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27. März 2010
Zukunft ist keine Verlängerung der Gegenwart
Öko-Idylle oder Wohnen im Wald / Zwei Freiburger Wissenschaftler erforschen die Zukunft von Hinterzarten und stellen dem Gemeinderat zwei Szenarien vor.
HINTERZARTEN. Wie könnte die Gemeinde Hinterzarten im Jahr 2030 aussehen? Wird es eine "heile Welt" in bester Manier einer Bilderbuch-Schwarzwaldidylle oder eher eine Wohnstadt inmitten dichtem schwarzen Wald sein? Das sind zwei Szenarien, die die beiden Wissenschaftler Kerstin Hülemeyer und Manuel Weis erarbeitet haben. Sie stellten sie in einem Vortrag in der jüngsten Gemeinderatssitzung vor. Von 2004 bis 2009 waren beide in Hinterzarten für ihre Forschungsarbeiten am geografischen Institut der Universität Freiburg tätig.
Am Beispiel von Hinterzarten hat Weis eine Methode zur Entwicklung von Landschaftsbildern mit Hilfe einer dynamischen Landschaftsmodellierung für seine Doktorarbeit erarbeitet und Hülemeyer entwickelte für ihre Magisterarbeit Szenarien als Grundlage für die "Ableitung nachhaltiger Landschaftsbilder für multifunktionale ländliche Räume"."Ein Blick in die Zukunft der Landschaft in Hinterzarten" lautete der Titel des Vortrags. Doch bevor die beiden Wissenschaftler dem Gemeinderat und einem Dutzend interessierter Zuhörer die mögliche Zukunft ausmalten, blickten sie zurück, zeigten Veränderung und Entwicklung des Landschaftsbildes anhand Landwirtschaft, Besiedelung und Aussichtsmöglichkeiten auf. Mit Luftaufnahmen, Fotos und Kartenmaterial von 1951 und 2005 zeigten sie die Veränderungen. So gab es nach dem Weltkrieg mehr Weideflächen, bis Anfang der 80er-Jahre auch Ackerbauflächen. 2001 war klar sichtbar, die Waldflächen in der Gemeinde Hinterzarten haben zugenommen. Der Waldanteil war von 60 auf 74 Prozent gestiegen.
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Was wäre wenn? Ist Hinterzarten 2030 umgeben von sattgrünen Wiesen, auf denen glückliche Kühe weiden? Jeder Schwarzwaldhof lockt mit regionalen Spezialitäten in seinem Hofladen und Hofcafé? Im Ortskern besteht ein regionaler Supermarkt? Schwarzwälder Bilderbuchidylle vom Feinsten, das suggeriert das Szenario "Edler Öko-Gesundheitstourismus". Keine solche Herrlichkeit ohne entsprechende Finanzierung: 2030 gibt es wenig öffentliche Gelder für den Agrar- und Natursektor, statt dessen kommt Geld aus Landschaftsfonds, Stiftungen für den Erhalt der Kulturlandschaft, von Gönnern und auch die Besucher zahlen ihrerseits mit der Landschaftstaxe zwei Prozent ihres Übernachtungspreises. So erhalten die Landwirte Geld für ihre Produkte. Es ist auch ein gläsernes Hinterzarten: Die Besucher blicken hinter die Kulissen der Landwirtschaftsbetriebe, sehen den Umgang mit der Ressource Holz als Energieträger, können Kulturgüter besichtigen, sich über altes Brauchtum im Freilichtmuseum am Feldberg informieren, bei Gemeindefesten Schwarzwälder Lebenskultur erfahren. Riesig ist das Wellness- und Gesundheitsangebot: Es gibt Parcours der Sinne, mit unzähligen Blumen und Kräutern übersäte Wohlfühlwiesen, einen Wald der Stille…
Oder steht 2030 Haus an Haus in der Gemeinde? Ist sie zugewachsen? Der Waldanteil auf 90 Prozent gestiegen? Das Szenario "Wohnen im Wald – Raus aus der Hitze" sieht Hinterzarten aufgrund des Klimawandels als einen beliebten Wohnort von Lebenslustigen ab 60. Menschen, die der heißen oberrheinischen Tiefebene ins angenehme Höhenklima entfliehen. Hinterzarten bietet Bauplätze, verschiedene Wohnformen mit angenehmem Komfort und hat Angebote für alle Beweglichkeitsstufen und Bedürfnisse zu einem günstigen Preis. Zwei Discounter versorgen mit günstigen Lebensmitteln aus aller Welt. Technisch wurde aufgerüstet mit schnellem DSL und gut getaktetem ÖPNV. Die Landwirte vermieten ihre Höfe oder verkaufen sie zum Teil. Erholung versprechen drei Badeseen, darunter der Feldsee, die ausgedehnten Waldflächen mit ihrem angenehmen Waldklima, fünf Aussichtstürme, eine Indoor-Skihalle, das Erlebnisbad. Der Wald ist Hinterzartens Beitrag zum Klimaschutz und macht Hinterzarten zum Partner der Pelletsindustrie.
Die Zukunft von Hinterzarten und die Entwicklung der Landschaft Hinterzartens sei von Rahmenbedingungen wie dem demografischen Wandel, EU-Agrarfördergeldern, Wasserhaushalt, Infrastruktur, Klimawandel, Naturschutz, Tourismus, und Bürgerengagement abhängig, hieß es im Vortrag. Hinterzarten liege in einer Region, die nicht durch Wegzug von Bevölkerung aufgrund des demografischen Wandels leiden werde. Der Anteil der Jüngeren nehme ab. Deshalb seien Gesundheitsvorsorge und Wellness der "Megatrend" und somit die Chance für den Luftkurort Hinterzarten. Die Höhenlage sei im Klimawandel von Vorteil, da es in den Hinterzartener Sommern angenehm kühl sein werde.
"Die Zukunft ist nicht die Verlängerung der Gegenwart", sagte Kerstin Hülemeyer. Sie hat für 2030 drei Szenarien entwickelt. Zwei stellte sie dem Gemeinderat in kurzen Filmen vor: "Edler Öko-und Gesundheitstourismus" und "Wohnen im Wald". Es seien Zukunftsvisionen, die beide Vor- und Nachteile haben, fand die Referentin. Sie als Wissenschaftlerin könne nur aufgrund von wissenschaftlichen Daten Möglichkeiten aufzeigen, doch wohin der Weg in die Zukunft für die Gemeinde Hinterzarten und deren Landschaftsentwicklung gehen könne, dafür seien Bürger und Gemeinderat zuständig. Sie und ihr Kollege, der dazu detaillierte geologische Daten als Kartenmaterial aufgearbeitet hat, könnten unterstützend in dem Findungs- und Entscheidungsprozess tätig sein.
Fast schon ein wenig geschockt wirkte die Zuhörerrunde über das "Wohnen im Wald"-Szenario. Häuser über Häuser, dicht an dicht, eingebettet in dunklem Wald und als Versorgungsmöglichkeit zwei durchgehend geöffnete Billig-Discounter. Begeistert zeigte man sich von der Bilderbuch-Schwarzwald-Idylle und zugleich skeptisch. Denn diese kostet Geld, das die öffentliche Hand, – auch die EU –, nicht zur Verfügung stellen kann und wird. Geld, das von den Bürgern, der Gesellschaft aus der Wirtschaft und von Privaten kommen muss.
In der anschließenden Diskussion war klar, die Daten und wissenschaftlichen Erkenntnisse der beiden Wissenschaftler sollten und müssen genutzt werden. Sie dürfen nicht im Gemeindearchiv verstauben. "Das ist eine Aufgabe für den Gemeinderat und die gesamte Bürgerschaft", sagte Hansjörg Eckert. Bernd Goette fand: "Wir sind entscheidend für unsere Zukunftsgestaltung."
Autor: Eva Korinth
