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08. August 2012 00:04 Uhr

Londoner Affären

Hat Standard Chartered Geld für den Iran gewaschen?

Miese Laune in den Banken der Londoner City: Die Geldhäuser stolpern von einer Affäre zur nächsten. Jetzt soll das bisherige Vorzeigeinstitut Standard Chartered Geld für den Iran gewaschen haben

  1. Galt bislang als Gegenentwurf zur vermeintlich bösen Welt der Investmentbanken – Standard Chartered Foto: dpa

Eine Anschuldigung jagt die nächste und erschüttert das Vertrauen in die Bankenbranche. Am Montagabend kam kurz vor Börsenschluss eine weitere Hiobsbotschaft – und erreichte ausgerechnet Standard Chartered. Die Bank galt seit Ausbruch der Finanzkrise als das Aushängeschild unter den Finanzinstituten.

Die New Yorker Finanzaufsicht fährt schweres Geschütz auf. Die Bank soll sich jahrelang nicht um Sanktionen gegen den Iran geschert haben und illegal Milliarden Dollar für das Regime transferiert haben. Das könnte teuer werden. Auch wenn das Institut die Vorwürfe zurückweist, die Börse ist schockiert. Mit so etwas hatte kaum jemand gerechnet. Die Aktie brach um mehr als 20 Prozent ein. Die Fallhöhe ist hoch. Standard Chartered galt manchem als Gegenentwurf zur vermeintlich bösen Welt der Investmentbanken. Während die Konkurrenten Lloyds und Royal Bank of Scotland (RBS) mit Milliarden vom Staat gerettet werden mussten, schreibt die Bank seit neun Jahren Rekordgewinne. Und zwar mit einer klassischen Mischung aus Privatkunden-, Filial- und Firmenkundengeschäft.

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Auch in diesem Jahr will die Bank das Personal weiter ausbauen und die Schwäche der Konkurrenz nutzen. Das Institut profitiert von der Konzentration auf die Schwellenländer. 80 Prozent des Geschäfts macht es in Asien, auch in Afrika und im Nahen Osten ist sie stark. Dagegen ist sie in Europa vielen unbekannt – am auffälligsten ist sie noch als Trikotsponsor des Fußballklubs FC Liverpool.

Andere britische Banken haben sich jüngst viele Fehltritte geleistet. Milliarden haben sie für die Fehlberatung von Kunden auf der Insel zurückgelegt, denen sie unnötige Kreditausfallversicherungen angedreht haben. Im Juni akzeptierte Barclays eine Strafe wegen Manipulationen beim wichtigen Referenzzinssatz Libor. Dieser Skandal zieht Kreise. Die Ermittlungen laufen gegen mehr als ein Dutzend Banken, auch die Deutsche Bank. Die Großbank HSBC entschuldigte sich in den USA, weil sie Geldwäsche von Drogenbaronen in Mexiko ermöglicht hatte.

Bei Standard Chartered schien so etwas unmöglich. So sehr pochte das Management auf Werte. "Wir bauen ein Geschäft, das einen breiten sozialen und wirtschaftlichen Mehrwert schafft", so Vorstandschef Peter Sands vergangene Woche. "Als Wettbewerbsvorteil und als ultimativer Risikoschutz sind unsere Kultur und unsere Werte unsere erste und letzte Verteidigungslinie." Die New Yorker Finanzaufsicht untermauert ihre Anschuldigungen mit Zitaten aus der Bank. So soll der US-Chef 2006 dringend vor den Iran-Geschäften gewarnt haben. Aus London gab es angeblich eine barsche Antwort.

Es dürfte schwierig sein für die Bank, die Anschuldigungen mit ihren zur Schau gestellten Werten in Einklang zu bringen. Die Vorwürfe beziehen sich auf eine Zeit, als Sands bereits an Bord war. Er galt als Kandidat für die Nachfolge des wegen des Libor-Skandals zurückgetretenen Barclays-Chefs Bob Diamond. Für die Banken ist es so oder so ein weiterer Tiefschlag. Der Rückhalt in der Politik, die die wichtigste britische Branche lange schützte, dürfte schwinden.

Autor: Erik Nebel (dpa)