LEUTE IM LANDKREIS: Der Sammler vom Salmen

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Sa, 08. September 2018

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Rolf Imm half beim Umbau des Gasthauses Zum Salmen in Hartheim zu einer Begegnungsstätte mit und stellt dort Akkordeons aus / Besichtigung am Sonntag.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Rolf Imm schraubt die Hülle seines neuen grünen Akkordeons ab und klopft mit seinen Fingern auf die Innenverkleidung. "Alles Plastik", sagt er. Von außen sehe das Akkordeon zwar stilvoll aus, aber mit einem Holzinstrument habe es nichts zu tun. "Völlig wertlos", lautet sein Fazit. Für Musiker. Nicht aber für ihn, den Sammler, der es geschenkt bekommen hat. Er will ein paar Schönheitsreparaturen an der Verkleidung vornehmen und die Herkunft des Stücks recherchieren.

Ein in kyrillischer Schrift bedruckter Aufkleber an der Unterseite des Instruments lässt vermuten, dass es aus Russland oder Osteuropa stammt. Später soll es neben Imms 62 anderen Akkordeons stehen. Sie sind Teil einer Instrumentenausstellung im Hartheimer Gasthaus zum Salmen sind, das nur noch bei Veranstaltungen geöffnet wird. Als die 5000-Seelen-Gemeinde das historische Gebäude verkaufen wollte, legte der frühere Zimmermann Imm sein Veto ein. Er gründete einen Verein, der den Salmen zu einem Ort kultureller Begegnung umbaute.

Schon im Alter von sechs wünschte sich der kleine Rolf ein Klavier. Ein Wunsch, den seine Eltern nicht erfüllen konnten. Der Krieg war gerade vorbei, das Geld knapp. Doch eine Vorliebe für Musik gab es in der Familie. Und ein einfaches Akkordeon, Baujahr 1922, mit gerade einmal acht Bassknöpfe. Auf dem lernte Imm, der Jüngste von vier Geschwistern, zu musizieren. Vor zehn Jahren rettete er es vor dem Verschimmeln. "Mein Bruder hatte es im Keller gelagert", sagt er. Die Stimmplatte sei verrostet gewesen, der Filz von Motten befallen. Imm griff gerade noch rechtzeitig ein. Jetzt steht es im Regal neben zwei weiteren Familienstücken – unter anderem einer Sirena mit 120 Bassknöpfen. Mit der, erzählt Imm, habe sein ältester Bruder in einer Kapelle gespielt. "Wenn er arbeiten war, habe ich heimlich damit geübt." Zum Glück sei er nie erwischt worden. "Ansonsten hätte ich von meinem neun Jahre älteren Bruder eins hinter die Löffel bekommen."

Auf sein erstes Klavier musste er warten, bis er in den 70ern ein Haus in Hartheim baute. Endlich war genug Platz da. Und aus dem Musikliebhaber Imm wurde der Sammler Imm. Neben 63 Akkordeons besitzt er nunmehr 18 Klaviere, eine Orgel, einen Flügel aus dem Jahr 1896 und viele, viele Mundharmonika. Zu jedem Instrument hat er eine Geschichte zu erzählen. Da wäre das Schifferklavier, das er 1972 im Pfandleihhaus in Freiburg für damals 150 Mark erstanden hat. Und auf dem die Schlagergruppe Medium-Terzett in den 1960er Jahren das Lied "Ein Loch ist im Eimer" gespielt hat. Oder das Damenakkordeon mit den schmalen Tasten, von dem es weltweit nur 50 Exemplare gebe und das er durch Zufall bei einer Frau entdeckt habe, der er Bilderrahmen abgekauft hat. Einige fand er auf dem Flohmarkt oder dem Sperrmüll, andere bekam er geschenkt, für wieder andere griff er tief in die Tasche. Etwa 40 000 Euro habe er ausgegeben, schätzt er.

Seine Frau hält nichts von seinem Hobby – und auch für Musik lasse sie sich nicht so richtig begeistern. "Mach’ den Kasten aus", habe sie ihm immer gesagt, wenn er mal wieder am klimpern war. "Meistens reicht es aber aus, wenn ich die Zimmertür schließe", sagt er mit einem Augenzwinkern. Er hat andere Fürsprecher. "Wenn ein Hartheimer irgendwo auf der Welt ein Akkordeon findet, denkt er an mich." So wie sein Hausarzt, der ihm eins aus Sibirien mitbrachte. "Ich bin hier bekannt wie ein roter Hund", sagt Rolf Imm, der vor 79 Jahren in Hartheim geboren wurde – damals zählte die Gemeinde etwa 800 Einwohner. Ende der 1950er Jahre begann er seine Lehre zum Zimmermann in Müllheim. "Das war für mich damals schon Ausland", sagt er. Seinen Humor hat er nicht abgelegt – ebenso wenig seinen Dialekt. Wer Imm zuhört, wird in seinen Bann gezogen. Es sind die kleinen Details, an die er sich erinnert, sein Gedächtnis, das sich jede Zahl merkt, die gestikulierenden Hände, die seinen Worten Nachdruck verleihen und die Hingabe, mit der er mal sachlich, mal leidenschaftlich über sein Hobby spricht.

Da kann man sich gut vorstellen, wie der agile Mann vor zehn Jahren den Hartheimer Gemeinderat mit einem selbstverfassten Gedicht in Mundart überzeugen konnte, das alte Gasthaus Zum Salmen renovieren zu lassen – anstatt es zu verkaufen. "Es war eine nicht-öffentliche Sitzung, und der damalige Bürgermeister bat mich, den Saal zu verlassen", erinnert sich Imm an die erste Ratssitzung im Jahr 2008. Er habe entgegnet, nur zehn Minuten zu benötigen. Die bekam er. Nachdem er sein Gedicht vorgetragen hatte, stimmte der Rat seinen Vorschlägen zu.

Also gründeten Imm, Altenburger und etwa 50 weitere Hartheimer den Verein Salmen und renovierten das mehrstöckige Gebäude. 11 000 Stunden ehrenamtliche Arbeitszeit hätten sie in das Projekt gesteckt, sagt Imm. Sie erneuerten das Gasthaus, die Küche, den großen Saal, bauten ein Gartenhäuschen, einen Geräteschuppen und werkeln derzeit an einer Fahrradgarage. Und wenn er zwischen den Renovierungsarbeiten Zeit findet, bastelt er an seinen Akkordeons. Egal, wie wertvoll sie sind.

Der Salmen-Verein baute das alte Gast- und ehemalige Wohnhaus des Autors Dietrich Schwanitz zur Kulturstätte um. Am Sonntag, 9. September, 11 bis 18 Uhr, ist sie samt Theatersaal und Literaturausstellung geöffnet. Das Akkordeonmuseum öffnet immer sonntags ab 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.