Fulminantes Eröffnungskonzert

Karin Steinebrunner

Von Karin Steinebrunner

Mo, 27. August 2018

Görwihl

Der Görwihler Kultursommer hat das Kappelberg-Quartett und den Künstler Tobias Eder zu Gast.

GÖRWIHL. Ein fulminantes Eröffnungskonzert mit nicht enden wollendem Applaus, Bravorufen und stehenden Ovationen erlebte der mittlerweile fünfte Görwihler Kultursommer am Samstag in der Pfarrkirche St. Bartholomäus. Das Kappelberg-Quartett aus Fellbach bei Stuttgart präsentierte Werke von Bach, Debussy, Beethoven und Haydn, wobei der Leiter des Quartetts, Mark Johnston, nicht nur als Geiger brillierte, sondern gleichzeitig noch den krankheitsbedingt abwesenden Alexander Reitenbach als Pianist ohne Fehl und Tadel ersetzte.

In einer kleinen Verschnaufpause für die Musiker erläuterte Tobias Eder in aller Kürze die Entstehungsgeschichte seines Vortragekreuzes. Mark Johnston begann das Programm des Abends mit Bachs dritter Solopartita für Geige. Diese siebensätzige Tanzsuite beginnt mit einem relativ ausgedehnten "Preludio", in dem Johnston gleich mit Verve, enormer Fingerfertigkeit, einer exzellenten Bogentechnik und feinen Echowirkungen die Aufmerksamkeit der Zuhörer fesselte. Die folgende "Loure", eigentlich ein anmutig fließender, liedhafter Satz, war durch die Ausschmückung mit Doppelgriffen und melodischen Verzierungen nicht weniger anspruchsvoll, ebenso die fröhlich hüpfende, tänzerische "Gavotte", von Johnston ebenso mit spielerischer Leichtigkeit vorgetragen wie das Vorige. Die beiden "Menuette", gefolgt von einer wieselflinken "Bourée" und der abschließenden "Gigue" vervollständigten noch den Eindruck des gekonnten Soloauftritts.

Nach diesem Einstieg mutierte der Sologeiger Johnston zum kongenialen Klavierpartner in Debussys Sonate für Cello und Klavier. Resolut beginnt das Klavier dieses Werk, gefolgt vom Cello, das die dramatische Steigerung im Klavier mit weiten sanglichen Bögen beantwortet. Im zweiten Satz verwandelt sich das Cello mit anhaltendem Pizzicato quasi in eine überdimensionale Gitarre, die ein romantisches Ständchen zum Besten gibt, leicht ironisiert durch die gestrichenen Einwürfe in der Folge, die wechselweise wie schmeichelnde oder aufbrausende Kommentare wirken und in einem feurigen Wettlauf enden.

Auch in der folgenden Beethovensonate überließ Mark Johnston den Streicherpart seiner Geigenkollegin und begleitete sie am Klavier, wobei er im Klavier eher den beruhigenden Part innehat, während die Geige von aufwühlendem Charakter zu sein scheint. Der zweite Satz dieser Sonate ist ein höchst ausgefallenes Menuett, dessen Thema achtmal erklingt und das brillant mit teils scherzhaft rhythmisierten, teils zuckersüß eingefärbten kurzen Abschnitten sein Spiel treibt. Temperamentvoll und ausgelassen virtuos schließt sich ein Rondofinale an.

Ein Highlight des Abends war sicherlich das abschließende Haydn-Quartett. Der Komponist selbst bezeichnete die entsprechende Werkfolge als "von ganz neuer, besonderer Art", und tatsächlich spielt Haydn hier immer wieder mit Überraschungsmomenten, die das Kappelberg-Quartett aus den Noten herauskitzelte und so eine ausgesprochen lebendige und nuancenreiche Interpretation bot.

Farbenfrohe Mischung aus Dramatik und Wohllaut

So wirkte der erste Satz wie eine farbenfrohe Mischung aus Dramatik und Wohllaut, mit gemütvollem Beginn, der durch äußerst präzise ausgeführte markante Striche und heftige Sforzati durchbrochen wird. Kaum weniger zupackend, mit starken Akzenten durchsetzt, begann der zweite Satz, der indes auch lyrische Zwiegespräche zwischen den hohen und tiefen Streichern beinhaltete. Im dritten Satz beginnen dann Cello und erste Geige ein ganz inniges Techtelmechtel, während sich der vierte Satz als Virtuosenglanzstück für die führende erste Geige entpuppt, der die übrigen Instrumente indes mit energischem Zug folgen.

Tobias Eders Vorstellung seines preisgekrönten Vortragekreuzes war kurz und sachlich. Im Bestreben, neue Ideen für die Gegenstände im Kirchenraum zu sammeln, habe das liturgische Institut Trier zum dritten Mal einen Wettbewerb ausgeschrieben. Zunächst galt dieser dem Deckblatt des Evangeliars, dann dem Hungertuch und nun eben dem Vortragekreuz. Sein Entwurf war ausgezeichnet und in einem Fachblatt beschrieben worden, wodurch Pfarrer Bernhard Stahlberger davon Kenntnis erhielt und die Ausarbeitung des digital am Computer erstellten Entwurfs in Auftrag gab.

Das Kreuz wurde schließlich in 3D-Druck hergestellt. Es formuliere einen Impuls, erklärt der Künstler, den Impuls Christi, als Mensch auf die Welt zu kommen, gekennzeichnet durch das als eine zusammenhängende Linie gegebene Kreuzzeichen. "Ich finde es enorm spannend, als Bildhauer heute am Computer Objekte entstehen lassen zu können", erklärt Eder. Dass er mit den neuen Medien das Werk selbst und darüber hinaus auch den Blick des Betrachters auf das Werk zu formen imstande ist, demonstriert er im Rahmen des Görwihler Kultursommers mit einem weiteren Kunstwerk, einem Video loop, der von Mittwoch bis Sonntag im Görwihler Pfarrsaal laufen wird.