Alte Musik mit neuer Frische

Volker Rothfuß

Von Volker Rothfuß

Mi, 05. September 2018

Hinterzarten

Zum Auftakt des Marschner Festivals spielt das Kammerorchester Deutsche Spohr Akademie mit Nachwuchsmusikern.

HINTERZARTEN. Das Kammerorchester Deutsche Spohr Akademie spielte zum Auftakt des Marschner Festivals 2018 in Hinterzarten. Mit von der Partie waren Anna-Lisa Bellini am Klavier und Vivica Percy an der Violine. Das Klavierspiel von Bellini ist reich an Farben und großen Gefühlen, Dirigentin Ariane Mathäus vereint etablierte Namen mit jungen Karrieren und Geigerin Vivica Percy spielt mit Bravour Wolfgang Marschners anspruchsvolle Kadenzen. So wurde das Konzert in Hinterzartens evangelischer Kirche zu einem Klassikhöhepunkt mit einem gelungenen Mix aus Begabung und Können.

Der Meister selbst ist gekommen. Inzwischen ist er 92 Jahre alt, aber trotz des hohen Alters ein Lehrer, Komponist und wie eh und je mit dem absoluten Gehör und sicherem Urteil: Professor Wolfgang Marschner, der Namensgeber des Festivals. Es lädt in seiner 42. Auflage noch bis Ende September mit drei Veranstaltungen Musikbegeisterte zum Genießen ein. Der Bogen an Musik spannt sich an diesem Abend von Marschner über Vivaldi, Mozart bis zu Chopin. Und im Orchester musizieren Jungkünstler neben etablierten Größen. Dirigiert wird das Kammerorchester Deutsche Spohr Akademie von Ariane Mathäus, sie leitet künstlerisch die Freiburger Pflüger-Stiftung und das Festival in Hinterzarten.

Ein erstes Beispiel für eine begabte Nachwuchskünstlerin und ehemalige Pflüger-Schülerin ist Ann-Christine Klaas aus Rostock, die von Mathäus zu diesem Konzert eingeladen wurde. Die junge Geigerin studiert mittlerweile im zweiten Semester den Master. In Antonio Vivaldis Concerto Grosso für vier Violinen spielt sie mit Begeisterung neben der Konzert-meisterin des SWR-Sinfonieorchesters, Vivica Percy. Im darauffolgenden C-Dur-Konzert von Vivaldi hat Percy den Nach-wuchsflötisten Matteo Bonaccorso aus Italien an ihrer Seite. Bonaccorso und Klaas sind anschließend auch in Mozarts Quartett für Flöte und Streicher zu erleben, das besonders im Arioso mesto sei-nen musikalischen Reiz entfaltet.

Wichtig für eine Laufbahn in einem Kammer- oder Sinfonieorchester ist es, frühzeitig in einer Formation zusammen mit anderen zu musizieren. Im Orchester geschieht viel mehr als im Einzelunterricht: Man lernt, auf den anderen zu hören und ihm zu vertrauen. Das gilt auch für Halina Leutava. In Hinterzarten ist sie im romantischen Nocturne D-Dur von Fryderyk Chopin zu hören, das Wolfgang Marschner für zwei Violinen und Streicher eingerichtet hat. In diesem Stück interpretieren Leutava und Percy die großen Intervalle effektvoll und zart in feinen musikalischen Gesten. Für die Nachwuchskünstlerin ist es, wie sie sagt, "eine sehr gute Erfahrung". Die 23-jährige Leutava, die vom sechsten Lebensjahr an in der Pflügerschule an der Violine unterrichtet wurde, studiert heute in Mainz. Ihr Ziel: Orchester, Kammermusik oder Pädagogik.

Zu den Trois Preludes für Violine scherzte Vivica Percy mit dem Komponisten Marschner nach Ende des Konzerts: "Haben Sie Ihre Stücke wiedererkannt?" Marschner, meinungsfreudig und respektvoll zugleich, gratuliert seiner ehemaligen Schülerin, die von ihm unterrichtet wurde, als sie 13 Jahre alt war. Ihr perfekt ausgearbeiteter Vortrag wird zum Auslöser für ein Gespräch, in dem es um diese spezielle, ohne jeden Taktstrich komponierte Musik und ihren Kadenz-Charakter geht. Percy hat sie auf höchstem technischen Niveau interpretiert.

Pianistin Anna-Lisa Bellini aus Italien ist zum wiederholten Mal in Hinterzarten. Sie liebt an Chopin seine Nähe zu großen menschlichen Gefühlen. Sie vergleicht den Komponisten mit einem "Regenbogen, in dem alle Farben zur Erscheinung kommen". In Chopins vier Etüden, der Dis-Moll-Fantasie, der Nocturne und Chopins Andante spianato e Grande Polacca Brillante für Klavier und Orchester im Finale zeigt Bellini das ganze Können einer erfahrenen, jedem Publikum gewachsenen Künstlerin.

Für Professor Marschner ist das Heranführen von Talenten an die großen Musiker ein wesentlicher Teil der Musikkultur. Das Aufeinanderhören fördert die Entwicklung des Einzelnen. Dieser im Kern pädagogische Ansatz liegt dem Festivalgründer besonders am Herzen. Auch seine Nachfolgerin Ariane Mathäus setzt diese Linie mit viel Charme und Idealismus fort. "Diese Kombination", so die Festivalleiterin, "gibt der Musik die Frische."

Die weiteren Konzerte: Sonntag, 9. September, 17 Uhr, Kurhaus: Die junge Geigerin Sophie Wang stellt mit dem Pianisten Boris Kuszenow Werke ihrer neuen CD vor; Sonntag, 16. September, 17 Uhr, evangelische Kirche: Junge Streichertalente spielen Stücke von Bach, van Bree, Dvorák und Sarasate; Sonntag, 23. September, 17 Uhr, katholische Kirche: Vivaldis "Vier Jahreszeiten" mit der Solistin Myvanwy Ella Penny und Schuberts "Der Tod und das Mädchen".