"Wir müssen nach Strukturen fragen"

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Sa, 08. September 2018

Heitersheim

Jost Großpietsch stellte in der Ehemaligen Synagoge die Netzwerke des Nationalsozialismus im Markgräflerland vor.

SULZBURG. Die Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus wird seit langem erforscht, und das Bemühen, den namenlos Ermordeten und Verschollenen wieder ein Gesicht und eine Geschichte zu geben, hat Erfolge gehabt. Aber immer noch weiß man wenig über die Täter, Mitläufer und die Strukturen des mörderischen Regimes.

Diese machten es auch im Markgräflerland möglich, dass Menschen am helllichten Tag vor den Augen ihrer langjährigen Nachbarn auf Lastwagen verladen und weggekarrt wurden. Diesen Fragen ging Sulzburgs Kulturreferent Jost Großpietsch am Europäischen Tag der jüdischen Kultur in einem Vortrag in der Ehemaligen Synagoge Sulzburg nach.

Bevor er auf Hugo Grüner zu sprechen kam, den Mann, dessen Name im Markgräflerland ein Synonym für staatlich gedeckte Gewalt und Brutalität geworden ist, blätterte er in einer geschwinden Tour d’Horizon einige Szenen auf, die ein bezeichnendes Licht auf die Verbindung von politischem Amt und der NSDAP schon in den frühen 1930er-Jahren warfen. Er stellte den "jungen feschen Mann" Hans Erley, einen Zahnarzt vor, der später Bürgermeister von Staufen und Kreisleiter in Freiburg werden sollte und schon 1932 im "Alemannen" gegen seinen Konkurrenten, den jüdischen Zahnarzt Gustav Bloch aus Sulzburg gehetzt hatte. Im Februar 1933 holte der braune Mob Bloch nachts aus seiner Wohnung, prügelte ihn halbtot und ließ ihn nackt auf einem Feld bei Eschbach liegen. Kurz darauf übernahm Erley Blochs Sulzburger Praxis. Bloch floh nach Paris und wurde nach der Eroberung Frankreichs durch nationalsozialistische Truppen in Südfrankreich verhaftet. Er wurde 50-jährig 1944 im litauischen Lager Fort IX in Kaunas ermordet.

In Müllheim leiteten 1936 im damaligen Bezirksamt vier Beamte die Geschäfte, Landrat Ribstein hatte als Beigeordneten den Nebenstellenleiter der Gestapo, Oestereicher, was für Großpietsch wieder die Verquickung von Amt und Partei zeigt. Er zitierte aus einem Rapport vom 14. November 1938 des Sulzburger Bürgermeisters Eggert an Regierungsassessor Oestereicher, in dem die "Ergebnisse" der Pogromnacht vom 10. November 1938 aufgelistet sind. Darunter heißt es wörtlich: "Selbstmorde kamen leider keine vor." Nach diesem Zettel wurden in Sulzburg 13 Privatwohnungen und drei jüdische Geschäfte zerstört, hier heißt Eggerts Fußnote: "Es ist nicht anzunehmen, dass die Geschäfte weitergeführt werden." Hugo Grüner war ab 1936 Kreisleiter in Müllheim. Auch er hatte bei den Zerstörungen in der Pogromnacht aktiv mitgewirkt, war von Müllheim dann auch nach Sulzburg gefahren, um den tobenden Mob weiter anzustacheln. Grüner war es, der am 7. Oktober 1944 vier junge Flieger, drei aus England, einen aus Neuseeland, die nach einem Absturz ihrer Maschine bei Kleinkems in Gefangenschaft gerieten, eigenhändig am Rheinufer erschoss und ihre Leichen in den Fluss warf. Diese grausige Geschichte ist durch Protokolle gut dokumentiert, demnächst wird auch ein Buch von Jost Großpietsch und Bernd Hainmüller darüber erscheinen.

Das damalige Geschehen in der Region hinterfragen

Was nicht aufgearbeitet ist, ist die Ahndung dieses Verbrechens, wie Großpietsch darlegte. Dem Todesurteil entzog sich Grüner durch Flucht. Gerüchteweise soll er sich zu seinem Bruder nach Argentinien abgesetzt haben. Großpietsch spricht von einem "Informationsdschungel" in den Nachkriegsbehörden und wirft dem Auswärtigen Amt vor, keinen Kontakt mit den Behörden in Argentinien gesucht zu haben. "Der Haftbefehl verliert sich", stellte er fest.

Die Intention seines Vortrags sei die Aufdeckung der Beziehungsgeflechte und Mechanismen, die die Nationalsozialisten so schnell auch im Markgräflerland etabliert hatten. "Wir müssen nach den Strukturen fragen. Wer zieht an welchem Strick, und wo kommt der Strick her", sagte Großpietsch. In der folgenden Diskussion kam auch die Tatsache zur Sprache, wie die Abtransporte der jüdischen Bevölkerung mitten am Tag unter zahlreichen Augenzeugen vonstattengingen. Ein deutliches Zeugnis dafür ist eine Fotoserie, die ein Fotograf am 22. Oktober 1940 in Lörrach gemacht hat, als die letzten jüdischen Bewohner, alles ältere Leute, zusammengetrieben, in der Handelsschule registriert und dann auf Pritschenwagen fortgebracht wurden. Auf allen Bildern sind zahlreiche Zuschauer auf der Straße, an Fenstern und auf einem Balkon zu sehen. Nikolaus Cybinski, der Vorsitzende des Freundeskreises Ehemalige Synagoge Sulzburg, hat in einem Essay in der Zeitschrift Badische Heimat (2002/4) diese Bilderserie kommentiert. Cybinski, der im Publikum anwesend war, gab zu bedenken, dass Angst Menschen zu Unmenschen werden lässt und eine Person restlos deformieren kann. Großpietsch zeigte auch ein Originalfoto aus dem Staatsarchiv Freiburg, auf dem angesehene Lörracher Bürger und Gemeinderäte das Innere der Lörracher Synagoge verwüsten. "Der europäische Tag der jüdischen Kultur versucht seit 25 Jahren, die Diskussion über die Täterstrukturen in Gang zu bringen", stellte Großpietsch fest. Und sie ist noch lange nicht zu Ende.