Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. März 2017

Heute und Historismus

Martin Gotthard Schneider zum Gedenken: Die Heinrich-Schütz-Kantorei Freiburg interpretierte Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Paulus".

  1. Dramatisch: Caravaggios „Bekehrung des Saulus“, Ausschnitt (1600/01) Foto: Repro: BZ

Immer nur Eintopf oder nur Kirschtorte? Nein! Der Mensch liebt (und braucht) Abwechslung. Letztere bietet in hohem Maße der "Paulus". Bei der Aufführung von Mendelssohns erstem Oratorium in der gut frequentierten Freiburger Maria-Hilf-Kirche artikulierte sich dieses Wechselspiel stets überaus eindringlich – mit den Eckwerten von lyrischer Verinnerlichung und raumgreifender Dramatik.

Mustergültig führte Freiburgs 60-köpfige Heinrich-Schütz-Kantorei (HSK) nunmehr das vor, was klingender Historismus konkret meint: jene anregende Mixtur aus eben historistischen und (damals) zeitgenössischen Musikidiomen, aus barocken Chorälen und Fugen sowie moderner Instrumentierung, garniert mit exquisiter liedhafter Lyrik. Das 1836 – Mendelssohn war da 27 – in Düsseldorf uraufgeführte Werk mit seiner Rezeption Bachs und Händels, jener heutige Hit der Oratorienliteratur des 19. Jahrhunderts, bescherte dem Komponisten, der unter anderem 1837 Freiburg besuchte, den internationalen Durchbruch. Das immer wieder packende Opus über die Bekehrung und Missionstätigkeit des Völkerapostels.

Werbung


Jetzt, bei der aktuellen Darbietung mit der HSK, gab es keine Werkkomponente, von der man melden müsste, dass sie nur unzureichend ausgekostet worden wäre. In seiner so sympathisch besonnenen, unaufgeregten Art hatte Chorchef Bernd Scharfenberger die Interpretation im Griff. Bei der kantablen Lyrik, die sich immer wieder attraktiv entfalten konnte. Oder bei den Chören, die dramatische Wucht anzunehmen vermochten ("Steiniget ihn!").

Man hörte eine Schütz-Kantorei, der diese Bandbreite lückenlos zu Gebote steht. Einen bis in die Fugen-Verästelungen hinein leistungsfähigen Chor, bei dem besonders die strahlende Soprangruppe für sich einnimmt. In puncto Textverständlichkeit allerdings ist bisweilen noch Luft nach oben. Ein paar Wackler, auch bei den Instrumentalisten der tüchtigen, für warme romantische Pastellfarben sorgenden Kammerphilharmonie Mannheim, trübten das Bild nicht nachhaltig. Dass dem Basssolisten Manfred Bittner für einen Moment gar mal die Stimme wegbrach ("denn Gott vermahnet durch uns") – geschenkt!

Ansonsten nämlich waren die vier Vokalsolisten hervorragend. Auch der mit der Paulus-Partie befasste Bittner, bei dem sich noble Bass-Substanz mit Beweglichkeit verbindet. Die Zornesarie ("Vertilge sie, Herr Zebaoth") hatte Power. Makellose Tenorqualitäten bot Sebastian Kohlhepp. Bei Meike Leluschkos feiner Sopranlyrik berührte das Höhenleuchten. Charlotte Quadts Alt fügte sich nahtlos ein. Insgesamt fühlte man sich in die bürgerliche Oratorienkultur der Romantik zurückversetzt. Dass dem so war, ist ein Verdienst dieser Auslegung. Heute und Historismus gingen wohlig in eins.

Gewidmet war der Abend dem Chorgründer und langjährigen Leiter Martin Gotthard Schneider – das erste HSK-Konzert nach dem Tod dieses Musikers und Theologen. An einer Stelle wurde die Zueignung gleichsam greifbar: beim auf die Melodie von "Wer nur den lieben Gott lässt walten" gesungenen Choral "Dir, Herr, dir will ich mich ergeben". Schließt er doch mit dem Diktum "Ich lebe dir, ich sterbe dir, sei du nur mein, so g’nügt es mir". In Zeitlupe, ruhig, wie ein stilles, aus tiefster Seele kommendes Gebet gestaltete Chorchef Scharfenberger diesen Choral in memoriam. Man darf annehmen, dass Schneider am "Paulus" seiner Schütz-Kantorei, der er nicht weniger als 47 Jahre vorstand, Gefallen gefunden hätte.

Der HSK-"Paulus" bleibt 2017 in der Chorstadt Freiburg nicht allein: Mit diesem Oratorium Mendelssohns wird der Freiburger Kammerchor am 27. Mai im Konzerthaus sein 50-jähriges Bestehen festlich akzentuieren.

Autor: Johannes Adam