Im Sommer ab aufs Snowboard

Matthias Kaufhold

Von Matthias Kaufhold

Fr, 24. August 2018

Wintersport

Kein Scherz: Der Freiburger Umito Kirchwehm brettert am Sonntag bei der Junioren-Weltmeisterschaft zu Tal.

SNOWBOARD. Wohin bei dieser Hitze? Ins Freibad? Ins Kühlhaus? Manche tauchen ganztägig in den Keller ab. Andere steuern zielsicher den nächsten Autobahnstau an oder arbeiten freiwillig bis spätabends im Büro. Hauptsache, die Klimaanlage röchelt. Umito Kirchwehm aus Freiburg fährt in diesen Tagen Snowboard. Auf Schnee. Und das warm eingepackt und wettkampforientiert bei einer Weltmeisterschaft.

Wer jetzt nüchtern und unterkühlt einen verirrten Aprilscherz vermutet oder die Zurechnungsfähigkeit phantasierender Journalisten im brütend heißen Sommerloch anzweifelt, den muss man enttäuschen. Keine fake news. Alles echt. Der Weltverband Fis startet am kommenden Wochenende mit seiner Junioren-Weltmeisterschaft im Snowboard und Freestyle. Umito Kirchwehm fährt im Snowboardcross mit.

Bekanntlich ist grad Hochsommer – und damit Offseason für die Wintersportler. Doch weil sich die Fis als globale Organisation versteht und auch ihren Ländern auf der Südhalbkugel etwas Gutes tun will, hat sie die WM nach Neuseeland vergeben. Und wer hier den astronomischen Winter auskosten will, muss sich halt im August die Bretter unterschnallen. So wird eine WM in den vermeintlichen Rekordsommermonaten zum Schneespektakel. Die Wintersportorte in Australien und Neuseeland melden derzeit hervorragende Bedingungen. Die Konsistenz des weißen Untergrunds ist freilich etwas anders: "Der Schnee ist etwas griffiger als in Europa", meldet Kirchwehm aus dem australischen Mount Hotham Ski Resort. "Mir kommt das eher entgegen", ist er überzeugt. Die Rennen finden auf der Südinsel Neuseelands im Cardrona Alpine Resort (Queenstown-Lakes District) statt. Alle Teams sind in Wanaka untergebracht.

Seit zehn Tagen bereitet sich der Tross von Snowboard Germany in der Höhe von Australien auf die Wettkämpfe im Kiwi-Land vor. Zuvor hatten die deutschen WM-Teilnehmer, zu denen neben Kirchwehm aus dem Schwarzwald auch die Bräunlingerin Jana Fischer zählt, Gletschertraining bei Zermatt und am Stilfser Joch absolviert. Auch eine ganzjährig betriebene Skihalle im niederländischen Landgraaf wurde genutzt. Daneben feilten die Youngster auf Pump Tracks in Skateparks an ihrer Technik. Das Skateboard ist die ideale sommerliche Ergänzung zum Snowboard. Auch Umito Kirchwehm kam über das Brett mit den vier Rollen zur gleitenden Variante.

Vor drei Jahren ging es nach Oberstdorf ins Skiinternat

Der 18-jährige Freiburger zog vor drei Jahren wie viele Talente des Skiverbands Schwarzwald ins Skiinternat nach Oberstdorf, um dort seine Karriere voranzutreiben. Kirchwehm, der eine japanische Mutter hat und beide Staatsbürgerschaften besitzt, startet zum zweiten Mal bei einer WM. Sein Ziel ist ambitioniert: "Ein Top-Ten-Ergebnis wäre sehr cool."

Dafür muss sich der jüngste deutsche WM-Starter im Snowboardcross am Sonntag in den Einzelrennen der Qualifikation eine möglichst gute Ausgangsposition erarbeiten. Die besten 32 Fahrer nehmen dann in den Vierer-Ausscheidungsrennen am Montag den Kampf Mann gegen Mann auf.

Die besten Aussichten im deutschen Team dürfte der 20-jährige Winterlinger Sebastian Pietrzykowski besitzen. Landestrainer Julian Sadleder aus Freiburg zählt ihn zum erweiterten Favoritenkreis, genauso wie den gleichaltrigen Münchner Leon Beckhaus. Auch Olympia-Starterin Jana Fischer (19) ist bei den Frauen nach Silber im vergangenen Jahr wieder eine Medaille zuzutrauen.

Und Umito Kirchwehm? "Wenn alles klappt, kann auch er weit kommen", schätzt Sadleder. Der Trainer attestiert dem leichtgewichtigen Deutsch-Japaner "unglaubliche technische Fähigkeiten". In den Steilwänden und bei den Sprüngen habe er "immer wieder große Lichtblicke". Er muss es aber schaffen, seine Rennen bis zum Schluss durchzuziehen und Konstanz reinzubringen. Kirchwehm (Jahrgang 2000) kann immerhin noch zweimal bei einer Junioren-WM an den Start gehen. Für ihn gilt es, international Erfahrung zu sammeln und sich auf großer Bühne zu präsentieren. Das sieht auch der deutsche Nachwuchs-Cheftrainer Korbinian Harder so.

Sadleder selbst hat Umito Kirchwehm nie persönlich betreut – im Gegensatz zu dessen jüngerem Bruder Kenta. "Er hat in seinem letzten U-12-Jahr die Konkurrenz national wie international deklassiert", erinnert sich Sadleder an die starke vergangene Saison von Kenta Kirchwehm. Gut möglich also, dass der Name Kirchwehm in den kommenden Jahren eng mit Snowboardcross auf Top-Niveau verknüpft sein wird. Bezogen auf das jahreszeitliche Durcheinander ist man deshalb versucht, ein altes Sprichwort sprachlich leicht zu variieren: Ein Kirchwehm macht noch keinen Sommer.