Altenbetreuung

Immer mehr Seniorinnen leben allein

Michael Saurer

Von Michael Saurer

Di, 04. Dezember 2018 um 20:30 Uhr

Panorama

Immer mehr alte Menschen leben in Single-Haushalten. Besonders Frauen sind hiervon betroffen – leben aber oft sozialer als die Männer

In immer mehr deutschen Haushalten leben Singles. Dies betrifft auch die Senioren – und hier vor allem die Frauen. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts leben 45 Prozent der Frauen über 65 alleine. Bei Männern hingegen sind es nur 20 Prozent. Laut Experten geht damit aber nicht automatisch eine stärkere soziale Isolation einher.

Den Zahlen der Behörde zufolge leben 34 Prozent der Menschen über 65 Jahren alleine, 59 leben mit einem Partner zusammen. Noch deutlicher sind die Zahlen bei Senioren über 85 Jahren. Hier leben 73 Prozent der Frauen alleine, bei den Männern sind es nur rund ein Drittel.

Ein Hauptgrund hierfür ist die höhere Lebenserwartung bei Frauen. Da Frauen in der Regel mit einem älteren Partner zusammenleben und dieser statistisch gesehen auch noch früher stirbt, verwundert die hohe Zahl an Single-Haushalten bei Seniorinnen nicht.

Allerdings heißt dies nicht, dass Frauen deshalb in hoher Zahl vereinsamen würden. Im Gegenteil seien es eher die Männer, die nach dem Tod der Partnerin unter Einsamkeit und sozialer Isolation leiden würden, sagt Joachim Hagelskamp, der beim Paritätischen Wohlfahrtsverband die Abteilung Gesundheit, Teilhabe und Dienstleistung leitet. "Schauen Sie sich mal die klassischen Altennachmittage an, da sitzen zu 90 Prozent Frauen drin", so Hagelskamp. Frauen würden zwar stark unter dem Verlust des Partners leiden, könnten nach einer Trauerzeit aber auch besser wieder Kontakte zu anderen Menschen gleichen Alters knüpfen.

Auch Heike Felscher von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen sieht dies so. "Frauen gehen nach dem Verlust des Partners eher wieder nach draußen." Ein Grund sieht Felscher in traditionellen Familienstrukturen, die in dieser Altersgruppe noch prägend seien. Sprich: Während die Männer meistens berufstätig waren, kümmerten sich die Frauen oft als Hausfrauen um den Haushalt, knüpften darüber hinaus aber auch Kontakte zu anderen Frauen ihrer Altersgruppe. Dabei entwickelten sie soziale Fähigkeiten, die bei Männern oft nicht in dieser Weise ausgeprägt seien.

Man müsste deshalb den geschlechtsspezifischen Unterschieden gerade auch in der Altenbetreuung Rechnung tragen, fordert Hagelskamp. Insbesondere für Männer sollte man mehr Angebote bieten, in denen diese ihre speziellen Fähigkeiten einbringen könnten. Ein Handwerker im Ruhestand könnte etwa in kleinere Reparaturdienste einbezogen werden. "Wir müssen die vorhandenen Fähigkeiten aktivieren", sagt Hagelskamp.

Prinzipiell – so Hagelskamp und Felscher – sei das Problem der sozialen Isolation von Männern wie auch Frauen in der Stadt deutlicher ausgeprägt wie auf dem Land. In dörflichen Strukturen sei die Nachbarschaft oft noch eine wichtigere soziale Komponente für die Alltagsbewältigung, als dies in den Städten der Fall sei.

Deshalb, so Hagelskamp, sei die Ausbildung einer gesunden Nachbarschaft die Grundvoraussetzung für den Weg aus der sozialen Isolation. Aber dazu brauche es auch entsprechende Räume. Und damit sind nicht nur Gemeindesäle für klassische Altennachmittage mit Kaffee und Kuchen gemeint. Auch Aktivitäten im Freien seien wichtig, sagt Heike Felscher und verweist auf ein Projekt in Bonn, bei dem ehrenamtliche Helfer Senioren zu Ausfahrten mit einer Fahrradrikscha abholen. Sie ist sicher: "Die klassischen Angebote wie Kaffeetrinken wird es immer geben. Aber es muss in Zukunft noch weitere Möglichkeiten geben, um alten Menschen soziale Teilhabe zu ermöglichen."