Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
10. August 2012 00:01 Uhr
Projekt
Hessische Häftlinge lassen sich zu Trainern ausbilden
Trainer hinter Gittern: In der Justizvollzugsanstalt Butzbach ist die Fußballbegeisterung groß. Jetzt können dort ausgewählte Insassen ihren Trainerschein machen.
Guido Rabanus ist der Initiator des Projekts. Der Anstaltspsychologe ist ein großer, kräftiger Mann mit kahlem Schädel und einem Tattoo auf dem Arm. Er sagt: "Fußball ist ein Tor zur Welt." Und der Sport könne helfen, soziale Kompetenzen zu schulen. Das vom Hessischen Fußball-Verband (HFV) unterstützte Projekt eröffne die Chance, dass sich die Häftlinge später in der Gesellschaft engagieren und besser integrieren.
Wenn die Gefängnisinsassen rund 100 Lerneinheiten je 45 Minuten und die Abschlussprüfung erfolgreich absolviert haben, müssen sie nach ihrer Entlassung nur noch einen kleinen Teil draufsatteln – dann haben sie die Trainerlizenz Breitenfußball in der Tasche. Es ist die erste Stufe der Ausbildungshierarchie. Begonnen hat der Lehrgang im Mai, in wenigen Wochen stehen die Prüfungen an.
Egal, ob sie bestehen – schon jetzt haben die Häftlinge dem Psychologen zufolge vom Fußballtraining hinter Gittern profitiert. "Sie können Ehrgeiz entwickeln, auch Achtsamkeit für den eigenen Körper und für den Gegner. Durchhaltewillen ist gefragt, und der ein oder andere muss auch lernen, mit eigenen Schwächen umzugehen." Als Trainer wären die Insassen prädestiniert, später in sozialen Brennpunkten zum Beispiel mit Jugendlichen zu arbeiten, glaubt Rabanus. "Die treffen sicher den richtigen Ton." Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) begrüßt solche Initiativen und engagiert sich auch selbst in der Resozialisierung. Die DFB-Stiftung Sepp Herberger fördert etwa das Projekt "Anstoß für ein neues Leben", das unter den Justizministern der Bundesländer immer mehr Anhänger finde. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Berlin und Rheinland-Pfalz werde die Idee bereits erfolgreich umgesetzt. Mehr als 150 Jugendstrafgefangene zwischen 16 und 24 Jahren sind mit dabei. Beim Trainerlehrgang in Butzbach darf nicht jeder Insasse mitmachen. Mörder und Sexualstraftäter sind ausgeschlossen. Unter den 14 Teilnehmern sind verurteilte Gewalttäter, Bankräuber oder Erpresser. Einer von ihnen ist Steven (Name geändert). Der bullige, dunkelhäutige 50-Jährige sitzt bereits seit zweieinhalb Jahren wegen schwerer räuberischer Erpressung ein. "Ich habe einen Fehler gemacht, aber auch ich habe die Chance, ihn wiedergutzumachen", sagt er mit Blick auf das Fußball-Projekt. "Ich könnte mir durchaus vorstellen, außerhalb der Haftanstalt als Trainer nebenbei tätig zu sein", sagt er und lässt den Ball auf dem Fuß und dem Kopf tanzen.
Werbung
Steffen Winter (29) betreut die Häftlinge. Der Verbandssportlehrer bildet Fußballtrainer aus – normalerweise an der Sportschule Grünberg, nun auch im Gefängnis. "Anfangs war das schon sehr ungewohnt." Bis er auf dem Sportplatz angekommen ist, muss er sechs verriegelte Türen und Tore passieren. "Aber letztlich sind es normale Menschen, die es auch wert sind, ausgebildet zu werden." Er hofft, dass sich "genug Vereine finden lassen, in denen sich die Häftlinge resozialisieren dürfen, wenn ihre Strafe verbüßt ist". Vom Umgang her hätten sich die Häftlinge enorm entwickelt, erzählt Winter. "Wenn wir an die ersten Einheiten denken, da waren pro Abschlussspiel 20 Fouls in zehn Minuten, mittlerweile sind wir bei zwei bis drei angekommen."
Autor: dpa



