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23. März 2017 14:40 Uhr

Wohin mit den alten Pillen?

Als die Großmutter stirbt, muss nicht nur jede Menge Papierkram erledigt werden. Beim Entrümpeln der Wohnung stoßen die Angehörigen auf eine gut sortierte Hausapotheke. Pillen gegen Halsschmerzen, Nasenspray, Brandsalben, blutdrucksenkende Mittel und jede Menge Wärmepflaster, Verbandsmaterial, Wundeinlagen. Über Jahre hat die alte Dame sich einen Vorrat an unterschiedlichsten Medikamenten und Medizinprodukten zugelegt. Vieles scheint noch in Ordnung zu sein, das Haltbarkeitsdatum ist längst nicht abgelaufen. Andere Fläschchen sind angebrochen, überzogen mit einer Staubschicht.

Wohin mit den Restbeständen? Auf keinen Fall in die Toilette oder in den Ausguss kippen, sagen Experten. Denn: Die Medikamente landen in der Kanalisation und in den Kläranlagen. Viele Stoffe, die in den Arzneien stecken, können nicht aus dem Abwasser herausgefiltert werden – und gelangen dann in Flüsse und Seen. Wasser sei immer im Kreislauf zu sehen, sagt Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. "Alles, was wir irgendwann hineinkippen, kommt wieder zu uns zurück."

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In der Apotheke nachfragen!

Pflanzen und Tiere werden geschädigt. Bestimmte Stoffe sorgen beispielsweise für eine "Verweiblichung" von Fischen und stören die Fortpflanzung der Tiere. Auch der Mensch ist langfristig betroffen, wenn sich nichts ändert. Über die genauen Folgen ist bisher nur wenig bekannt.

Experten wie Weyand appellieren an die Verbraucher, alte Medikamente oder Überbleibsel von Arzneimitteln fachgerecht zu entsorgen. In weiten Teilen Deutschlands können sie in den Restmüll geben werden, der in der Regel verbrannt wird.

Aber Achtung! Die Entsorgung im Restmüll ist nicht für das gesamte Verbreitungsgebiet der Badischen Zeitung richtig – nämlich nicht im Ortenaukreis, im Landkreis Emmendingen und in der Stadt Freiburg, weil dort der Restmüll nicht verbrannt wird, wie die Abfallwirtschaften vor Ort mitteilen.

In der Ortenau müssen demnach Altmedikamente bei der Problemstoffsammlung kostenlos abgegeben werden, zusätzlich nehmen einzelne Apotheken in der Ortenau Altmedikamente auf freiwilliger Basis zurück. Im Kreis Emmendingen laufe die Entsorgung ausschließlich über Schadstoffmobile, wie die dortige Abfallwirtschaft bestätigt. In der Stadt Freiburg laufe die Entsorgung über Schadstoffmobile oder einzelne Recyclinghöfe.

In einer Umfrage des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt kamen die Experten zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent der Befragten flüssige Medikamente über die Toilette oder die Spüle loswerden. Nur 15 Prozent entsorgten ihre Arzneien immer richtig, heißt es in der Studie von 2014.

Bundesweit gilt: Apotheken sind nicht verpflichtet, alte Medikamente zurückzunehmen. Aber: "Wir übernehmen Verantwortung für die Versorgung von Arzneimitteln und wir helfen bei der Entsorgung von Medikamenten", sagt Stefan Derix, Geschäftsführer der Apothekerkammer Nordrhein. Kompliziert wird es, wenn es sich um Spritzen, Kanülen oder spezielle Medikamente handelt. Sind diese im Restmüll auch sicher? Sollen alte Spritzen extra verpackt werden? Derix empfiehlt, sich an die Apotheken vor Ort zu wenden. "Das direkte Gespräch hilft am schnellsten."

Wasser-Experte Weyand vermutet, dass der demografische Wandel das Problem verschärfen wird. Mit der Überalterung der Gesellschaft steigt der Bedarf an Arzneimitteln. Schmerz- oder Herzmittel gehören dazu, aber auch Insulin gegen Diabetes, Salben gegen Hautkrankheiten. Medikamentenreste bleiben da nicht aus. Die Reinigung des Wassers wird damit zunehmend teurer, vermutlich werde sie viele Millionen Euro kosten.

Weyand fordert die Politik und die Unternehmen auf, die Umweltverträglichkeit der Präparate stärker in den Blick zu nehmen. "Es muss alles dafür getan werden, dass unser Trinkwasser die Spitzenqualität behält, die es heute hat." Dazu gehöre auch, dass mehr Geld in die Forschung fließen müsse. "Neben der Verantwortung für das richtige Medikament muss es auch eine Verantwortung gegenüber der Umwelt geben", sagt Weyand.

Dass sich die Probleme bei der fachgerechten Entsorgung der Arzneimittel künftig verstärken könnten, vermutet auch Apothekenvertreter Derix. Aber schaltet sich der Gesetzgeber ein und nimmt die Apotheken stärker in die Pflicht, fordert er finanzielle Hilfen. Ein Rücknahmeservice ist langfristig für viele Betriebe zu aufwendig und teuer.

Manche Stiftung nimmt Medikamentenspenden

Arzneien, die noch genutzt werden können, müssen nicht zwangsläufig im Müll landen. Einige Hilfsorganisationen nehmen Medikamentenspenden an – allerdings nur mit Einschränkungen. Zum Beispiel die Jenny-De-la-Torre-Stiftung in Berlin, die sich um Obdachlose kümmert. Voraussetzung ist, dass die Arzneien mindestens noch ein halbes Jahr haltbar sind und nicht benutzt wurden. Also: Eine geöffnete Flasche Nasentropfen nimmt die Organisation nicht an, aber verpackte Kopfschmerztabletten. Auch noch verschlossene Pflaster oder Mullbinden können abgegeben werden. Psychopharmaka oder spezielle Medikamente lehnt die Hilfsorganisation ab. Spender sollten zuerst nachfragen, welche Arzneien überhaupt gebraucht werden. Denn auch die Organisationen können nicht Präparate in großen Mengen lagern. Vor Ort überprüfen die Helfer den Zustand der Medikamente.

Aber wohin mit den übrig gebliebenen Malaria-Tabletten aus dem Afrikaurlaub? Entweder aufbewahren für den nächsten Trip oder entsorgen. Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" oder "Apotheker ohne Grenzen Deutschland", die auch in Entwicklungsländern arbeiten, nehmen solche Präparate nicht an. Der Grund: In den Ländern werden oft andere Arzneien benötigt. Zudem können die Helfer nicht sicher sein, dass die Qualität der Spenden stimmt. Die Hilfsorganisationen sorgen selbst für den Bedarf für ihre Projekte. Sie müssen zudem die strengen gesetzlichen Regeln für den Medikamentenversand berücksichtigen.

Die Bundesregierung will die Wissenslücke der Verbraucher schließen und hat die Website http://www.arzneimittelentsorgung.de geschaltet. Für alle Landkreise und kreisfreien Städte liegen Angaben vor, wo und wie die Präparate entsorgt werden können. Die Adressen findet man über eine interaktive Karte.

Autor: Tanja Tricarico