Ein guter Patriarch?

Das Gespräch führte Sarah Trinler

Von Das Gespräch führte Sarah Trinler

So, 26. August 2018

Wehr

Der Sonntag Brennet zieht sich komplett aus Textilproduktion zurück – Interview mit Stephan Denk.

Mit der DLE (Dreiländereck Textilveredelung) hat für Stephan Denk im Familienunternehmen alles angefangen, und damit endet auch der Weg: Zum 1. September wird sich die Brennet GmbH komplett aus der Textilproduktion zurückziehen. Im Interview spricht der Vorstandsvorsitzende über falsche Entscheidungen, Streit mit Politikern und über Zukunftsprojekte.

Der Sonntag: Herr Denk, nachdem 2012 die Produktionsstandorte in Wehr und Öflingen geschlossen wurden und nun die DLE verpachtet wird, zieht sich die Brennet komplett aus der Textilproduktion zurück. Was ist das für ein Gefühl?

Für mich zählt nur, dass ich meiner Belegschaft sagen kann, dass wir alles getan haben, was wir tun konnten. Die Kunst ist es, zur richtigen Zeit zu schließen. Geschäftlich läuft es in der Textilindustrie schon lange nicht mehr rund. Heute haben wir die Situation, dass 80 Prozent der Kunden, die wir einst beliefert haben, gar nicht mehr da sind. Es macht für uns wenig Sinn, zu warten, bis wir Rechnungen und Löhne nicht mehr bezahlen können.

Der Sonntag: Warum möchten Sie die DLE in Wehr verpachten und nicht gleich verkaufen? Die Verträge sollen bis zum 1. September unterzeichnet sein.

Das ist ganz einfach. Der Textilfabrikant, der die DLE weiterführen wird, kann Maschinen und Gebäude nicht kaufen.

Der Sonntag: Aber hätten Sie einem Verkauf denn zugestimmt?

Ich glaube, das Gebäude hätte ich nicht verkauft, die Maschinen schon.

Der Sonntag: Sie sind jetzt 75 Jahre alt und schon seit Jahren gesundheitlich angeschlagen. Fällt es Ihnen schwer loszulassen?

Wenn man im Familienunternehmen groß geworden ist, ist das doch ganz klar. Wenn man leicht loslassen könnte, dann würde doch etwas nicht stimmen. Meine Kritiker sagen, dass ich schwer loslassen kann, weil ich weiterhin das Sagen haben möchte – das stimmt aber nicht.

Der Sonntag: In der Öffentlichkeit werden Sie oft als Patriarch bezeichnet. Ist diese Bezeichnung richtig?

Schwierig zu sagen. Ein Patriarch übernimmt Verantwortung. Allerdings wird der Begriff heutzutage eher im negativen Sinne verwendet. Fast alle denken, dass die Welt nur aus Demokratie besteht; wir in der Industrie müssen aber die Demokratur leben.

Der Sonntag: Dass die Brennet in der südbadischen Textilindustrie am längsten durchgehalten hat, ist auch Ihrer unternehmerischen Leistung zu verdanken. Mit Ihrer teils aufbrausenden Art sowie auch mal harten personellen Entscheidungen haben Sie sich allerdings nicht nur Freunde gemacht.

Ich bin nicht auf der Welt, um einen guten Ruf zu haben, sondern um meinen Humor zu behalten. Wenn ich nicht im Stande wäre, auch mal harte Entscheidungen zu treffen, wäre ich hier falsch. Damals habe ich die Weisheit des Alters allerdings noch nicht besessen: Ich wollte vorwärtskommen, jeden, der mir im Weg stand, habe ich mehr oder weniger sanft beiseitegeschoben.

Der Sonntag: Bereuen Sie eine Entscheidung?

Es gibt einzelne personelle Entscheidungen, die ich falsch getroffen habe aufgrund falscher Informationen. Aber zur Blütezeit waren bei uns rund 2 000 Leute beschäftigt, da sind immer ein paar dicke Hunde dabei.

Der Sonntag: Auch mit Kommunalpolitikern liegen Sie immer mal wieder im Clinch. Erst jüngst kam es zum Zerwürfnis mit dem Wehrer Bürgermeister Michael Thater.

Stimmt, mit Politikern kriege ich mich ständig in die Wolle – aber mit Freude. Es gibt einfach gewisse Situationen, in denen man aus einem Streit heraus mehr erreichen kann. Dieses Freundschaftliche, es allen recht machen wollen, eine Hand wäscht die andere, ist nicht meins. Viele Bürgermeister vergessen, dass sie zum Wohle der Allgemeinheit handeln sollen.

Der Sonntag: Mit Bürgermeister Thater möchten Sie nicht mehr sprechen, daher geht es mit der geplanten Umgestaltung des Wehrer Brennet-Areals auch nicht weiter.

Ich habe keine Lust mehr, mit ihm zu sprechen. Da planen wir ein Dreivierteljahr die Umgestaltung des ehemaligen Brennet-Areals in der Mitte von Wehr und dann soll unserem eigenen Café Denkpause in direkter Nachbarschaft eine Konkurrenz vor die Nase gesetzt werden. Die haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank (d. Red.: Die Brennet als Investor und Grundstückseigentümer kann sich mit der Stadt Wehr nicht auf einen städtebaulichen Vertrag einigen) .

Der Sonntag: Auch bei der Umgestaltung des Öflinger Brennet-Areals, wo Sie Wohnungen errichten möchten, kommen Sie und die Stadt auf keinen grünen Zweig.

Insgesamt haben wir 20 000 Quadratmeter Fläche in der Stadtmitte, rund 10 000 sind es in Öflingen. Herr Thater meint, dass, wenn wir in Öflingen Wohnungen bauen, der Stadt wertvolle Gewerbeflächen verloren gehen. Aber das Areal in Wehr-Mitte genügt doch. Wir schauen, dass wir einen anderen Weg für unser Vorhaben finden – dann halt ohne Thater. Beide Grundstücke gehören schließlich uns.

Der Sonntag: Wie soll dieser andere Weg aussehen?

Das werde ich Ihnen nicht sagen.

Der Sonntag: Geht es denn mit den Plänen für das Säckinger Brennet-Areal besser vorwärts?

Allerdings. In Säckingen planen wir ein Ärztehaus in Abstimmung mit den Planern des künftigen Gesundheitscampus, damit wir uns da nicht gegenseitig in die Quere kommen. Die Baugenehmigung soll bereits Ende September beantragt werden. Wir müssen nur noch klären, ob wir das Projekt selber realisieren oder an einen anderen Investor in Erbpacht vergeben. Es haben sich schon einige gemeldet, die es machen wollen.

Der Sonntag: Lassen Sie uns der Vollständigkeit halber noch über das Grundstück in Hausen sprechen. Dort sind jüngst Millionen geflossen, richtig?

Das Grundstück in Hausen-Nord ist mittlerweile voll in unserem Besitz. Das denkmalgeschützte Herrenhaus von 1685, das ich geerbt habe, haben wir renoviert und mit Wohnungen ausgestattet. Dort ist ein wahres Schmuckstück entstanden, in das wir 3,9 Millionen investiert haben. In Hausen-Süd gehört der Brennet ein Gelände mit etwa 7 000 Quadratmetern, das mein Onkel damals nicht erschlossen hat. Von der Gemeinde wurde es gepachtet und als öffentlich zugängliches Naherholungsgebiet genutzt. Das Gelände wurde bislang von einem Lehrer gepflegt. Da dieser aber nun in Pension gegangen ist, haben wir den Nutzungsvertrag mit der Gemeinde gekündigt. Dort soll nun Wohnraum entstehen.

Der Sonntag: All die im Besitz der Brennet GmbH befindlichen Immobilien und Grundstücke wurden in einer Immobiliengesellschaft zusammengefasst. Die Brennet GmbH soll nun in eine Stiftung umgewandelt werden?

Die Stiftung gibt es, sie heißt "Carola", was sich aus den Vornamen meines Großvaters Carl, meines Onkels Robert und meines Vaters Albrecht zusammensetzt. Ziel ist es, bedürftigen, kranken und behinderten Kindern, alten Menschen und benachteiligten Familien aus Orten, an denen die Brennet tätig war, zu helfen. Mit der Stiftung wird gleichzeitig meine Nachfolge geregelt, mein Vermögen wird an meinem Todestag in die Stiftung fließen. Auch mein Bruder steckt sein Vermögen in die Stiftung. So wollen wir etwas zurückgeben. Das ist Teil des patriarchischen Daseins: Man muss das Gefühl haben, für jemanden sorgen zu können und etwas Sinnvolles zu tun.Das Gespräch führte Sarah Trinler