Hass-Demo

Hunderte Menschen belagern fränkisches Dorf, um den YouTuber Drachenlord zu mobben

Daniel Laufer

Von Daniel Laufer

Mi, 22. August 2018 um 20:26 Uhr

Panorama

Wohl aus Hass sind 600 bis 800 Menschen nach Mittelfranken gefahren. Dort lungerten sie den ganzen Montag über vor dem Haus eines YouTubers herum. Die Polizei musste sogar Kräfte von einem DFB-Pokalspiel abziehen.

Die Hater kommen an einem Montag. Hunderte belagern Altschauerberg, ein Dorf in Mittelfranken, das gerade einmal 40 Einwohner hat. Man könnte sagen, Hater sind Menschen, die andere im Internet fertigmachen. Als die Polizei die Zugangsstraßen sperrt, machen sich die Gäste zu Fuß auf den Weg, parken im Nachbarort und laufen schnurstracks durch den Wald.

Man muss nicht dabei gewesen sein, um nachvollziehen zu können, wie die Hater vorgingen: Sie filmten sich dabei selbst, stellten die Videos anschließend ins Internet. 600 bis 800 Besucher aus ganz Deutschland lungerten nach Polizeiangaben im Laufe des Tages vor einem einzelnen Wohnhaus herum. "Wir waren mal ein schönes, ruhiges, friedliches Dorf", klagt eine Nachbarin in einem Fernsehbeitrag. "Seit der das alles angezogen hat, ist das aus."

Sie meint den Mann, der sich Drachenlord nennt, aber eigentlich Rainer Winkler heißt. Sein Konto bei YouTube gibt es seit sieben Jahren, millionenfach wurden seine Videos angeschaut. Darin sitzt er meist vor einer mit Postern von Metal-Bands zugehängten Dachschräge. Seine Haare stehen ihm wild vom Kopf ab.

Die Hater, die er rief

Irgendwie hat er mit seinem Tun Ruhm erlangt, oder so etwas ähnliches: Wo andere Prominente Fans haben, hat der Drachenlord Hater. Nicht Anerkennung schweißt jene zusammen, die ihm folgen, sondern Hass. Er überträgt stundenlang, oft in Echtzeit, redet über Computerspiele, aber eigentlich sind seine Themen egal: Sie beschimpfen ihn schriftlich, er schreit zurück, seit Jahren schon. Einmal wurde der Drachenlord so wütend, dass er die Hater aufforderte, bei ihm vorbeizukommen – er wolle sie verprügeln. Zu diesem Zweck nannte er auch seine Adresse.

Seitdem tauchen Menschen in Altschauerberg auf, die dort nicht hingehören. Sie belästigen Winkler, versuchen, eine Reaktion zu provozieren. "Es gab immer wieder Leute, die diesen Drachenlord besucht haben, und es hat auch immer wieder Einsätze gegeben", teilt Polizeisprecherin Alexandra Federl mit. Diese Entwicklung fand am Montag ihren vorläufigen Höhepunkt.

Einige Wochen zuvor hatten Unbekannte im Netz zu dem Massenbesuch aufgerufen. Spätestens dann wurde aus dem Netzphänomen Realität. Auch das Landratsamt Neustadt a.d.Aisch-Bad Windsheim hatte davon erfahren, und kurzerhand ein Versammlungsverbot ausgesprochen. Man befürchtete wohl eine Eskalation der Gewalt. Immerhin soll es bereits Morddrohungen gegen den Drachenlord gegeben haben.

300 Platzverweise und ein Feuer

Trotzdem erteilten Polizisten rund 300 Platzverweise, Böller flogen durchs Dorf. Vereinzelt kam es zu Sachbeschädigungen. Irgendwann heulten Sirenen, die Feuerwehr rückte an: Jemand hatte trockenes Gras angezündet. Sicherheitskräfte wurden vom DFB-Pokalspiel zwischen Greuther Fürth und Borussia Dortmund abzogen, und stattdessen in den Wohnort des Drachenlords geschickt. Die Hater blieben bis zum Abend, tranken mitgebrachtes Bier, müllten das Dorf zu.

Winkler saß derweil vor seinem Computer und kommentierte das Chaos vor seiner Haustür. "Ich sage, lass sie kommen", tönte er schon frühmorgens und hielt ein Samuraischwert in die Kamera.

"Es würde Wind aus den Segeln nehmen, würde dieser Bürger seine Meinung eine Zeitlang nicht mehr auf YouTube äußern", sagt Rainer Kahler, Sprecher des Landratsamts. Tatsächlich hat Winkler etliche YouTube-Videos aus dem Netz genommen. "Ich habe meinen Hauptkanal auf unbestimmte Zeit deaktiviert", erklärte er zuvor. Befrieden dürfte das Altschauerberg kaum. Auf anderen Plattformen will er weiter aktiv bleiben. Der Drachenlord verdient an Werbeeinblendungen und dem Verkauf von Fanartikeln. "Würde ich aufhören, wäre das für mich der finanzielle Ruin", sagte er am Wochenende während eines Videostreams. Und so warteten auch am Mittwoch wieder Hater vor seiner Haustür.