Literatur

"Ikarien" von Uwe Timm ist eine Balance zwischen Dichtung und Wahrheit

Hartmut Buchholz

Von Hartmut Buchholz

Fr, 19. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Literatur & Vorträge

Autor Uwe Timm geht in seinem Roman der Wandlung des Arztes Alfred Ploetz nach. Die weitgespannte Geschichte beschäftigt sich mit der Frage, wie der Kommunist zum Rassenhygieniker wurde.

Es war ein Moment, in dem eine Ordnung in eine andere, noch nicht gesicherte überging – ein Moment der Anarchie." Die vielbeschworene Stunde Null, die totale Niederlage nach dem totalen Krieg, der Zusammenbruch des NS-Staates, letzte Gefechte, bedingungslose Kapitulation, das von den alliierten Siegermächten besetzte Deutsche Reich, diese historische Leerstelle zwischen Nicht mehr und Noch nicht – vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund entwickelt Uwe Timm seinen thematisch weitgespannten Roman "Ikarien". Ein deutsches Panorama, das bis in die frühen 1880er Jahre von Bismarckzeit und Kaiserreich zurückblendet, ein gewichtiges, im besten Sinne lehrreiches Buch, verwoben in Uwe Timms thematischen Kosmos, der mit dem Etikett "Deutsche Geschichte" allenfalls in Umrissen skizziert ist.

"Nicht alles ist frei erfunden, aber alles frei gestaltet" – das Motto des Romans deutet ein erzählendes Verfahren an, das eine eigene Balance aus Dichtung und Wahrheit hält; Timm hat für sein neues Buch, dem ein ausführliches Literaturverzeichnis beigefügt ist, erkennbar akribische Recherchen betrieben. Kein dröger Thesen- oder Dokumentarroman, sondern ein dichterisches Erfinden von Wahrheit, wobei die Fiktion dicht an die historischen Realien angelagert ist – Geschichte als Erfindung, zu der die Wirklichkeit die Materialien liefert.

Präzise in der Beschwörung von Landschaft, Zeitgeschichte und Atmosphäre

Im Abspann zu "Ikarien" gesteht der Autor freimütig, dass ihn dieser Stoff seit 1978 beschäftigt hat, dass er das Projekt liegen ließ, "es wollte sich keine den Stoff fassende epische Struktur finden". Diese epische Struktur, offenbar einer langen Phase des Entwerfens und Verwerfens abgerungen, vermag auch jetzt nicht vollkommen zu überzeugen: Die Montage mit ihrer starren alternierenden Grundform hat etwas überraschungslos Mechanisches, die Anlage der beiden Protagonisten als Vertreter antagonistischer Weltentwürfe und sozialer Utopien riecht ein wenig nach literarischem Reißbrett.

Doch dies sind bloß Mäkeleien angesichts der überwältigenden Qualitäten von "Ikarien": der Reichtum der Sprache, die Präzision in der Beschwörung von Landschaft, Zeitgeschichte und Atmosphäre (seit Wolfgang Koeppens Roman "Tauben im Gras" ist das amerikanisch besetzte München wohl kaum je so treffend beschrieben worden), das Gespür für Figuren, Rhythmus und Dialog, der Instinkt für ein großes Thema, das den gesamten Roman trägt.

Im April 1945, wenige Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai, kommt der junge amerikanische Offizier Michael Hansen in ein ausgebombtes, in Trümmern liegendes Deutschland zurück, das er als Kind 1932 in Richtung New York verlassen hat. Zwar Angehöriger der US-Army, aber doch "eher ein Zivilist in Uniform", erhält er vom amerikanischen Geheimdienst einen sehr speziellen Recherche-Auftrag, gekleidet in die schlichte Formel "Wir wollen wissen, wie dieser Ploetz vom Kommunisten zum Begründer der Rassenhygiene wurde".

Gespenstische Wandlung vom kommunistischen Aufrührer zum Chefideologen des NS-Rassenwahns

Dieser Ploetz, der Großvater von Uwe Timms Ehefrau Dagmar (ihr ist der Roman gewidmet), ist Alfred Ploetz (1860 – 1940), eine monströse historische Figur, die den Roman beherrscht. Als Revoluzzer, Querdenker, Geheimbündler und Anarchist muss Ploetz als Student vor Bismarcks Sozialistengesetzen von Breslau ins liberale Zürich fliehen, er besucht 1884 im amerikanischen Iowa die auf egalitären Prinzipien beruhende Kommune der Ikarier, ab der Jahrhundertwende beginnt er, verbrämt als "Rassenhygiene" oder "Erbgesundheitslehre", jene Eugenik zu entwickeln, auf die sich die NS-Euthanasie berufen wird, 1937 wird er Mitglied der NSDAP.

Hansen macht in München einen der engsten Jugendfreunde von Ploetz ausfindig, den Antiquar Wagner, Dissident und Sozialist, Referent von August Bebel, gewerkschaftlich engagiert, ein linker Publizist, der während des NS-Regimes im Lager Dachau interniert war. In einer Serie von langen Interviews mit Wagner spürt Hansen den ideologischen Voraussetzungen von zwei sozialen Utopien nach, zwei Phantasmen eines neuen Menschen und einer neuen Zeit – der "Idealstaat", die "Gleichheit in Schönheit" einer anarchistischen Kommune einerseits, der "Aufartungsprozess" der rein arischen Rasse des Übermenschen andererseits. Wagner hat Ploetz’ gespenstische Wandlung vom kommunistischen Aufrührer zum Chefideologen des NS-Rassenwahns (gelegentlich fühlt man sich an den Fall Horst Mahler erinnert) über ein halbes Jahrhundert verfolgt. Beredt und mit profunder Kennerschaft gibt er Auskunft über die erstaunliche Karriere eines furchtbaren Mediziners.

Was mit Versuchsreihen an Kaninchengehirnen beginnt, nimmt vorweg, was die Nationalsozialisten mit ihren Menschenversuchen vollenden. "Und Rasse generierte das Volk und das Volk das Un-Völkische und das Un-Völkische den Volks-Schädling und der Schädling die Schädlingsbekämpfung. ... Der Patient wurde zum Präparat." Dieses pseudowissenschaftliche Bramarbasieren, dieser dröhnende, wichtigtuerische Jargon aus "dem Dumpfdenken vom Ariertum", dieses Schwadronieren vom "bereitwilligen Pflichttöten", von "Vitalrasse" und "Ballastexistenzen" durchschaut Wagner als Vokabeln aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Der antisemitische Reflex, beim frühen Alfred Ploetz noch kaum entwickelt, wird im Spätwerk zum dominierenden Element. Zwischen dem Gleichheitsgebot der sozialistischen Internationale und dem sozialdarwinistischen Gesetz der Auslese kann es kein vermittelndes Tertium Comparationis geben – Wagner und Ploetz, beide Utopisten, Kämpfer für ein besseres Leben und für eine neue Gesellschaft je nach ihrer Façon, werden zwar nicht zu Todfeinden, wohl aber zu geschiedenen Leuten.

Uwe Timms "Ikarien" ist eine in die Fiktion des Romans übertragene, luzide Studie über die vom NS-Staat propagierte sogenannte biologische Revolution, über ihre Wahngebilde von Zucht und Aufzucht, über ihre Akteure und Institutionen, über ihren ideologischen Überbau, ihr Schrifttum und ihre Dogmen. In dieser kruden Mixtur aus dem Mythos vom Übermenschen und der germanischen Herrenrasse bleibt ein unaufklärbarer Rest, ein dunkles Geheimnis, das auch Hansens Rapport an den Geheimdienst nicht wird lüften können: "Was die Leute antreibt, diesen wissenschaftlichen Furor der Verbesserung, gleichzeitig der Normierung, das Aussondern des Abweichenden, dessen, was als nicht normal gilt, nicht effektiv ist, das haben Sie auch bei uns, aber wie ist es hier zu dieser mörderischen Perfektion gekommen? Diese Verbindung von mittelalterlich Wahnhaftem und dem rational Technischen."

Uwe Timm: Ikarien. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 506 Seiten, 24 Euro. Lesung: Uwe Timm liest am
22. März um 19.30 Uhr im Literaturhaus Freiburg, Bertoldstraße 17.