"Es ist total chaotisch mit der Bahn"

Guy Greder und Magdalena Kaufmann

Von Guy Greder & Magdalena Kaufmann

Do, 05. April 2018

Saint-Louis

Die Streiks bei der französischen Staatsbahn SNCF stoßen bei betroffenen elsässischen Grenzgängern auf wenig Verständnis.

SAINT-LOUIS/HÜNINGEN. Die Streiks bei der französischen Staatsbahn SNCF, haben am Dienstag und Mittwoch auch die Bevölkerung in den südelsässischen Grenzstädten Hüningen und Saint-Louis zu spüren bekommen. Vor allem Grenzgänger Richtung Schweiz waren betroffen und in der Regel genervt. Die wenigen Züge, die fuhren, waren rappelvoll. Viele waren infolge der Ankündigungen ohnehin gleich aufs Auto ausgewichen. Was auch auf den Straßen zu spüren war.

"Eine Schande!", empörte sich zum Beispiel Jacques. Der 58-jährige Elektriker arbeitet in Basel und fährt normalerweise mit dem Zug. Am Mittwoch aber stand er im Stau in Saint-Louis. "Es ist total chaotisch mit der Bahn, die öffentlichen Verkehrsmittel sind überfordert, alle Leute nehmen das Auto und die Staus sind enorm", klagte er. Er verstehe die Eisenbahner nicht, die bekanntlich gegen die von Präsident Emmanuel Macron angestrebte Reform des Unternehmens protestieren. "Diese Leute können nicht entlassen werden, deswegen erlauben sie sich alles, das ist ein Skandal." Auch Thomas, ein 55-Jähriger aus Mulhouse, war wenig angetan von den Streiks – zumal es sich um privilegierte Beamte handele, die sich an ihren Status klammerten. Er möge diesen Status nicht, der es verhindere, gute und schlechte Leistungen sauber voneinander zu trennen. In anderen Ländern seien Eisenbahner auch keine Beamten.

Aber es gab auch andere, verständnisvollere Stimmen wie Loïc aus Colmar. "Ich verstehe, dass es schwer ist, Vorteile preiszugeben", schilderte der 37-Jährige, der in Pratteln arbeitet. Aber die Lage in Frankreich sei für alle schwierig, daher sei es verständlich, dass Vorteile in Frage gestellt werden. Denn wenn das Land den Kopf richtig aus dem Wasser bekommen wolle, müssten alle "Zugeständnisse machen. Auch, wenn es nicht lustig ist."

Die Eisenbahner-Gewerkschaften wehren sich gegen Pläne, die SNCF umzubauen und private Konkurrenz zu erlauben. Der Streik ist bis zum 28. Juni geplant und für jeweils zwei Tage pro Woche angekündigt. Nächste Termine sind der 8./9. April, der 13./14. April und der 18./19. April. Durch die Streiks fielen bislang rund drei Viertel aller Züge aus. Im Netz der schnellen TGV verkehrte gar nur jeder achte, bei den Intercitys jeder fünfte Zug. Rund ein Drittel des SNCF-Personals folgte nach Angaben der Gewerkschaften den Streikaufrufen, bei Lokführern und Zugbegleitern waren es mehr als drei Viertel. Zwar beteiligten sich am Mittwoch schon weniger Beschäftigte an den Protesten, der Zugverkehr im Elsass war aber noch immer stark gestört. Auch, wenn sich die Lage auf der Linie zwischen Straßburg und Basel gegenüber Dienstag bereits gebessert hatte.

Für Donnerstag rechnet die SNCF mit einer schrittweisen Rückkehr zum Normalverkehr. Für Sonntag und Montag sind aber bereits die nächsten Streiks angekündigt und bislang stehen die Zeichen keineswegs auf Entspannung. Im Gegenteil, die französische Regierung hat laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Mittwoch bekräftigt, nicht nachzugeben und die Reform "mit großer Entschlossenheit" zum Ende führen zu wollen, zitierte dpa Regierungssprecher Benjamin Griveaux. Es brodelt also weiter links des Rheins zumal die Fluglinie Air France, Strom- und Gasversorger und die Müllabfuhr in Paris auch streiken. Davon aber war im Südelsass bisher nichts zu spüren.