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06. August 2012

Im vollen Bus herrscht gute Laune

Weil die Bahn an der Strecke zwischen Basel und Waldshut Arbeiten ausführt, werden die Züge durch Schnellbusse ersetzt.

  1. Schnellbusse zwischen Basel und Waldshut ersetzen momentan den Schienenverkehr. Foto: Dilbahar Askari

  2. Busfahrer Josef Mutter Foto: Dilbahar Askari

BASEL. "Guten Morgen!", ruft Josef Mutter ins Mikrophon, "Guten Morgen!", schallt es fröhlich zurück. Es ist allerdings keine Horde schullandheimvorfreudiger Schüler, die die Reihen im Bus bis ganz hinten und sogar den Platz vor den Türen besetzen. "Sie befinden sich in einem Schnellbus des Schienenersatzverkehrs auf der Strecke von Basel nach Waldshut", informiert Mutter die Fahrgäste. Die Deutsche Bahn hat zur Überbrückung der während einer Woche wegen Instandhaltungsarbeiten stillgelegten Strecke sowohl Schnellbusse organisiert, als auch Ersatzbusse, die jeden einzelnen Bahnhof zwischen Basel und Waldshut anfahren.

Josef Mutter betätigt pünktlich um 7.43 Uhr die Zündung, drei Jugendliche in Schottenröcken springen in letzter Sekunde aus der Tür. Es ist trotzdem noch sehr voll. "Samstag ist halt ein Ausflugstag", meint Mutter. An den Bodensee wollten die Leute oder weiter nach Ulm. Gemächlich biegt der rote Gelenkbus der Südbaden GmbH um die Kurve, trotz der frühen Stunde im Businnern angeregte Gespräche, Gelächter. Vielleicht liegt es daran, dass man sich aufgrund der beengten Verhältnisse näher ist als sonst, jedenfalls steht an diesem Morgen nicht das für Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln so typische kühle Schweigen im Raum.

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Die Menge der Passagiere indessen ist so bunt, wie nur der Zufall sie schafft: Zwei Mädchen mit großen Rucksäcken und Wanderschuhen an den Füßen, Familien mit Vesperbrottüten, ipod-verstöpselte Halbwüchsige, ältere Herrschaften mit Socken und Sandalen, junge und alte Paare, Einzelreisende mit Koffer, ein verirrter Anzugträger. Vier junge Männer, die vermutlich die Nacht in Basel durchgezecht haben, grölen ein bisschen, die angefangene Bierdose in der Gesäßtasche verstaut. "Zögern se nich, die rauszuschmeißen", hatte die Sicherheitsbeauftragte der Deutschen Bahn Busfahrer Josef Mutter am Badischen Bahnhof in breitem Berlinerisch noch zugeraunt. Doch die vier beruhigen sich, die Fahrt verläuft friedlich.

In Rheinfelden warten einige Menschen an der Haltestelle, ein DB-Angestellter nimmt die aussteigenden Fahrgäste in Empfang, um sie zum Bahnhof zu begleiten. Es sind nicht viele, die meisten fahren weiter. Inzwischen ist es so voll, dass sich diejenigen ohne Sitzplatz kaum bewegen können. Zu den vereinzelten Gepäckstücken sind einige Koffer, außerdem eine komplette Hockeyausrüstung sowie ein weiterer Kinderwagen dazugekommen. Da es im Bus weder eine Gepäckablage noch Kofferräume gibt, gruppieren sich die Leute ums Gepäck herum. Es ist nicht gerade angenehm, 90 Minuten zu stehen, Josef Mutter weiß das. "Die DB hat nun mal entschieden, dass nur ein Bus pro Mal fährt", sagt er. Wegen der Stehplätze darf er nur mit 60 Kilometer die Stunde fahren statt 80, trotzdem ist er noch gut in der Zeit.

Durch Armbeugen und an Ellbogen vorbei lässt sich durch das Fenster immer wieder ein Blick auf den grün schimmernden Rhein erwischen – eine schöne Strecke eigentlich. Die vier Zechkumpanen haben inzwischen begonnen, mit anderen Fahrgästen hochphilosophische Gespräche zu führen: "Einmal ist keinmal, heißt es doch immer. Dann muss zweimal ja einmal sein, oder?" In Bad Säckingen steigen sie aus. "Haut rein Leute!", rufen sie in die Runde und winken, als der Bus weiterfährt.

Um Viertel nach neun kommt er in Waldshut an. Alle Fahrgäste steigen aus, Josef Mutter hat Pause, er fährt weiter ins Busdepot. Auf dem großen Parkplatz des umzäunten Geländes stehen rote und weiße Busse aufgereiht, sie alle werden in der nächsten Woche als Zugersatz unterwegs sein. 15 Busse der SBG bilden die Schienenersatzflotte, 25 Busfahrer sind von der Deutschen Bahn, dem SBG-Mutterkonzern, für die Zeit während den Schienenbauarbeiten engagiert worden. "Das funktioniert nur, weil gerade Sommerferien sind", sagt Mutter. Während Schulbetrieb hätten sie niemals genügend große Busse übrig gehabt, um den engen Fahrplan einzuhalten.

Schon so musste die SBG die alten Exemplare in Betrieb nehmen, die ansonsten kaum mehr gefahren werden. Die sind kleiner und haben Kofferräume, aber keine Klimaanlage. "Die neuen sind komfortabler", sagt Mutter. "Es sind schöne Busse". Er genieße es wieder zu fahren, erzählt er. Vor vier Jahren ist er in den Ruhestand gegangen, auf Anfrage hat er sich bereiterklärt, in diesem und nächsten Jahr Schienenersatz zu fahren. "Die mussten das lange im Voraus organisieren", erzählt er. Gerade in der Ferienzeit sei es schwierig, Fahrer zu finden.

Im Aufenthaltsraum des Depots trifft Mutter zwei Kollegen: "Na? Fährst du auch Schienenersatz?" fragen sie. "Knallvoll" sei der Bus gewesen, sagt Mutter, "aber es hat alles wunderbar geklappt, wir waren überall pünktlich." Im Frühjahr, als er für die DB Schienenersatz zwischen Schaffhausen und Erzingen gefahren ist, war es laufend zu Verspätungen gekommen. "Wir haben da zu wenig Zeitpuffer eingeplant." Für die Strecke zwischen Basel und Waldshut, die die DB als "Korridorbaustelle" überholt und deshalb aus wirtschaftlichen und sicherheitstechnischen Gründen bis nächsten Freitag komplett gesperrt hat, müssen alle Züge ersetzt werden. "Wir fahren deshalb viel früher, als die Bahn, damit die Fahrgäste garantiert ihre Anschlüsse bekommen", so Mutter. Doch auch wenn die Busse pünktlich sind, nehmen nicht alle Passagiere die Umstellung ihrer Reisepläne so locker: "Ich find’s nervig, dass jedes Jahr auf dieser Strecke gebaut wird", sagt eine Frau auf dem Weg zurück nach Basel. Sie reist noch weiter nach Berlin und die Fahrzeitverlängerung kommt ihr ungelegen. "Man kann’s nicht ändern", meint eine ältere Dame, die ihren Dackel in einer Tasche trägt. "Nur der Hund", sagt sie, "der mag Zugfahren lieber".

Autor: Dilbahar Askari