Die unglaubliche Geschichte des NSU

Alexandra Wehrle

Von Alexandra Wehrle

Do, 14. Januar 2016

Hinterzarten

Krimiautor Wolfgang Schorlau stellt bei der Winterlese in Hinterzarten seinen Roman "Die schützende Hand" vor.

HINTERZARTEN. "Es handelt sich hier um meine Geschichte des NSU", sagte Krimiautor Wolfgang Schorlau am Montagabend im Hotel Kesslermühle bei der diesjährigen Winterlese, als er seinen Roman "Die schützende Hand" vorstellte. Es ist die Geschichte eines Staatsverbrechens und setzt sich zusammen aus Fakten und Fiktion. Während seiner Recherchen hatte er auch Zugang zu vertraulichen Akten des Bundeskriminalamts (BKA) und zu Obduktionsberichten. Die Zuhörer waren gebannt.

"Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ?" Diese Frage soll Privatdetektiv Georg Dengler für einen unbekannten Auftraggeber beantworten. Aus Geldmangel nimmt er den Fall an. Er findet heraus, dass an der offiziellen Version vom Selbstmord der beiden Neonazis im Camper vieles unlogisch ist.

Schorlau fasste Teile des Inhalts zusammen und las zwei Kapitel vor. Seine trockene Art und seine betont gelassenen, bisweilen auch zynischen Formulierungen ließen die Zuhörer im vollbesetzten Pavillon trotz des ernsten, teils makaberen Inhalts öfters schmunzeln. Etwa als er vorrechnete, dass die Schädel der beiden Toten so zerstört waren, dass nur noch ein Bruchteil ihrer Gehirne vorhanden war. "Es müssen sich in diesem Camper noch zwei Kilo Resthirn befunden haben." Diese seien nie gefunden worden. "Okay, es waren Neonazis, aber trotzdem." Zuweilen hielten die Zuhörer den Atem an. Etwa als Schorlau darstellte, dass der offiziell behauptete Ablauf mit der Waffe, die verwendet wurde, so gar nicht möglich wäre. Es wurden zwei leere Patronenhülsen gefunden. Diese fallen aus einer Pumpgun erst heraus, wenn man sie nachlädt. Es hätte also nur eine Patronenhülse sein dürfen, wenn Mundlos sich nach dem Mord an Böhnhardt selbst erschossen hätte. Ein Toter kann nicht nachladen.

Auch als Schorlau schilderte, wie unsachgemäß mit dem Camper verfahren wurde, in dem Mundlos und Böhnhardt gefunden worden waren, war es mucksmäuschenstill. Der Polizeipräsident betrat den Camper in Straßenschuhen, fasste Gegenstände an und ließ ihn dann von einem Abschleppdienst wegbringen. "Was ich Ihnen erzähle, ist wahr. So etwas würde ich mich nie trauen zu erfinden", sagt er. Jeder, der Fernsehkrimis schaue, wisse, dass ein Tatort abzuriegeln und nicht zu betreten sei, bevor die Spurensicherung alles untersucht habe.

Aufgrund der Art, wie Schorlau die Fakten darlegte und seine Schlussfolgerungen zog, erschienen die fiktiven Teile seines Romans als durchaus wahrscheinlich, als Fakten, die nur noch nicht bewiesen sind. Auch bei der Beschreibung des Entstehungsprozesses vermischte der Autor Fakten und Fiktion. So sprach er von seiner Figur Dengler, als sei sie ein real existierender Mensch, mit dem er sich beraten habe.

Die Zuhörer hatten viele Fragen. Woher Schorlau seine Informationen habe, lautete eine. Er verriet, dass er erstmals mit einem professionellen Rechercheur zusammengearbeitet habe. Dieser habe ihm vertrauliche Unterlagen und andere Quellen verschafft. Einige Akten seien auch im Internet zu finden. Die Frage, warum die Öffentlichkeit diese abstruse Geschichte nicht anzweifle, beantwortete er so: "Wenn eine Geschichte nur groß genug und mit genügend Wucht erzählt wird, glauben das die Leute."

Ober er nun in Angst lebe? Schorlau verneinte. Aber er gab zu, dass er diesen Roman zuerst nicht schreiben wollte. "Ich bin gedrängt worden, von einigen Leuten, und auch munitioniert. Mir war das eigentlich zu groß. Ich habe einen Heidenrespekt vor dieser Sache gehabt." Geändert habe er seine Meinung nach Gesprächen mit Thüringer Polizisten, die vom Verfassungsschutz an ihrer Arbeit gehindert wurden. Sie hätten mitansehen müssen, wie die Neonaziszene vom Verfassungsschutz aufgebaut und vor Strafen geschützt wurde. "Da dachte ich, ich muss das machen."

Wie er den Ausgang des Verfahrens einschätze? Vieles werde über die Anwälte der Nebenklage ans Licht gebracht, sagte er. "Ich sehe mit einem gewissen Interesse und Zuversicht dem neuen Untersuchungsausschuss des Bundestages entgegen. Die Abgeordneten wollen es wissen. Ich glaube, da werden noch einige Überraschungen kommen."

Nach der Lesung signierte Wolfgang Schorlau seine Bücher, bevor er sich mit einem Glas Rotwein und einem Ehepaar in eine stille Ecke verzog. Dort studierte er verdächtige Papiere. Arbeiten er und Dengler womöglich schon wieder an einem neuen Fall?