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22. Juni 2012 23:33 Uhr
Favoritensieg
Hochverdient: Deutschland schlägt Griechenland 4:2
Die deutsche Nationalelf hat das Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft erreicht. Das 4:2 (1:0) gegen Griechenland war der erwartet mühsame, letztlich aber klare und hochverdiente Favoritensieg.
Joachim Löws Ansage war eindeutig. "Ich scheue mich nicht, weitere Veränderungen vorzunehmen", hatte der Bundestrainer nach dem mühevollen 2:1 gegen Dänemark im letzten Vorrundenspiel gesagt. So richtig ernst genommen hat das aber niemand. Nicht dass Löw ein Autoritätsproblem hätte. In der jüngeren Vergangenheit war es aber meist so, dass Löw bei Personalentscheidungen eher konservativ agierte. Diesmal nicht.
Der deutsche Trainer machte seine Ankündigung war und veränderte seine Startelf auf gleich vier Positionen: Jerome Boateng durfte rechts hinten wieder an Stelle von Lars Bender verteidigen, Miroslav Klose löste Mario Gomez als Sturmspitze ab. Die neuen offensiven Flügelkräfte hießen André Schürrle und Marco Reus. Lukas Podolski und überraschend auch Thomas Müller mussten auf die Bank. Das Gros der Wechsel hatte zweifellos mit Löws Forderung nach mehr Bewegung im Offensivspiel zu tun: "Wir müssen im letzten Drittel des Spielfelds viel laufen, Tempo machen", erklärte der 52-Jährige vorab und versprach: "Wir werden Mittel und Wege finden!"
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Allem Anschein nach gab es im Verlauf der ersten Halbzeit Momente, in denen Löws Überzeugung kurz einer gewissen Verzweiflung wich. In der 25. Minute, nachdem sein Team wieder eine von vielen guten Chancen ausgelassen hatte, wütete er heftig in seiner Coachingzone. Danach war Löw mal kurz im Kabinengang verschwunden – vermutlich zur Beruhigung.
Es war nicht so, dass seine Personalrochaden ohne Effekt blieben. Gerade das neue Trio Schürrle/Klose/Reus sorgte für Betrieb, hielt das deutsche Spiel im engmaschigen Abwehrgeflecht der Griechen in Bewegung. Klose traf auch früh, stand bei seinem Abstauber allerdings abseits (4.). In der 12. Minute hatte Reus freie Schussbahn, doch er traf den Ball nicht richtig. Dennoch: Reus’ Gespür für freie Räume, seien sie auch noch so winzig, fiel auf. Wie er in Co-Produktion mit Klose in der 23. Minute Mesut Özil in perfekte Abschlussposition brachte, war nicht nur äußerst sehenswert, es war die beste deutsche Offensivkombination im bisherigen Turnierverlauf – auch wenn Özils schwacher Abschluss nicht ins schöne Bild passte.
Die Überlegenheit der deutschen Elf war erwartet groß, bisweilen schien ihr Ballbesitz gegen 90 Prozent zu tendieren, auch wenn sich der müde wirkende Bastian Schweinsteiger im Zentrum einige Fehlpässe leistete. Aber es zeigte sich, dass Löw mit seinem Urteil über den Gegner richtig lag: "Die Griechen sind Überlebenskämpfer." Sie taten einfach das, was sie am besten können, verteidigten mit allen Mann, rannten ab und zu mal los in Richtung Tor von Manuel Neuer, auch wenn die Aussicht, dort anzukommen, meist sehr gering war.
So kämpften die Griechen also um ihr fußballerisches Überleben und die Deutschen mühten sich lange vergeblich. Bis Philipp Lahm tat, was er immer wieder mal tut. Er zog von links am Strafraum entlang zur Mitte und schoss den Ball ins Tor (39.). Das 1:0 hätte helfen können, die zweiten 45 Minuten für das deutsche Team etwas angenehmer werden zu lassen. Doch es kam für eine kurze Weile anders.
Es war einer dieser Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, vor denen Löw vorher gewarnt hatte, der zum 1:1 führte. Lahm konnte Salpingidis nicht folgen, Samaras war im Duell mit Boateng schlicht cleverer und drückte den Ball über die Linie (55.). Das zähe Anrennen drohte von vorn zu beginnen. Aus Sicht der Deutschen glücklicherweise nicht all zu lange. Jerome Boatengs Flanke war deutlich produktiver als sein Abwehrversuch fünf Minuten zuvor, Sami Khedira bereitete den aufkeimenden Hoffnungen der Konkurrenz ein jähes Ende, indem er volley zum 2:1 traf (60.). Etwaige Restzweifel beseitigte Miroslav Klose, als er Özils Freistoßflanke per Kopf zum 3:1 verwertete (67.).
Mit der lange beachtlichen Gegenwehr der griechischen Mannschaft war es vorbei. Ein Angriff nach dem anderen rollte nun auf das Gehäuse von Michalis Sifakis zu. Initiator war meist Özil, auch Klose war ein eifriger Teilnehmer. In der 74. Minute drang der Angreifer von Lazio Rom dynamisch in den griechischen Strafraum ein. Sifakis konnte Kloses Schuss zwar abwehren, doch Marco Reus hatte aufgepasst und verwertete den Abpraller zum 4:1.
Das Schaulaufen in den Schlussminuten, in denen auch der Dortmunder Mario Götze zu seinem ersten EM-Einsatz kam, hatte sich die deutsche Mannschaft verdient. Trotz einiger Schwierigkeiten mit dem penetranten Gegner war sie jederzeit Herr des Geschehens geblieben. Dass die Griechen in der 89. Minute noch einen Handelfmeter zugesprochen bekamen – und diesen durch Salpingidis auch verwandelten – war zu verschmerzen.
Griechenland: Sifakis, Torosidis, Sokratis, K. Papadopoulos, Tzavellas (46. Fotakis), Makos (72. Liberopoulos), Maniatis, Ninis (46. Gekas), Katsouranis, Samaras, Salpingidis.
Schiedsrichter: Skomina (Slowenien).
Tor: 1:0 Lahm (39.), 1:1 Samaras (55.); 2:1 Khedira (61.); 3:1 Klose (68.); 4:1 Reus (74.); 4:2 Salpingidis (89./Handelfmeter)
Zuschauer: 40 000.
Gelbe Karten: – / Sokratis, Samaras
Autor: René Kübler



