Leute in der Stadt

Holger Thiemann ist der neue Mann fürs Freiburger Stadtjubiläum

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Sa, 20. Januar 2018

Freiburg

Statt in den Ruhestand geht's für Holger Thiemann ins Rathaus. Der 65-Jährige leitet zum letzten Mal die Internationale Kulturbörse. Dann widmet er sich dem Stadtjubiläum.

FREIBURG. "Hier ist es etwas ungemütlich", entschuldigt sich Holger Thiemann beim Betreten des schmucklosen Raums. Doch so ungemütlich ist es gar nicht, die Ledercouchgarnitur ist bequem, schließlich sitzen hier backstage bei Auftritten in der Sick-Arena auch Stars. Von Montag bis Mittwoch findet in der Messe die 30. Internationale Kulturbörse statt und Thiemann, 1989 ihr Gründer, ist bis heute Leiter der Börse. Nun geht er in den Ruhestand. Wobei: Ein Rückzug aufs Altenteil ist es nicht: Ab April zeichnet der 65-Jährige fürs Stadtjubiläum verantwortlich.

Nach Freiburg kam der in Rottweil geborene und aufgewachsene Holger Thiemann 1976 als Student der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft. Wie so viele Lehramtsstudenten in den 70ern hatte er das Pech, zu jenen vielen zu gehören, die damals nach dem zweiten Staatsexamen keine Anstellung fanden. So verdiente er sich nach dem Referendariat in Karlsruhe in der Erwachsenenbildung seinen Lebensunterhalt – bis er Mitglied im Team der Freiburger Landesgartenschau wurde, das 1986 ein Rahmenprogramm auf die Beine stellen sollte: "Wir wollten dem Publikum mehr bieten als Blumen." Das Ergebnis war ein sechsmonatiges Kleinkunstprogramm im Spiegelzelt. Mit dieser Qualifikation im Portfolio wurde Thiemann bald darauf Teil des neu geschaffenen städtischen Kulturamts.

Von 1989 bis 2000 war er dort als stellvertretender Amtsleiter für die Kulturbörse verantwortlich, seit seinem Wechsel zur Messegesellschaft FWTM 2001 als Projektleiter. In jenem Jahr zog die Börse auch vom Bürgerhaus Seepark in die Messe, weil sie im Seepark an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen war. Für die Börse bedeutete das eine Wende: Ohne die neu errichtete Messe hätte für sie das stete Wachsen früher oder später das Aus bedeutet, glaubt Thiemann. So war der Standortwechsel ein Quantensprung: Die Börse war auf einen Schlag enorm gewachsen, und sie wuchs weiter. Eine Steigerung sei jetzt kaum noch möglich, "das macht keinen Sinn." Schließlich wollten Veranstalter auf der Suche nach Künstlern für Engagements in ihren Häusern nicht nur viele Auftritte sehen, sondern auch möglichst viele persönliche Gespräche führen.

Man habe sein Bestes gegeben, mit dem Umzug in die Messe von der alten Atmosphäre "rüberzuretten", erinnert sich Thiemann. "Aber eine Messehalle bleibt eine Messehalle." Andererseits geht es – Talentescouting hin oder her – auf der Kulturbörse auch und vor allem ums Geschäft. "Künstler müssen ja auch von was leben." Zu wie vielen Vertragsabschlüssen es auf der und durch die Börse im Endeffekt kommt, kann Thiemann nicht sagen. In Umfragen sei das nie erhoben worden. Er weiß aber aus etlichen Gesprächen von beeindruckenden Beispielen: "Man denkt, da kommen drei oder vier Verträge zustande, und dann sind es 50 oder 60." Würde sich die Börse nicht lohnen, würden die Künstler nicht kommen. 20 Minuten aus ihrem Programm können sie live auf einer der Bühnen zeigen, um Interessen bei Veranstaltern zu wecken.

Große Namen, vor allem aus dem Kabarett- und Comedybereich, waren schon auf der Kulturbörse. Viele, als sie noch nicht so bekannt waren, dass ihnen allein ihr Name zu genügend Auftritten verholfen hätte: Anke Engelke und Dieter Nuhr, Michael Mittermeier und Django Asül, Eckhard von Hirschhausen und Jess Jochimsen, Kaya Yanar, Kurt Krömer, Bülent Ceylan, Olaf Schubert, Rick Kavanian, Cindy aus Marzahn, Nico Semsrott... Ein Michael Mittermeier habe sich vier mal vergeblich bei der Jury um einen Auftritt auf der Börse beworben, ehe es beim fünften Mal doch noch klappte. "Er hat dann einen sensationellen Auftritt hingelegt", erinnert sich Thiemann. Erfahrenere Künstler kämen, um zu zeigen, dass es sie noch, wieder, neu oder anders gibt.

Die Leitung der Kulturbörse abzugeben, fällt Holger Thiemann nicht leicht, sein "Baby" ist ihm ans Herz gewachsen. Andererseits sei frischer Wind nach so langer Zeit ganz gut. Zum Abschied hat er nichts Großes geplant, wie immer will er auf der Messe viele Gespräche führen. "Ich bin ja auch noch bis Ende März im Amt." Was die Zukunft der Börse betrifft, ist er zuversichtlich: Es gebe sehr viele Talente in den verschiedenen Genres.

Der ledige Thiemann ("ich bin völlig unspektakulär") geht nun mit 65 in den Ruhestand. Wäre nicht das Stadtjubiläum, hätte er jetzt eigentlich Zeit für seine Hobbys, etwa das Malen, Tennisspielen ("wenn der Körper noch mitmacht"), Lesen von Krimis, historischen Büchern und Biografien und das Reisen, zu seinen Lieblingszielen gehören Griechenland und Barcelona: "Eine traumhafte Stadt, wenn sie nicht überfüllt ist", findet er.

Bei der FWTM aufgehört hätte er altersbedingt so oder so – auch wenn im vergangenen Sommer nicht das Angebot aus dem Rathaus gekommen wäre. Es hätte dann aber schon die Gefahr bestanden, in ein Loch zu fallen, wie er offen zugibt. So aber geht es für ihn nahtlos mit der Organisation des Stadtjubiläums weiter. "Ich habe Ideen", sagt er, ohne schon Details verraten zu wollen. Er wolle Fäden verbinden, Dinge zusammenführen. Da er ins Dezernat von Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach integriert ist, glaubt er nicht, selbst groß auf dem politischen Parkett agieren zu müssen. Zurückschauen auf die Querelen um Barbara Mundels Ausscheiden will er nicht, er selbst kam ja erst danach ins Spiel. Bis Ende des Jahres würden die wichtigsten programmatischen Entscheidungen getroffen. "Das Ganze geht schneller, als man denkt."