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10. Januar 2010 19:47 Uhr
Gesundheitsschutz
Hygieneinspektoren: Auf der Jagd nach Keimen
Toiletten und Duschen, Badeseen und Schwimmbäder: Hygieneinspektoren des Landratsamtes überwachen die Wasserqualität im Landkreis Lörrach. Ihr Credo: Null Toleranz für Keime.
LÖRRACH. "Mein Großvater hat das Wasser auch getrunken. Und der ist 85 geworden." Der Besitzer eines Gasthofes in einem kleinen Schwarzwalddorf, schüttelt den Kopf. Gerade hat Irma Baumeister, Hygieneinspektorin im Landratsamt, die Wasserqualität der hauseigenen Trinkwasserquelle gerügt: Die Quelle ist immer wieder mit coliformen Bakterien verunreinigt. Eigentlich müsste der Besitzer eine UV-Lampe einbauen, die die Keime abtötet. Doch die kostet 4000 Euro.
Im Fachbereich Gesundheit des Lörracher Landratsamtes arbeiten drei Hygieneinspektorinnen. Sie sind für das Sachgebiet Gesundheitsschutz unterwegs, also überall dort, wo Krankheitskeime in der Öffentlichkeit zur Gefahr werden könnten: Sie überwachen die Trinkwasserversorgung von Gemeinden und einzelnen Höfen, sie untersuchen Badeseen und Schwimmbäder. Auch die Hygiene in öffentlichen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen, aber auch in Arztpraxen, Hotels oder Campingplätzen nehmen sie unter die Lupe. Außerdem werden sie aktiv, wenn hochansteckende Infektionskrankheiten auftreten, so wie in diesem Jahr die Schweinegrippe.Werbung
NULL TOLERANZ FÜR KEIME
Das Argument des Gastwirtes vom gesunden Großvater quittiert Irma Baumeister mit einem Lachen. Dann belehrt sie den Mann: "Sie geben Wasser an Dritte ab." Es ist nichts Ungewöhnliches, dass ein abgelegener Schwarzwaldhof sein Wasser aus eigener Quelle bezieht. 130 solcher Kleinanlagen gibt es im Landkreis. Meistens nutzen nur die Hofbesitzer die Quelle selbst. In 58 Fällen wird das Wasser jedoch auch für weitere Personen genutzt, in Gaststätten etwa oder in Hotels und Ferienwohnungen.
Dann greift die Trinkwasserverordnung und die schreibt vor: Null Toleranz für coliforme Keime. Coliforme Keime kommen in menschlichen und tierischen Fäkalien und damit auch im Abwasser vor. Sie lösen selbst selten Krankheiten aus, zeigen aber das Vorhandensein von Krankheitskeimen an. Oft werden sie bei starkem Regen in die Quellen gespült. Um Verunreinigungen zu vermeiden, werden die Hausquellen aufwändig gefasst: Als Brunnenstube, in der sich das Wasser sammelt, wird ein doppelwandiger Kunststoffbehälter ins Erdreich eingelassen.
QUEREINSTEIGER AUS MEDIZIN- UND LABORBERUFEN
Alle Rohröffnungen müssen von Froschklappen verschlossen sein, damit keine Tiere ins Rohr schlüpfen und darin verenden können. Bei ihrem Kontrollbesuch schaut Irma Baumeister nach, ob alles sauber und intakt ist. Zum Schluss nimmt sie eine Wasserprobe im Haus. Um Verfälschungen zu vermeiden, desinfiziert sie vorher den Wasserhahn mit einer Flamme. Genauigkeit gehört zu ihrem Beruf.
"Ich komme aus dem Laborbereich. Da kann mir keiner etwas vormachen", sagt die kleine Frau mit den kurzen Haaren, und ihre Augen blitzen energisch. Bevor sie sich zur Hygieneinspektorin weiterbilden ließ, arbeitete sie in der Produktionskontrolle mehrerer Molkereien, zunächst in ihrer Heimat Kasachstan und später in Deutschland. Wie Irma Baumeister kommen viele Hygieneinspektoren als Quereinsteiger aus Medizin- und Laborberufen.
ENTSCHEIDEND IST DIE BELASTUNG
Alle ein bis zwei Jahre überprüfen Irma Baumeister und ihre Kolleginnen sämtliche Trinkwasseranlagen im Landkreis, die Hausquellen genauso wie das Wasserwerk von Lörrach, das fast 50 000 Menschen versorgt. Dazwischen müssen die Betreiber selbst für die Überwachung sorgen. Zehnmal während einer Badesaison ziehen sie dagegen am Nonnenmattweiher und am Rheinschwimmbad bei Schwörstadt Wasserproben. Das Ergebnis: Laut Badegewässerkarte Baden-Württemberg gilt das Rheinschwimmbad als "zeitweilig belastet", der Moorsee am Belchen dagegen ist zum Baden "gut geeignet". Entscheidend ist auch hier die Belastung mit coliformen Keimen.
Auf ihrer Tour im Südschwarzwald besucht Irma Baumeister auch einen Campingplatz. Der Platz ist gepflegt, Toiletten und Duschräume blitzen vor Sauberkeit. Dennoch findet Irma Baumeister Mängel. Ein sauberer Gartenschlauch, mit dem die Camper Trinkwasser zapfen können, muss durch einen lebensmittelechten Schlauch ersetzt werden. Ein Geschirrspülbecken darf nicht mehr benutzt werden, weil es sich am gleichen Flur befindet wie der Raum, in dem die Camper ihre Chemietoiletten entsorgen können. Die Besitzerin des Platzes nickt ergeben: "Wenn sie das sagen, mache ich das."
AUCH PIERCINGSTUDIOS STEHEN AUF DER LISTE
Irma Baumeister nimmt ihre Arbeit zwar genau, ist aber auch pragmatisch: Auf dem Campingplatz wird sie im kommenden Jahr kontrollieren, ob alle Mängel beseitigt sind. Den Gastwirt wird sie dagegen nicht dazu verdonnern, eine UV-Lampe anzuschaffen. In diesem Jahr soll das ganze Dorf an das öffentliche Wassernetz angeschlossen werden. Bis dahin genügt es ihr, wenn er sein Wasser abkocht.
Auch das gehört zum großen Aufgabengebiet der Hygieneinspektorinnen: In unregelmäßigen Abständen besuchen sie Einrichtungen, in denen viele Menschen zusammen kommen, und kontrollieren dort Hygiene und Trinkwasserinstallation. Im Jahr 2003 habe man alle 150 Kindergärten im Landkreis überprüft, im Schuljahr 2008/09 die Schulen der Stadt Lörrach, berichtet Irma Baumeister. Aber auch auf Campingplätzen, in Hotels oder ähnlichen Einrichtungen schauen Hygieneinspektorinnen vorbei. Außerdem in Betrieben, in denen durch Unfälle Blutkontakt entstehen kann, in Piercingstudios und Arztpraxen etwa.
GEFÄHRLICHE LEGIONELLEN
Auf dem Campingplatz im Schwarzwald zieht Irma Baumeister eine Wasserprobe an einem Duschkopf, um sie auf Legionellen zu untersuchen. Eine Routinesache, denn Legionellen vermehren sich im warmen Wasser stark. Wenn sie im Wassernebel eingeatmet werden, können sie Lungenentzündungen verursachen. Wie gefährlich eine Legionellen-Infektion sein kann, zeigt der aktuelle Fall im Raum Ulm/Neu-Ulm.
Wenn dem Gesundheitsamt Lörrach Infektionskrankheiten bekannt werden, wie zum Beispiel Fälle von neuer Influenza, sprich: Schweinegrippe, werden die Hygieneinspektorinnen ebenfalls aktiv. In Zusammenarbeit mit den Amtsärzten befragen sie Patienten und suchen nach Kontaktpersonen, um zu verhindern, dass Menschen die Krankheit unwissentlich weiter tragen.
- Neu-Ulm/Ulm: Zwei Menschen sterben an Legionellen-Infektion
Autor: Regine Ounas-Kräusel
