Hündischer Wahnsinn

Michael Baas

Von Michael Baas

Di, 22. Januar 2019

Literatur & Vorträge

Gogol-Novelle bei der Lesereihe "Wintergäste".

Auf einem Gemälde Ilja Jefimowitsch Repins von 1882 steht der Titularrat Poprischtschin mit weißer Wickelmütze, vergilbtem Hausrock, schwarzen Pantoffeln, ins Leere blickenden Augen und hängenden Mundwinkeln in einer dunklen Kammer mit Bett. Peter Schröder ließ diese Gogolsche Beamtenkreatur aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der zweiten Lesung der "Wintergäste reloaded" im gut besuchten Werkraum Schöpflin am Sonntag zwischen den Zeilen ähnlich skurril vor dem Auge auferstehen: genauer Beobachter, bissiger Gesellschaftssatiriker, aber auch romantisch überdrehter Schwärmer. Dafür zog der Frankfurter Schauspieler in dem erneut von Marion Schmidt-Kumke realisierten Szenario diverse sprachliche Register – vom stolpernden Irritiertsein über schützenden Spott bis zum Tragisch-Komischen.

Die kurze, tagebuchartige aufgebaute Novelle erzählt von einem niederen Beamten der zaristischen Verwaltung in St. Petersburg, ein Griffel-, genauer ein Gänsekielspitzer. Dieser macht sich keine Illusionen über seine Stellung. Demütigungen, neudeutsch Mobbing, und Ohnmachtserfahrungen aber werfen ihn aus der Bahn, münden im Zuge einer von vorneherein zum Scheitern verurteilten Leidenschaft für die Tochter seines obersten Vorgesetzten in eine multiple Persönlichkeitsstörung, einen Größenwahn, in dessen Verlauf er sich als spanischer König Ferdinand VII. und Gefangener der Inquisition phantasiert – nicht nur ein Gegenentwurf seiner Bedeutungslosigkeit, sondern auch Bild der Unfähigkeit, etwas zu ändern, seiner sozialen Gefangenschaft.

Zuvor aber beschreibt er in Gestalt zweier grotesk korrespondierender Hunde das Weltbild des kleinen Beamten, betrachtet aus dieser – wohl auch der damaligen Zensur geschuldeten – "hündischen Perspektive" den Lebensstil der Oberschicht und spiegelt deren bornierten Blick auf seinesgleichen. Eine Haltung, die zwar historisch ist, aber fraglos bis heute nachhallt im Osten und im Westen und nicht nur Poprischtschin in den Wahnsinn getrieben haben dürfte.

Nächste Lesung: Olga Grjasnowa, "Der Russe ist einer, der die Birken liebt", 24. Januar, 20 Uhr, Ackermannshof, Basel, St. Johanns-Vorstadt 19 bis 21