"Es war schon immer mein Traum"

dpa

Von dpa

Mo, 13. August 2018

Leichtathletik

Vor mehr als 60 000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion meistert Mateusz Przybylko aus Bielefeld 2,35 Meter und gewinnt überraschend EM-Gold im Hochsprung.

BERLIN (dpa/str). Als zweiter deutscher Hochspringer hat Mateusz Przybylko Gold bei kontinentalen Titelkämpfen gewonnen. Der erste Sieger war Dietmar Mögenburg im Jahr 1982. Mit seiner makellosen Gala erfüllte sich Überflieger Przybylko bei der EM in Berlin seinen Traum von einer Ehrenrunde. Nun soll der Rekord eines anderen berühmten Vorgängers fallen.

Sein Bruder Kacper, einst beim 1. FC Köln, nun beim 1. FC Kaiserslautern II, hat eine Karriere als Profifußballer hingelegt. Mateusz Przybylko hingegen gilt eher als lauffaul. Der 400 Meter langen Ehrenrunde im Berliner Olympiastadion als Hochsprung-Europameister hatte der 26-Jährige allerdings schon sein ganzes Sportlerleben entgegengefiebert – und genoss die Jubelfeier umso mehr. "Es war schon immer mein Traum, ich wollte immer eine Goldmedaille und mit der Fahne laufen", schwärmte der Leverkusener nach seinem überraschenden Gold-Coup. "Geile Show, die ich gemacht habe, oder?"

Das sahen auch die 60 500 Zuschauer so, bejubelten den Siegsprung lauter als fast jedes Hertha-Tor. Bei seinem makellosen Gala-Auftritt überwand Przybylko alle Höhen bis einschließlich der goldbringenden 2,35 Meter im ersten Versuch und holte damit den erst zweiten EM-Titel eines deutschen Hochspringers nach Olympiasieger Dietmar Mögenburg im Jahr 1982. "Bei so einem Publikum kannst du nur gewinnen, die haben mich so gepusht, das hat mich so beflügelt. Ich habe fast keine Stimme mehr", sagte Przybylko in den Katakomben immer noch völlig aufgekratzt und etwas ungläubig. "Europameister? Ich! Ich bin zu Boden gefallen, hab’ losgeheult."

Schon bei der Hallen-Weltmeisterschaft in Birmingham bewies der Sportsoldat dieses Frühjahr mit dem Gewinn der Bronzemedaille sein Weltklassepotenzial. Dass ihm damals von den Organisatoren eine Ehrenrunde noch untersagt worden war, nahm er nur noch als weiteren Ansporn für die Heim-EM. In der Halle hatte Anfang März der Russe Danil Lyssenko Gold gewonnen, aber anschließend sein Startrecht als neutraler Athlet vor der EM verloren, weil er nicht über seine täglichen Aufenthaltsorte für mögliche Dopingtests in der Trainingsphase informiert hatte. Przybylko nutzte die unerwartete Chance eiskalt. "Er war so fokussiert. Man hat gespürt, das sollte sein Wettkampf sein. Er war unter Feuer", lobte der deutsche Cheftrainer Idriss Gonschinska. "Als er ins Stadion kam, wusste ich: Er macht das. So eine Dynamik, ein optimales Timing, er war fantastisch."

Mit der WM-Medaille und dem EM-Triumph hat Przybylko nun zwei Karriereziele abgehakt – einen dritten Traum verfolgt er noch weiter. "Bald will ich den deutschen Rekord, das ist machbar", kündigte der selbstbewusste gebürtige Bielefelder an. Einmal ließ der neue Europameister auch in Berlin nach Bestätigung seiner persönlichen Bestleistung noch die 2,38 Meter auflegen. Damit würde er die nationale Bestmarke von Carlo Thränhardt um einen Zentimeter übertreffen. "Ich hatte aber bei jedem Sprung 200 Prozent gegeben, da war dann die Luft raus", begründete er, warum er es nur einmal versuchte. Seinen linken Oberarm ziert eine Tätowierung mit der Aufschrift "mi familia" ("meine Familie"). Przybylko hat polnische Eltern, der ein Jahr jüngere Kacper spielte zuletzt als Fußballprofi beim 1. FC Kaiserslautern. "Meine Brüder waren immer so auf den Ball fixiert", berichtete Mateusz über seine sportliche Sozialisation. "Ich mag es aber nicht so gerne zu laufen." An die Ehrenrunde könnte er sich jedoch gewöhnen, wenngleich er hinterher einen Krampf bekam.

Die nächste Weltmeisterschaft der Leichtathleten findet vom 28. September bis 6. Oktober 2019 in Doha statt, der Hauptstadt des Wüstenemirats Katar. Dort könnte Przybylko auf den aktuellen Weltmeister Mutaz Essa Barshim treffen. Der katarische Hochspringer hatte im Jahr 2017 mit 2,35 Metern in London Gold geholt. Barshims persönliche Bestleistung steht allerdings bei 2,43 Metern – eine Höhe, die der heute 27-Jährige schon vor vier Jahren in Brüssel erzielt hat. Um in Doha und vor allem ein knappes Jahr später bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio (Japan) eine Chance auf eine Medaille zu haben, wäre es gut, könnte sich der Europameister von Berlin noch um ein paar Zentimeter steigern.