniebedürfnis des Künstlers ergeben.
Werbung
"Ars Ex Machina" titelt sein aktueller Zyklus mit Bildern im Format von 1 x 1 Meter, die schon in Freiburg zu sehen waren und demnächst in Wien gastieren. "Sinus erzeugt einen harmonischen Schwung, Cosinus bringt Turbulenzen rein, das Ganze kann man sich aber auch wie eine Melodie oder ein Gedicht vorstellen", berichtet der Künstler, auf dessen Internetseite (http://www.reto-schoelly.de auch ein Pythagoras-Blog zu finden ist. Zur technologischen Gestaltung kommt bei Schölly eine literarische Neigung. So interpretiert er etwa seine Arbeit "Matgx-Gelb", zu der ihn eine von einem Fluss durchquerte israelische Wüstenlandschaft animierte, mit dem Vergleich: "Der blaue Fluss fließt durch die Wüste wie der Absolutwert Wasser von Sand trennt."
Derzeit arbeitet Schölly, der in seiner Freizeit gerne mal für Freunde kocht (italo-amerikanisch, nach dem Mafia-Kochbuch) an zwei neuen Projekten: einem digitalen Musikgenerator, bei dem er den Farben Klänge zuordnet, und so ein Bild in eine einfache Melodienfolge transferiert. Vision ist noch sein Plan, eine Melodie aus genetischen Sequenzen zu generieren. Exemplarisch: "Die Bach’sche Fuge aus der Basensequenz."
Autor: sam
