Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

02. Februar 2012

". . . und war dann morgens halb fünf wieder daheim"

LAND & LEUTE: Gertrud Benz ist 90 Jahre alt, leitet die Gymnastikgruppe im TV Hofweier, hilft im Erzählcafe und ist FC Bayern-Fan.

  1. Heute rüstige 90 Jahre alt: Gertrud Benz Foto: renate tebbel

HOHBERG-HOFWEIER (rte). So langsam denkt Gertrud Benz an den Ruhestand; im Sommer will sie die Leitung der gemischten Gymnastikgruppe im Turnverein Hofweier in jüngere Hände legen. Leicht fällt ihr die Entscheidung nach 17 Jahren nicht, aber nun möchte sie einen Vorsatz auch umsetzen: An ihrem 80. Geburtstag vor zehn Jahren nahm sie sich vor, sich in absehbarer Zeit mehr Zeit für sich zu nehmen. Bald soll es soweit sein. Denn heute, am 2. Februar, feiert Gertrud Benz gar ihren 90. Geburtstag.

"Ich hätte gern mehr Zeit für andere Veranstaltungen", sagt Gertrud Benz. So manch interessanten Termin habe sie nicht wahrnehmen können, weil der Donnerstagnachmittag immer für die Gymnastikgruppe reserviert war. Dazu gehören mehr als 20 Männer und Frauen ab 65 – "ich bin mit 90 die Älteste", sagt die betagte, äußerst rüstige Übungsleiterin mit einem Lächeln.

Im Gespräch wird deutlich, dass sich Gertrud Benz nicht aufs Altenteil zurückziehen wird. Als Mitglied in sieben Vereinen hat sie einen großen Bekanntenkreis, zahlreiche Termine und viele Interessen. Und wem gehört der Fanschal des FC Bayern München im Eingangsflur? "Der gehört mir, ich bin seit vielen Jahren Fan des Vereins", gesteht die 90-Jährige. Ihr verstorbener Mann habe dafür gesorgt, dass ein Zweitfernseher gekauft wird, damit sie ihre Fußballspiele ungestört habe anschauen können. Jede Woche wurde dann gewechselt, damit alle beide mal in den Genuss des bequemen Fernsehsessels im Wohnzimmer kamen. Im vergangenen Jahr hat sie sich dann einen lang gehegten Traum erfüllt: "Ich bin mit dem Fanbus nach München gefahren, habe mir ein Spiel angeschaut und war dann morgens um halb fünf wieder daheim." Das reiche ihr aber erst mal, in der nächsten Zeit will sie die Spiele wieder vor dem Fernseher anschauen.

Werbung


Abends gehe es dann weiter mit den Politikprogrammen, da höre sie immer zu, dabei könne sie auch gut stricken. "Man muss sich eine eigene Meinung bilden", sagt Gertrud Benz überzeugt und betont, alte Menschen, die wählen gehen, sollten auch Bescheid wissen. Vor Mitternacht gehe sie nie ins Bett, viele alte Menschen machten den Fehler, schon um 10 Uhr schlafen zu gehen, da sei es ja kein Wunder, wenn man nicht schlafen könne, findet sie. Gertrud Benz fährt Auto, geht monatlich auf längere Wandertouren, versorgt sich selbst, hält ihre geräumige Wohnung in Schuss und hat einen vollen Terminkalender.

Wie schafft sie das alles, während andere Menschen in ihrem Alter häufig längst pflegebedürftig sind? "Von nix kommt nix", sagt die alte Dame resolut, sie habe immer daran gearbeitet, fit zu bleiben. Mit acht Jahren ist sie in ihrem Geburtsort, im schwäbischen Metzingen, dem Turnverein beigetreten. Sehr schnell sei sie dann ehrgeizig geworden: "Wehe, wenn die Gertrud nicht den ersten Preis gemacht hat, das war mir wichtig", schildert sie sich selbst. Wichtig als Grundstock sei dabei sicherlich auch gewesen, dass sie als jüngstes von acht Kindern eines Geschäftsmannes eine sehr schöne Kindheit und Jugend gehabt habe.

Gertrud Benz war Bettenfachverkäuferin in Stuttgart und Offenburg, und lange vor der "Rente mit 67" hatte sie erst im Alter von 72 Jahren aufgehört zu arbeiten. Und was motiviert sie, weiterhin so aktiv zu bleiben? "Mehr Bewegung bedeutet weniger Medikamente", das sei gerade für alte Menschen sehr wichtig. Und dann wird sie ja auch gebraucht: Im Erzählcafé im Haus der Begegnung in Hofweier, bei politischen Veranstaltungen, bei der regelmäßigen Fahrt nach Freiburg in die Oper oder ins Konzert und nicht zuletzt auch in der Wandergruppe.

Für die Wanderer hat sie zu ihrem 90sten eine Bank gestiftet, die am Hohhölzle aufgestellt wird. "Da hat eine Sitzgelegenheit gefehlt", hätten ihr Wanderer häufig gesagt. Gertrud Benz feiert heute mit ihren Angehörigen und Freunden im Gasthaus Sonne in Niederschopfheim.

Autor: rte