"Ich habe eine Nische gefunden. Da blühen Orchideen"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 16. Oktober 2018

Literatur & Vorträge

BZ-INTERVIEW mit dem Berliner Verleger Sebastian Guggolz, der mit seinem ungewöhnlichen Programm zu Gast in Freiburg ist.

Man muss sich Sebastian Guggolz als glücklichen Menschen vorstellen. Vor vier Jahren gründete er einen Verlag unter seinem Namen, um – überwiegend zwischen den Weltkriegen entstandene – vergessene Klassiker der europäischen Literatur wieder ins Licht zu rücken. Allein drei Nobelpreisträger sind darunter. Bettina Schulte hat den Verleger auf der Frankfurter Buchmesse getroffen. Heute Abend stellt er sein Editionsunternehmen in Freiburg vor.

BZ: Wie geht das: einen Verlag gründen in Zeiten, in denen das Verlegen von Büchern zunehmend schwierig wird?
Guggolz: Es war eine Mischung aus positiver Energie und Naivität. Ich war einige Jahre Lektor bei Matthes & Seitz und habe mich um das Gebiet "Vergessene Klassiker" gekümmert. Ich merkte zunehmend, dass es das war, was mich interessierte: Bücher von Autoren herauszubringen, die zu Lebzeiten in ihren Ländern sehr bekannt waren und es bis heute vielfach noch sind, aber es über die Grenzen hinaus nie anhaltend geschafft haben, bekannt zu werden. Ich liebe es, antiquarische Bücher zu entdecken. Und ich hatte den Eindruck: Es gibt viel mehr Leute, die das interessiert, als man denkt.
BZ: Und mit so einem speziellen Interesse kann man als Verleger reüssieren?
Guggolz: Ja, gerade. Für einen kleinen Verlag ist es ungemein wichtig, ein klares Profil zu haben, um sich auch abzugrenzen. Dieses Feld vergessener Literatur aus Nord- und Osteuropa hatte bis dahin niemand bearbeitet. Ich habe eine Nische gefunden. Und da blühen Orchideen.
BZ: Warum interessieren Sie sich gerade für diese Gegenden?
Guggolz: Ich finde, dass dort eine sehr interessante Literatur existiert. Und ich habe auch ein bisschen nach dem Ausschlussverfahren gearbeitet. Französische oder englischsprachige Literatur konnten es nicht sein. Osteuropa ist eine reiche literarische Landschaft. Aus Skandinavien gibt es bei uns außer Krimiliteratur sehr wenig.
BZ: Es handelt sich auch um kleine Sprachen?
Guggolz: Ganz genau. Ich verlege große Literatur aus kleinen Sprachen.
BZ: Wie kommen Sie auf Ihre Titel?
Guggolz: Das Meiste sind Lektürefunde in alten Übersetzungen. Ich spreche keine dieser Sprachen. Deshalb ist mir die Arbeit mit den Übersetzern so wichtig. Auch von ihnen kommen immer wieder Vorschläge. Meine Titel sind für große Verlage nicht profitabel. Das führt dazu, dass sich die Übersetzer mit ihren Wünschen an mich wenden. Jeder gute Übersetzer hat Titel im Hinterkopf, die er gern machen würde. Ich bin der Verleger für die Lieblingsbücher der Übersetzer.
BZ: Also geht es bei Guggolz in gewissem Sinn umgekehrt zu: Nicht der Verlag sucht Übersetzer, sondern die Übersetzer suchen sich ihren Verlag?
Guggolz: Andererseits suche ich mir meine Übersetzer sehr genau aus. Ich überlege genau, welcher Übersetzer zu welchem Buch passt. Das führt dazu, dass ich mich mit vielen Übersetzern anfreunde, weil wir so eng zusammenarbeiten.
BZ: Gibt es Autoren, von denen Sie mehrere Bücher übersetzen lassen – oder denken Sie von Buch zu Buch neu?
Guggolz: Meistens ja. Ich bringe jedes Jahr vier Titel heraus. Das ist jedesmal ein individueller Prozess.
BZ: Wie kommen Sie mit vier Büchern im Jahr über die Runden?
Guggolz: Der Verlag kommt über die Runden. Das ist mein einziges Ziel. Ich selbst muss mich durch Nebenjobs finanzieren. Entweder ist man begünstigt durch eine reiche Familie oder man arbeitet nebenher. Anders ist dieses Geschäft nicht zu bewerkstelligen. Aber ich jammere nicht. Ich mache genau das, was ich will, und das finde ich beglückend.
BZ: Sie legen viel Wert auf die Gestaltung.
Guggolz: Meine Bücher sollen nicht wie eine Reihe aussehen, aber Familienähnlichkeit besitzen. Man soll sehen, dass sie von mir kommen. Ich arbeite eng mit meinem Gestalter zusammen. Bis auf Vertrieb und Übersetzung mache ich alles selbst. Ich habe eine unglaublich starke emotionale Bindung an meine Bücher.
BZ: Wie ist das Echo?
Guggolz: Ich kann nicht klagen. Ich bin Förderpreisträger der Kurt-Wolff-Stiftung. Ich bin nominiert für die Shortlist des Berliner Verlagspreises. Meine Bücher haben eine Auflage von 1500 bis 2000 Exemplaren. Das ist nicht schlecht. Es gibt Leser, die sich für diese Literatur interessieren. Die es schmerzt, dass Bücher immer so schnell vom Markt verschwinden.
BZ: Da hat der Verlag etwas Tröstliches.
Guggolz: Meine Bücher sind auch nach zwei Jahren noch aktuell. Sie sind eigentlich immer aktuell.

Veranstaltung: Heute, 16. Oktober, um 20 Uhr ist Sebastian Guggolz zu Gast in der Buchhandlung Schwarz, Freiburg, Günterstalstraße 44.