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23. Januar 2016

"Einfach von Tapete oder Farbe abwischen"

INTERVIEW über Schimmelbildung im Wohnraum mit dem Diplom-Ingenieur Udo Schumacher-Ritz.

  1. Während der Heizperiode sind oft die Zimmerecken als Wärmebrücken von Schimmel betroffen. Darüber informiert Udo Schumacher-Ritz. Foto: Andrea Warnecke/VQC/dpa

  2. Foto: VQC

ie tauchen jetzt wieder auf: schwarze Schimmelflecken am Fenstersims oder in der Zimmerecke. Im Winter gedeihen die Pilze besonders gut im Haus. Udo Schumacher-Ritz vom Verein zur Qualitäts-Controlle am Bau erklärt im Interview mit dpa-Redakteurin Simone Mayer, warum das so ist.

SBZ: Herr Schumacher-Ritz, warum habe ich nur im Winter ein Schimmelproblem in der Wohnung?
Schumacher-Ritz: Die Sporen von Schimmelpilzen befinden sich immer überall in der Luft – egal, ob in Hamburg, München oder in Salzburg. Und Nährstoffe für ihr Wachstum sind immer vorhanden, etwa in Holz und Farbe. Im Winter ist aber mehr Feuchtigkeit im Haus. Die Sporen brauchen zwar selbst keinen Tropfen Wasser, es reicht aber eine hohe Luftfeuchtigkeit von 70 Prozent und aufwärts zum Wachsen.

BZ: Die schwarzen Flecken bilden sich oft in Zimmerecken oder am Fenstersims. Warum dort?
Schumacher-Ritz: Weil hier eine konstruktiv bedingte Wärmebrücke oder ein Leck vorliegt, durch die warme Luft aus dem Haus entweichen kann. Nehmen wir zum Beispiel das Leck: Bei 22 Grad Raumtemperatur kann die Luft 12 Gramm Wasser tragen, aber draußen bei 4 Grad nur 6 Gramm. Entweicht die Luft vom Warmen ins Kalte, fällt an dem Fenster oder an der Wand die Differenz an, also 6 Gramm Kondenswasser pro Kubikmeter. Bei ungünstigen Bedingungen können pro Tag 50 Kubikmeter warme Luft durch ein Leck entweichen, es bildet sich folglich 300 Gramm Kondenswasser an dieser Stelle.

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BZ: Was sind die Ursachen von Wärmebrücken?
Schumacher-Ritz: Zum einen stoßen in der Zimmerecke mehrere Bauteile zusammen, die Decke und die Wand. Die Fläche der warmen Innenkante ist kleiner als die kältere äußere Fläche der Ecke, wir nennen das in der Fachsprache geometrische Wärmebrücke. Hier fließt Wärme schneller ab als an anderen Stellen im Zimmer. Man kann einen Wärmefluss an so einer Stelle mit Wasser vergleichen, das erst durch den Gartenschlauch läuft und plötzlich durch ein größeres Rohr abfließen kann. Zusätzlich können in einer Ecke noch unterschiedliche Materialien zusammentreffen – Betondecke und Mauerwerk mit und ohne Wärmedämmung. Der Wärmefluss sucht sich den Weg des geringsten Widerstands, eben durch die Betondecke nach außen. Und an so einer Ecke kann es zusätzlich Lecks geben, die etwa verdeckt durch die Tapete sind. Erst seit den 80er Jahren achtet man darauf, solche Luftundichtheiten auch zu schließen.

BZ: Ist Schimmel gefährlich?
Schumacher-Ritz: Grundsätzlich ist Schimmel nicht giftig. Das ist wie bei Schlangen: Es gibt viele, aber nur wenige sind giftig. Aber die Menge an Schimmel kann Reaktionen verursachen. In einem Schimmelleitfaden, der fachlich anerkannt ist, ist die Rede von drei Kategorien: Eins ist unbedenklich, zwei ist ein Risiko für Allergiker und Menschen mit geschwächtem Immunsystem und drei eine Gesundheitsgefahr. Sie gilt ab einem halben Quadratmeter Befall.

BZ: Wann kann ich den Schimmel bekämpfen, und wann muss der Profi ran?
Schumacher-Ritz: Ich würde dem Verbraucher als Grenze 20 Quadratzentimeter nennen. Bis zu dieser Größe kann er selbst den Fleck mit einem Schimmelpilzmittel oder Industriealkohol entfernen. Er sollte mit den Mitteln auch in einem Radius von einem halben Meter um den Fleck herum arbeiten. Auf keinen Fall sollte man Essig verwenden, dieser stellt einen Nährstoff für die Sporen dar.

BZ: Muss ich die Tapete oder den Putz erneuern?
Schumacher-Ritz: In 95 Prozent der Fälle zerstört der Schimmel kein Bauteil. Er lässt sich einfach von Tapete oder Farbe abwischen.

Zur Person: Udo Schumacher-Ritz ist Diplom-Ingenieur und war lange als Bauleiter tätig. Seit 2005 ist er Geschäftsführer des Vereins zur
Qualitäts-Controlle am Bau, der seinen Sitz in Göttingen hat.

Autor: dpa