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20. Januar 2017

"Es gibt keine Opfer, nur Kämpfer"

Zwei Weltmeister im Kickboxen bieten in der Gemeinde Heuweiler einen Selbstverteidigungskurs für Frauen an.

  1. Heiko Steiert (oben) und André Mergener demonstrieren Techniken zur Selbstverteidigung. Foto: Lisa Blitz

  2. Christine Bernardi (links) und Susanne Elsner üben, sich zu verteidigen. Foto: Lisa Blitz

HEUWEILER. Einen gezielten Schlag unters Kinn, dann zwei feste Tritte in den Bauch: erst mit links, dann mit rechts. Bei jeder dieser Bewegungen kräftig ausatmen, das verleiht dem Hieb noch mehr Wucht. Was zunächst klingen mag wie die Regieanweisungen im Drehbuch eines brutalen Thrillers, sind Techniken, mit denen Frauen lernen sollen, sich gegen Angreifer zu verteidigen. Die erfolgreichen Kickboxer Heiko Steiert und André Mergener kamen am Wochenende nach Heuweiler und zeigten dort in einem Selbstverteidigungskurs, wie Frauen sich in Gefahrensituationen am besten wehren können.

"Guten Morgen! Von gestern tut vielleicht manchen unter euch noch ein bisschen was weh, vielleicht habt ihr Muskelkater – heute frischen wir die gelernten Techniken auf, damit ihr sie verinnerlicht", begrüßt Heiko Steiert die 17 Frauen in der Kirchberghalle. Der zweite Kurstag beginnt mit Einlaufen, Aufwärmspielchen und Dehnübungen bei Musik. Die Stimmung in der Halle ist ausgelassen, die Frauen lachen viel und sind motiviert. Christine Bernardi, die mit ihrer Familie in Heuweiler lebt, freut sich über das Angebot zum Selbstverteidigungskurs: "Ich nehme teil, weil ich durch die Situation, die sich durch die zwei Morde in der Umgebung in den letzten Monaten ergeben hat, etwas beunruhigt bin. Ich habe das Bedürfnis, mich im Ernstfall besser verteidigen zu können."

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Nach dem Aufwärmen werden die Übungen, die am Vortag gezeigt wurden, wiederholt: gezieltes Schlagen und Treten, sich aus Umklammerungen und Griffen des Angreifers winden. Wichtig sei es, sich aus der Opferrolle zu befreien, so André Mergener, Inhaber der Kampfsportschule Fit Fighters Breisgau in Emmendingen, dreifacher Welt-, vierfacher Europa- und achtfacher deutscher Meister im Amateur-Kickboxen. "Es gibt keine Opfer, es gibt nur Kämpfer."

Später wird eine Realsituation simuliert: Jede der Frauen, bekleidet mit Jeans und Winterjacke – wie auf der Straße eben – muss sich eine Minute lang gegen Angreifer verteidigen. "Bei dieser Übung geht es uns hauptsächlich darum, zu zeigen, was es bedeutet, bei dieser enormen Anstrengung eine Minute lang durchzuhalten", sagt Mergener. Er feuert die Frauen an, "das ist die Realität da draußen!" Danach sitzt die Gruppe im Kreis und diskutiert über Schwierigkeiten, die Frauen sprechen über ihre Ängste. "In solchen Momenten müsst ihr euch denken: Ich strenge mich jetzt einmal in meinem Leben so richtig an", so Mergener. "Euer Mantra muss lauten: niemals aufgeben, durchhalten. Werdet euch eurer Kraft bewusst!", ergänzt Heiko Steiert.

Auch er ist Welt- und Europameister im Amateur-Kickboxen und im Team der Fit Fighters Breisgau. Der 38-jährige Sportlehrer aus Teningen wurde von seiner Kollegin Daniela Giesenhagen angesprochen. Sie engagiert sich in der Heuweiler Bürgerrunde. Nach den Vorfällen der vergangenen Monate kam dort die Idee auf, einen Selbstverteidigungskurs für Frauen zu veranstalten, und Steiert erklärte sich direkt bereit, den achtstündigen Kurs mit André Mergener anzubieten. "Die Verunsicherung der Frauen ist momentan extrem und der Wunsch nach Selbstverteidigungskursen ist groß", sagt Steiert. "Wir wollen den Frauen mitgeben, dass man immer handlungsfähig ist." Es reiche jedoch nicht aus, nur an einem Kurs teilzunehmen. Wichtig sei, fit zu bleiben und dauerhaft zu trainieren, so Mergener. "Dieser Kurs dient als Impuls. Wir wollen die Augen öffnen und die Frauen motivieren, dranzubleiben. Nur wer konstant übt, zu kämpfen, kann auch im Ernstfall kämpfen."

Die eigenen Grenzen aufgezeigt bekommen

Auch Christine Bernardi ist in dem Kurs bewusst geworden, wie wichtig regelmäßiges Kampfsport-Training ist: "Wir haben hier deutlich unsere Grenzen aufgezeigt bekommen. Gleichzeitig war es ein sehr gutes Gefühl zu merken, welche Energien man freisetzen kann."

Für ihr Engagement an diesem Wochenende wollen die beiden Kickboxer kein Geld. Steiert: "Wir wollen kein Geschäft mit der Angst machen." So wurden die Teilnahmegebühren von 25 Euro pro Frau für die Verpflegung während der zwei Kurstage eingesetzt – und der Rest wird an eine Familie in Not gespendet.

Autor: Lisa Blitz