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24. November 2011

Wer den längsten Palmwedel hatte

Autorenlesung in der Kirchberghalle: Manfred Schill verlebte seine Kinder- und Jugendzeit in Heuweiler und schrieb ein Buch.

  1. Manfred Schill liest aus seinen Jugenderinnerungen. Foto: Gabriele Fässler

HEUWEILER. "Eine Kindheit in Heuweiler" – so hatte Manfred Schill die Erinnerungen an seine Kindheit und Schulzeit überschrieben. Etliche davon hatte der heute in Denzlingen lebende pensionierte Realschullehrer vor zahlreichen Zuhörern in der Heuweiler Kirchberghalle wieder lebendig werden lassen. Schill, auch als Maler aktiv, bot zudem über 40 seiner Gemälde, darunter Ansichten von Heuweiler in Acryl, zum Verkauf an. Der Erlös daraus kommt der Welthungerhilfe und speziell Somalia zugute. Für das leibliche Wohl sorgten die Malteser.

"Ein ganzer Film ist vor mir abgelaufen", sagte eine Frau nach dem ersten Teil von Manfred Schills Ausführungen. Da hatte der Sohn des Dorfschmieds, 1939 in Heuweiler geboren, gerade über seine Kindheitsjahre und die Zeit auf der Volksschule berichtet. Schill erinnerte an alte, vielleicht vergessene Spiele – "Spechten", "Kaiser wie viel Schritte darf ich gehen?" "Sieben Leben" etwa – oder daran, dass samstags die Kinder die Schuhe aller Familienmitglieder putzen sowie die Dorfstraße vor dem Haus mit einem Reisigbesen reinigen mussten. Wie ärgerlich, wenn dann zu später Stunde ein Feierabendbauer mit seinem Wagengespann aus Hinterheuweiler das ganze Werk wieder zunichte machte.

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Den Bombenangriff auf Freiburg am 27. November 1944 hatte der damals 5-Jährige fasziniert als "himmlisches Schauspiel" wahrgenommen. "Dass in jener Nacht die Stadt (…) in Schutt und Asche gelegt wurde, war ein Ereignis, das ich nicht zu deuten vermochte, es lag jenseits meiner Erfahrungswelt (…)." Erst Monate später, als die so genannten "Hamsterer" an die Haustüren im Dorf klopften, um Hausinventar oder Schmuck gegen Lebensmittel einzutauschen, hätte er die Auswirkungen der Katastrophe begriffen.

Seine erste "Weltreise" nach Freiburg unternahm der Junge gemeinsam mit seiner Tante im Sommer 1945, kurz nach dem Krieg. Den Weg in die Stadt über das "Leheneck" – mit seinem alten Sandsteinkreuz – und Wildtal beschreibt Schill als den Weg, der aus "meiner Kindheit nicht wegzudenken (…) und für mich wie ein Freund [ist], der um die Geheimnisse meiner Kindheit und Jugend weiß". Kein Geheimnis sind die alltäglichen Begebenheiten im dörflichen Leben von Heuweiler, etwa so manche Schulstreiche oder Zusammenstöße mit dem Pfarrer, der großzügig Tatzen verteilte und in Luther einen Abtrünnigen und Feind der katholischen Kirche gesehen habe. Damit war "das evangelische Denzlingen für uns Kinder damals feindliches Ausland. (…) Pech für uns war nur, dass in Denzlingen der Bahnhof, die Mühle (…) und später auch das Kino waren."

Der alte Brauch, an Palmsonntag geschmückte Palmen zur Kirche zu bringen, brachte den Heuweiler Pfarrer buchstäblich "auf die Palme", so Schill. Wetteiferten die Buben doch darum, den längsten Palmen zu haben. Dies hätte den Geistlichen in Angst um die Deckengemälde im Gotteshaus versetzt. Deshalb wurden alle Palmen mit Verdacht auf Überlänge vom Messner kurzerhand zurechtgestutzt. Üblich war zudem, Böllerschüsse abzufeuern, weiß Schill zu berichten.

Sehr beliebt sei bei den Dorfjungen auch der winterliche Hütedienst gewesen. Denn ähnlich wichtig wie das Vieh zu hüten wäre es den Buben gewesen, große Lagerfeuer zu machen und mit den heimlich gesammelten Stumpenresten vom Vater oder dem Rauch aus den hohlen Stängeln der Waldrebe seine "Männlichkeit" zu erproben. Dass es davon manchem schlecht wurde, blieb nicht aus.

Auch im zweiten Teil seiner Erinnerungen an die Zeit als Schüler am Berthold-Gymnasium in Freiburg verstand es Schill, seine Zuhörer zu fesseln. Etwa als er erzählte wie er als Quintaner, vom Lateinlehrer mit Kopfnüssen traktiert und als Dummkopf tituliert, im muffigen Kartenzimmer saß, sehnsüchtig auf die zerschlissene Weltkarte blickte und sich "weit weg von diesem sadistischen Lehrer und dem verfluchten Latein" wünschte.

Doch gab es auch Pädagogen, mit denen Schill sich gut verstanden hatte, so mit seinem Deutschlehrer, der ihm zweimal den richtigen Weg gewiesen hatte .

Anstoß zu Schills Zeitzeugenbericht war der Vorschlag eines Schulkameraden bei einem der jährlichen Abiturjahrgangstreffen gewesen. So sind neben Schills Erinnerungen an die Schulzeit auch diejenigen seiner ehemaligen Klassenkameraden in dem 300 Seiten starken Buch zusammengefasst.

Autor: Gabriele Fässler