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09. Juli 2014 19:02 Uhr

Kreis Waldshut

Heftige Reaktionen nach der Bohrloch-Panne in Leibstadt

Die sechs Löcher in der stählernen Schutzwand des AKW Leibstadt machen Politiker aus der Region fassungslos. Von den Betreibern des Atomkraftwerkes gibt es drei Tage nach Bekanntwerden des Vorfalls keine Stellungnahme.

  1. Das AKW Leibstadt hat Löcher, wo keine sein dürfen. Foto: mende

Überwiegend eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Besorgnis kennzeichnet die Stimmung am Hochrhein nach Bekanntwerden der Bohrloch-Panne im Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt. Zu dem Vorkommnis und der Frage, unter welchen Umständen der stählerne Sicherheitsbehälter durch sechs fast fingerdicke Öffnungen beschädigt werden konnte, waren bis Mittwoch noch keine offiziellen Erklärungen der Betreibergesellschaft KKL zu erhalten.

Hülle muss gasdicht sein

Der ungewöhnliche Fall macht mit teilweise drastischen Schlagzeilen in schweizerischen und deutschen Internet-Medien Furore. Das stählerne Containment des Reaktorgebäudes wird auch Primärcontainment, Sicherheitsbehälter oder Sicherheitshülle genannt. Es liegt unter der äußeren Stahlbetonhülle und muss gasdicht sein, damit bei Zwischenfällen keine Radioaktivität austreten kann.

Die irrtümlich gebohrten Löcher im Containment von Leibstadt wurden laut ENSI provisorisch durch Schrauben und Dichtungen verschlossen. Gemäß ENSI-Auflage müssen die Öffnungen bis 18. Juli zugeschweißt sein. Andernfalls muss das Atomkraftwerk zur Reparatur abgeschaltet werden.

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SPD-Bundestagsabgeordnete Rita Schwarzelühr-Sutter aus Lauchringen erklärte: "Dass es in einem Schweizer Atomkraftwerk Mitarbeitern tatsächlich möglich ist, unbemerkt Löcher in das Primärcontainment, also im innersten Sicherheitsbereich eines Atomkraftwerks, zu bohren, macht mich und die Menschen in unserer Region fassungslos." Als Staatssekretärin im Bundesumweltministerium habe sie eine Einschätzung durch Experten ihres Hauses veranlasst.

Defizit im organisatorischen Bereich

Ergebnis, so die Politikerin: "Das Ereignis zeigt Defizite im Management-Bereich der Anlage auf." Das passt zur Kritik, die das Vorkommnis auch bei der schweizerischen Atomaufsichtsbehörde ENSI (Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat) ausgelöst hat: "Der Fehler weist auf ein bedeutendes Defizit im organisatorischen Bereich hin."

Der Sicherheitsbehälter umgibt den Reaktordruckbehälter wie eine Halle. Nach Angaben der Kernkraftwerk Leibstadt AG (KKL) wurden von innen insgesamt sechs Löcher mit jeweils sechs Millimeter Durchmesser gebohrt, wobei die 3,8 Zentimeter dicke Stahlwand vollständig durchdrungen wurde. Die irrtümlich am Containment angebrachten Öffnungen sollten der Befestigung von Handfeuerlöschern dienen.

"So etwas darf nicht passieren." Matthias Guthknecht, Bürgermeister Dogern
In einer Medienmitteilung übt auch der SPD-Landtagsabgeordnete Hidir Gürakar aus Bad Säckingen heftige Kritik. "Die Nutzung von Kernenergie gleicht einem Spiel mit dem Feuer. Die Gaus und Unfälle in den vergangenen Jahren in der Kernenergiebranche haben zu Recht ein Misstrauen gegenüber der Nutzung der Kernenergie innerhalb der Bevölkerung geführt." Gürakar schloss sich einer Forderung der Umweltschutzorganisation Greenpeace Schweiz an, wonach der Reaktor für die Dauer der der Reparaturarbeiten abgeschaltet werden solle.

Laut Schweizer Atomaufsichtsbehörde ENSI waren die Löcher am 24. Juni bei Kontrollen durch KKL-Mitarbeiter entdeckt worden. Am Montag dieser Woche informierte das Werk in einer Medienmitteilung über das Vorkommnis und die am 4. Juli vom ENSI erteilte Genehmigung des Reparaturverfahrens.

Durch den Vorfall wurde laut ENSI keine radioaktive Kontamination der Umgebung verursacht. Landrat Tilman Bollacher (CDU) schrieb in einem Brief an das ENSI unter anderem "Passieren derartige Fehler, trägt dies sicher nicht zur Beruhigung der Bevölkerung bei und wird die kritische Auseinandersetzung mit den Kernanlagen weiter forcieren."

Die Gemeinde Dogern liegt im Zwei-Kilometer-Radius des Atomkraftwerks und damit unter den deutschen Gemeinden dem Reaktor am nächsten. "So etwas darf nicht passieren", sagte Bürgermeister Matthias Guthknecht auf Anfrage. Er zeigte sich aber überzeugt davon, dass die geplante Reparatur sicher sei: "Vom Grundsatz ist mein Vertrauen nicht erschüttert."

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Autor: Roland Gerard