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03. August 2012

"Im Fokus muss immer der pflegebedürftige Mensch stehen"

BZ-INTERVIEW mit Thomas Klie, Professor an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, über die Qualität der Pflegeberatung.

  1. Thomas Klie Foto: privat

FREIBURG. Wird ein Mensch pflegebedürftig, kann das seine gewohnte Lebenssituation und die seiner Angehörigen gehörig durcheinanderwirbeln. Um diesen belastenden Umständen nicht hilflos ausgeliefert zu sein, haben alle, die einen Antrag auf Pflegeleistungen stellen, seit 2009 einen gesetzlichen Anspruch auf eine qualifizierte Beratung. Ist sie überall gewährleistet? Hat sie Schwachstellen? BZ-Mitarbeiterin Anita Rüffer fragte nach bei Professor Thomas Klie von der Evangelischen Hochschule Freiburg.

BZ: Herr Professor Klie, was macht eine gute Pflegeberatung aus?
Klie: Sie muss unabhängig sein und die Anliegen der Pflegepersonen und ihrer Angehörigen umfassend vertreten. Dazu muss sie vertraut sein mit dem Hilfenetz vor Ort. Pflegeberatung im Sinn eines guten Fallmanagements geht weit darüber hinaus, über Angebote und ihre Finanzierung zu informieren. Sie muss zuhören können, das gesamte Lebensumfeld einbeziehen und erkennen, wo die Belastungen liegen und welche Hilfen passen. Es kann sein, dass eine über Monate sich hinziehende Begleitung zu Hause erforderlich ist. Wir gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent aller Pflegebedürftigen dieser intensiven Unterstützung bedürfen. Tatsächlich wird sie von weniger Personen in Anspruch genommen, aber die Nachfrage nimmt zu.

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BZ: Wie ist der Anspruch umgesetzt worden? Wie ist die Pflegeberatung organisiert?
Klie: Der gesetzliche Anspruch besteht gegenüber den Pflegekassen und sollte flächendeckend in der vom Gesetzgeber definierten einheitlichen Qualität in Deutschland gewährleistet sein. Er wird aber von Kasse zu Kasse, von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich umgesetzt.

BZ: Was heißt das?

Klie: Viele der 150 Pflegekassen übernehmen die Beratung selbst. Manche machen das ganz vorzüglich und schicken Sozialarbeiter zu Hausbesuchen, die einen abgestimmten Versorgungsplan mit den Ratsuchenden erarbeiten. Manchmal beschränkt sich Beratung auch auf ein einmaliges Telefonat. Kleine Kassen können den Beratungsanspruch gar nicht flächendeckend einlösen. Manche Kassen haben lediglich zwei Berater für ganz Baden-Württemberg. Die kennen natürlich nicht die Verhältnisse in Titisee-Neustadt.

BZ: Gibt es ein besonders gutes Beratungsmodell?

Klie: Wir haben festgestellt, dass Beratung dort am besten funktioniert, wo sie gut mit den örtlichen Hilfestrukturen vernetzt ist. In Rheinland-Pfalz beispielsweise arbeiten die Kassen mit dem Land und den Kommunen zusammen und haben die Beratung in eigens geschaffenen Pflegestützpunkten angesiedelt, die jeweils für 25 000 Menschen zuständig sind. So ist gewährleistet, dass alle gleich gut beraten werden. Pflegestützpunkte gibt es auch in Baden-Württemberg, aber nur jeweils einen pro Landkreis.
BZ: Lohnt denn der Aufwand? Profitieren Pflegebedürftige und ihre Angehörigen nachweislich davon?
Klie: Pflegeberatung wirkt: Sie wird von den Ratsuchenden als hilfreich und entlastend empfunden, weil sie ihre Lebenssituation stabilisiert. Unerwünschte Heimunterbringungen können vermieden werden. In der Stadt Ahlen in Westfalen beispielsweise sank die Quote um 40 Prozent dank eines effizienten Fall- und Pflegemanagements – schon bevor die Pflegeberatung eingeführt wurde.
BZ: Besteht nicht die Gefahr, dass die Pflegekassen als Kostenträger gar nicht unabhängig beraten können? Die Verlockung, die Beratung zu nutzen, um die Pflegekosten niedrig zu halten, dürfte groß sein.
Klie: In der bisherigen Struktur ist die Unabhängigkeit nicht angelegt. Ich erkenne sie eher in Kooperationslösungen wie in Rheinland-Pfalz, auch wenn Ländern und Kommunen ebenso daran gelegen ist, die Pflegekosten niedrig zu halten. Aber diesen Effekt hat Beratung ohnehin, weil sie die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems steigert. Im Fokus muss aber immer der pflegebedürftige Mensch mit seinen Bedürfnissen stehen.

Autor: arü