Lesung in Waldkirch

Heimatkunde: Ott liest neue Anekdoten

Frank Berno Timm

Von Frank Berno Timm

Mo, 03. November 2008 um 17:34 Uhr

Kreis Emmendingen

Karl-Heinz Ott las in der Cafeteria im Georg-Scholz-Haus aus seinem "Heimatkunde Baden"-Band. Dass sich ein Schwabe über Badisches äußert, hat dort keinen gestört.

WALDKIRCH. Vielleicht würde ja die frisch renovierte Cafeteria im Georg-Scholz-Haus, der noch der Charme des Bewohnten fehlt, gemütlicher wirken, wenn es Veranstaltungen wie am Sonntag  häufiger geben würde: Karl-Heinz Ott war aus Freiburg gekommen und las vor gut besetzten Reihen aus seinem "Heimatkunde Baden"-Band.

Zürnende Puristen, die sich daran gestoßen haben könnten, dass sich da ein Schwabe über Badisches äußert, waren im Publikum nicht auszumachen. Allenfalls an Details – etwa, ob Bleibach im Elz- oder Simonswäldertal liege – nahmen Heimatkundige Anstoß, ebenso an der Frage, wer denn nun wirklich das Kernkraftwerk in Wyhl verhindert habe. Ott zeichnet auf knapp 220 Seiten ein kenntnisreiches Porträt von Land und Leuten zwischen Konstanz und Kirschgartshausen. So berichtet er, dass Charles de Gaulle 1968 gerade in dem Moment, da die Unruhe in Paris am größten war, unauffindbar nach Baden-Baden zum Kommandeur der französischen Besatzungstruppen, Massu, entschwand. Ott referierte in Waldkirch genüsslich einen regelrechten Skandal in den Leserbriefspalten der BZ, in der sich vor einigen Jahren ein Professor über ein Gasthaus in Wasser erregte. Otts Humor lebt von klug dosierter Überzeichnung und von virtuos verdichteter Sprache. Dies wird deutlich in der Anekdote einer Südbadentour mit amerikanischen Besuchern, die mitten im Schwarzwald im Heulkrampf einer Lady gipfelte, sie wolle nun endlich den Black Forest sehen.

Große Namen – Hauff, Brentano, Hölderlin, Gottfried Keller, Turgenjew, Dostojewski – fehlen nicht, genauso wie die bekannten Ortschaften á la Heidelberg und Baden-Baden. Das kombiniert Ott mit Badenweiler, wo der Bürgermeister einst keine Statue für Tschechow wollte, weil er dort starb und man das am Ende im Kurort missverstehen könnte. Schon nicht mehr beiläufig berichtet Ott, dass Turgenjew für seine Geliebte Pauline Viardot ein Operettenlibretto schrieb, dessen Uraufführung Johannes Brahms leitete. Das erste Konzert der Sängerin in Baden-Baden hatte Hector Berlioz dirigiert. Neben den großen Orten vergisst Ott auch die kleinen nicht: Kirschgartshausen unweit von Mannheim mit der letzten, natürlich vor sich hin verfallenden Kneipe auf badischem  Terrain, bevor Hessen beginnt. Und Bleibach mit seinem Totentanz führt Ott ebenfalls vor – dies seien die ersten Comics gewesen.

Otts Heimatkunde ist angenehm, weil sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie ist – gleichsam zwischen den Zeilen – eine Aufforderung, Badisches nicht so bierernst zu nehmen.