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02. August 2012

Schloss Bonndorf

Werke von Loth und Kollwitz: „Ich glaube an Sie“

Skulpturen von Wilhelm Loth und Druckgrafiken von Käthe Kollwitz in einer Ausstellung in Schloss Bonndorf.

Unter dem Titel "Ich glaube an Sie" erzählt die aktuelle Ausstellung im Schloss Bonndorf die Geschichte von einer älteren, erfahrenen Künstlerin, die einen begabten, aber noch unsicheren jungen Mann dazu ermutigt, sein Leben ganz der Kunst zu widmen. Die Protagonisten dieser kleinen Kunst-Geschichte heißen Käthe Kollwitz (1867 bis 1945) und Wilhelm Loth (1920 bis 1993), und beide trennten nicht weniger als 53 Lebensjahre. Voll Dankbarkeit notierte Loth am 10. Januar 1940 in sein Tagebuch: "Ich bin ganz von Herzen glücklich, daß sich diese große Frau meiner so liebevoll annimmt. Ich muß arbeiten ohne Unterlaß, daß ich mich einmal dieses Vertrauens würdig erweisen kann".

Bereits mit 17 Jahren hatte der in Darmstadt geborene Loth das grafische Werk von Käthe Kollwitz entdeckt. Zu seinem 18. Geburtstag schenkte er sich ihre Lithografie "Mutter und Kind" von 1925. Wie Loth seinem Tagebuch anvertraute, kam er mit seinem neuen, für 15 Reichsmark erworbenen Besitz glücklich nach Hause, doch seine Mutter machte ihm bittere Vorwürfe. Er hätte sein Geld anders oder doch "wenigstens für ein ‚schönes‘ Bild ausgeben" sollen. Loth ließ sich davon nicht beirren, er besuchte die Kollwitz an Weihnachten 1938 in Berlin und schrieb ihr am 31. Dezember: "Der Abend bei Ihnen war eines meiner grössten Erlebnisse". Es folgte ein intensiver Briefwechsel, der bis in den Januar 1944 hinein dauerte.

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Die Ausstellung in Bonndorf zeigt nicht nur zwei Dutzend Skulpturen von Wilhelm Loth und rund 30 Druckgrafiken von Käthe Kollwitz, sondern auch Originalbriefe und Tagebücher. Aus diesen geht hervor, dass die Berliner Künstlerin nicht nur an Loth als Künstler glaubte, sie ermutigte ihn auch alsbald dazu, sich intensiver mit der Bildhauerei zu beschäftigen. Im April 1941 schrieb sie: "Freuen tut es mich aber, daß Sie selbst immer mehr Liebe zur Plastik fühlen, ich glaube mich nicht irren (sic), daß sie, die Plastik, Sie einmal ganz haben wird. Hoffentlich kann ich die schönen Arbeiten, die ich von Ihnen erwarte, dann auch mit erleben." Sie konnte es aber leider nicht. Während Wilhelm Loth nach Kriegsdienst und Gefangenschaft schließlich zu einem der berühmtesten deutschen Bildhauer der Nachkriegszeit wurde, starb Käthe Kollwitz am 22. April 1945, nur wenige Tage vor Kriegsende in Moritzburg bei Dresden.

Dem von Kollwitz in die nähere Zukunft gerichteten Schlüsselsatz "Ich glaube an Sie" wird nachgespürt, und so liegt der Schwerpunkt der Ausstellung auf Wilhelm Loths früheren Werken der 1950er und 60er Jahre. Die Bonndorfer Werkschau dokumentiert aber auch, dass sich Wilhelm Loth der älteren Künstlerin lebenslang in Verehrung und Dankbarkeit verbunden fühlte. An drei höchst unterschiedlichen Stationen seines gestalterischen Werkes hat er ihr plastische Arbeiten gewidmet: 1957 entstand die Bronze "Torso 4/57 – Hommage à Käthe Kollwitz", acht Jahre später das Porzellan-Relief "16/65 – In memoriam Käthe Kollwitz" und 1984 schließlich der mit "Erinnerungen an die Frauen der Kollwitz" betitelte Torso einer älteren, weiblichen Gestalt. Loths Torsi, die informelle Strukturen mit Figürlichem verbinden, sind als typische Kinder der Nachkriegskunst inzwischen in die Jahre gekommen.

Die Aufbruchstimmung, die von der Idee ausging, das zutiefst Menschliche mit einer statisch-konstruktiven Idee zu verbinden, hat rund 60 Jahre später verständlicherweise stark an Frische verloren. Ähnlich ergeht es dem Betrachter mit den Lithografien, Holzschnitten und Radierungen von Käthe Kollwitz. Höhepunkte ihres Schaffens bleiben jedoch die engagierten, sozialkritischen Radierungen aus dem Zyklus "Ein Weberaufstand", 1893/97, die dadurch noch geadelt wurden, dass Wilhelm II. sie als "Rinnsteinkunst" abqualifizierte. Kollwitz’ Grundton der Sorge, die Schilderungen von Hunger, Tod und Verzweiflung sind dagegen selbst aus der sicheren historischen Distanz immer noch schwer zu ertragen.

Die gezeigten Werke sind nicht dazu geeignet, Tourismusströme nach Bonndorf zu locken. Aber die Geschichte, die hinter der Entstehung dieser Arbeiten steht, ist auf jeden Fall eine Fahrt in den Schwarzwald wert.
– Schloss Bonndorf, Schlossstr. 9, Bonndorf. Bis 11. November, Mi bis So 10–12 und 14–17 Uhr.

Autor: Antje Lechleiter