"Ich lebe aus, in und mit meinen Gedichten"

Frank Berno Timm

Von Frank Berno Timm

Sa, 12. Juli 2008

Kreis Emmendingen

Der Kinzigtäler Lyriker José F. A. Oliver liest am Sonntag im Waldkircher Scholz-Haus / "Mein andalusisches Schwarzwalddorf".

HAUSACH IM KINZIGTAL. Es ist nur eine gute halbe Stunde aus dem Elztal mit dem Auto hinüber nach Hausach und doch gelangt der Besucher in eine andere Welt. Schmal liegt die Altstadt im Tal und ohne Übergang schließt sich ein Wohnviertel an. Der Dichter José F.A. Oliver wohnt hier. Gleich hinter seiner Haustür geht es eine steile Treppe hinauf, die kleine Wohnung hat den unnachahmlichen Charme vieler Bücher und vieler Bilder, die – sorgfältig in Glas gefasst – an den Wänden hängen.

Und mit den Bildern ergeben sich die ersten Anhaltspunkte für ein Gespräch. Wir "springen" von einem New Yorker Projekt, mit dem die Bilder zu tun haben, zu Olivers Zeit als Dresdner Stadtschreiber. José F.A. Oliver hat etwas geschafft, das wenige packen. Er kann auf 13 Lyrikbände zurückblicken, die seit 1987 erschienen und überwiegend bis heute zu haben sind. "Ich lebe davon", sagt er, "aus und in und mit den Gedichten". Ein kleines Essaybändchen "Mein andalusisches Schwarzwalddorf" kam im letzten Jahr dazu, "eine Anregung meiner Lektorin".

Was bedeutet der Titel? Olivers Eltern stammen aus Andalusien, er selbst wurde im Schwarzwald geboren. Deutsch, sagt er, sei ihm die erste Schreibsprache, "ich muss die Sprache hören". Das mehrsprachige Aufwachsen sei eine Voraussetzung für sein Werk, aus "zwei Stiefmuttersprachen" habe er seine eigene, die poetische entwickelt. Olivers Texte sind, auch das ist beachtlich, in 18 Sprachen übersetzt und vielfach vertont worden.

Oliver ist aber nicht nur Schriftsteller, der mit seinen eigenen, vertonten Texten und mehreren Programmen reist, sondern ein wichtiger Literaturvermittler. Der Hausacher LeseLenz fand gerade zum 11. Mal statt. Oliver erzählt begeistert von der Arbeit mit Schülern, die nicht nur in Zusammenhang mit dem LeseLenz, sondern auch sehr umfangreich im Stuttgarter Literaturhaus stattfindet. "Über eigenes Schreiben", sagt Oliver, "wird das Verstehen von Gedichten gefördert". Das ist wohl noch untertrieben. Olivers Arbeit im Literaturhaus geht weit: Er macht Schreibwerkstätten mit Schülern, Unterricht im Dialog gemeinsam mit Lehrern. In fünf Jahren hat er 700 Schüler erreicht. Die Zeitschrift "Literatur machen" (mit der verhältnismäßig hohen Auflage von 7000 Stück) ist daraus entstanden, "Poetische Kritzel", eine edel daherkommende Mappe mit Texten von Realschülern, auch. Dass so jemand den Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg bekommt, ist dann kein Zufall mehr.

Kann man denn trotz Internet und SMS Jugendliche noch für Literatur gewinnen? Oliver antwortet, er baue das Internet ein, halte Sprechstunden per E-Mail ab. Schüler bekamen einmal sogar die Aufgabe, eine Geschichte zu verdichten, in dem sie den Text in SMS umsetzten. "Es wird wieder mehr geschrieben", sagt Oliver, im Internet habe sich eine neue Schreibkultur entwickelt, auch Mails seien ja eigentlich Briefe.

José F.A. Oliver ist ein Mann des Dialogs. Er blüht auf im Gespräch, erzählt davon, dass ihm der Dialog "auf allen Ebenen wichtig" sei. Im Sydney Opera House wurde zu seinen Gedichten getanzt, in Ägypten erscheint nach Syrien zum zweiten mal ein Gedichtband von ihm auf Arabisch. Und in Hausach wird gerade ein Haus umgebaut: Zwei Stipendien sind geplant, eins für Kinder- und Jugendbuch-Autoren, eins für Belletristik – was für wunderbare Aussichten für die Literatur.

José F. A. Oliver liest am Sonntag, 13. Juli, um 11 Uhr im Georg-Scholz-Haus Waldkirch