Neues Album, runder Geburtstag

Heino wird 80 und bereitet den Weg in den Ruhestand vor

Oliver Seifert

Von Oliver Seifert

Mi, 12. Dezember 2018 um 19:30 Uhr

Rock & Pop

Für ihn soll’s rrrote Rrrosen rrregnen: Heino feiert seinen 80. Geburtstag und bereitet mit seinem letzten Album "Und Tschüss" den Weg in den Ruhestand vor.

Wenn die Musik schwer vor sich hin keucht, der Rhythmus stramm marschiert und die grimmigen Reime ohne gerolltes Rrr nicht zu haben sind, dann ist neuerdings ja höchste Konzentration gefragt: Ist das noch Till Lindemann oder schon Heinz Georg Kramm? Ist das nun Schlager-Metal oder Metal-Schlager? Im aktuellen Neue-Deutsche-Härte-Fall sendet der Sänger eine subversive Message: "Ich treibe meine Spiele / Verfolge meine Ziele". Irgendwann ist dann doch klar: Es ist nicht Till, sondern Heinz Georg.

Seit der als Heino berühmt-berüchtigte Heinz Georg Kramm, vor 80 Jahren am 13. Dezember 1938 in Düsseldorf geboren, Angst und Schrecken in der deutschen Popbranche verbreitet, weil er weithin gefeierte Bands wie Die Ärzte, Sportfreunde Stiller oder Die Fantastischen Vier nachsingt, sind die Verhältnisse etwas durcheinander geraten. Wo ist das Original, wo nur die Kopie? Was macht den Unterschied zwischen cool und uncool? Das komplizierte Rätsel wird auch nicht gelöst durch die Veröffentlichung des neuen Albums "Und Tschüss", auf dem sich der einst schlagernde Volksmusiker unerbittlich weitere Opfer vorknöpft. Immerhin, das ist die frohe Kunde für alle (die ihm bislang entkommen sind): Es ist sein letzter Streich. Danach ist Schluss. Durchatmen.

Hatte es auf dem Album "Mit freundlichen Grüßen" von 2013 eher banale zeitgenössische Hits erwischt, sind jetzt sogar einige relevante Klassiker vergangener Zeiten dran. Ob Trios "Da Da Da", Karats "Über sieben Brücken musst du gehn" in einer eher sterilen Version, Kraftwerks lässig groovendes "Model", das von der schweren Bariton-Stimme förmlich erdrückt wird, oder "Mackie Messer" im massiven Orchestersound. Winke winke darf schließlich die Familie machen: erst Enkel Sebastian als Giesinger-Bendzko-Forster-Verschnitt, dann zum Abschied Frau Hannelore auf den Spuren Hildegard Knefs. Wie Frauchen dabei die "rrroten Rrrosen rrregnen" lässt, ist ein beeindruckendes Geschenk an ihren Göttergatten zum runden Geburtstag.

Es fügt sich also, wenn der gelernte Bäcker und Konditor nach 80 Lebens- und 60 Bühnenjahren mit seinem letzten Album Tschüss sagt. Mit seiner Neuerfindung als Pop-Imitator hat er noch mal die Kurve gekriegt und die neunmalklugen Popmusiker von heute gelehrt, dass sie auch nicht viel besser sind als die verachteten Volksmusiker von gestern. Dafür braucht es nur ein bisschen Latein (populus – das Volk) oder eben eine wackere germanische Ikone aus tiefschwarzer Sonnenbrille und hellblonder Perücke, die von Anfang an polarisiert hat mit ihrer Auslegung, wie blau der Enzian und wie schwarzbraun die Haselnuss ist, wie viel Apartheid in Südafrika und wie viel Deutschlandlied zu tolerieren ist.

Der wahre Heino wird in der 2015 erschienenen Autobiografie "Mein Weg" immer mal wieder sichtbar. Viele seiner Lebenswege sind stark von Personen beeinflusst. Die Mutter, die sich ganz in den Dienst der Familie stellt. Der Entdecker und Förderer Ralf Bendix, der ihn von der Amateur- in die Profiliga bringt und 20 Jahre berät. Die dritte Frau Hannelore, die seit 1972 nicht mehr von seiner Seite weicht. Doch gerade im Privaten ist ihm das Glück nicht immer hold: Seine ersten beiden Freundinnen wollen ihn, aber deren Väter wollen ihn nicht (den Ansprüchen nicht zu genügen ist eine Erfahrung, die ihn prägt), und seine ersten beiden Frauen sind nicht die richtigen, wie sich schnell herausstellt.

Von vielen Schicksalsschlägen lässt er sich in all den Jahren nicht aus der Bahn werfen und ackert weiter und weiter für seinen Traum vom Leben als Sänger, den er bereits als Schüler hat, der die Musik entdeckt, obwohl der Musiklehrer ihn für unmusikalisch erklärt. Dass seine Lieder nach harter Arbeit klingen, dass seine Miene meist ernst ist, mag an den Widerständen und Hindernissen liegen, die im Laufe der Karriere zu überwinden sind, aber auch an der Einstellung, wonach Erfolg nur mit Blut, Schweiß und Tränen zu erlangen ist. Die Karriere als täglicher Kampf ums öffentliche Überleben endet aller Voraussicht nach mit der Tour zum Album. Danach kann Heinz Georg Kramm, der einmal Heino war, mit Enkel und Frau ausschließlich die Lieder singen, die ihm wirklich gefallen, ganz privat. Das ist für alle eine versöhnliche Perspektive.

Heino: Und Tschüss (Sony).