In den Bann gezogen vom Buch und seiner Autorin

Hartwig Kluge

Von Hartwig Kluge

Sa, 20. Oktober 2018

Kirchzarten

Nina George liest in der Kirchzartener Bücherstube.

KIRCHZARTEN. Nina George ist eine charismatische Frau. Sie redet gern und schnell, dabei fliegen ihre Locken, die modische Brille wird ab- und wieder aufgesetzt und alles scheint in Bewegung. Von Katrin Schmidt, der Inhaberin der Kirchzartener Bücherstube, wo George aus ihrem neuesten Buch liest, wird sie als "klug und eloquent" vorgestellt.

Nina George sei 45 Jahre alt, habe mit 18 Jahren mit dem Schreiben begonnen, sei seit 14 Jahren mit einem Schriftsteller verheiratet und tanze zum Ausgleich leidenschaftlich gern Tango Argentino. Abwechselnd lebe sie in der Bretagne und in Berlin. 20 Jahre habe sie gebraucht, um über Nacht berühmt zu werden. Mit ihrem ersten Bestseller "Das Lavendelzimmer" stand sie 63 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. In 35 Sprachen wurde das Buch übersetzt, es bescherte ihr finanzielle Unabhängigkeit. Eine hochkarätig besetzte Verfilmung ist geplant.

Vom Mut zur Veränderung

Als ihr Vater gestorben sei, habe sie die Zeit der Trauer und des Schmerzes dazu gebracht, zu schreiben, was sie wolle, so George. Sie ist sich sicher, dass kleine Ereignisse die Welt mehr verändern können als große. Ihr Motto lautet: "Das Leben stürzt sich nicht auf einen – man muss sich auf das Leben stürzen!" In ihrem neuen Buch "Die Schönheit der Nacht" habe sie über wilde Gefühle schreiben wollen, denn "wir alle haben ein Geheimnis in uns, besonders Frauen".

Als Nina George mit dem Lesen beginnt, erhält die Veranstaltung ein kaum mehr zu steigerndes Tempo. Der Unterschied zwischen Lesen und Deklamieren scheint aufgehoben, weil viele Stellen frei und mit großem schauspielerischen Talent dargeboten werden. Es gelingt George, die meist weiblichen Zuhörerinnen in ihren Bann zu ziehen und spielerisch in die Geschichte des Buches einzufangen. "Die Schönheit der Nacht" erzählt vom Mut zur Veränderung, von Leidenschaft und Liebe und davon, dass bei sich selbst anzukommen auch loszulassen heißt. Das Buch ist eine Hommage an die Selbstentfaltung der Frau, aber auch an die Bretagne und das Meer als Symbol der inneren Freiheit.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Zwei Frauen begegnen sich in Paris in völlig unterschiedlichen Lebenssituationen. Claire, die beruflich erfolgreiche Verhaltensbiologin, ist Anfang Vierzig und hat einen erwachsenen Sohn. Sie fühlt sich in ihrem Leben und ihrer Ehe eingezwängt und verspürt den Drang nach etwas Neuem. Julie ist 19 Jahre alt und auf der Suche nach Orientierung.

Wie die beiden Frauen zueinander finden, wird spannend beschrieben: Julie weiß um Claires erotisches Abenteuer und als Freundin ihres Sohnes tritt sie in das Leben der verheirateten Frau. Zu viert fahren sie in die Bretagne und erliegen dem Zauber des Himmels und des Meers. Die sich entwickelnde Zuneigung der beiden Frauen erhält ihre Zuspitzung in einer wundervoll beschriebenen Szene, in der Claire Julie das Schwimmen im Meer beibringt. Man hält quasi den Atem an, als Nina George mit einem effektvollen Zuschlagen des Buches dieser Stimmung ein Ende versetzt.

Es braucht einige Zeit, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen. Aber dann folgt lang anhaltender Beifall, der ein dankbares Gefühl für die Schönheit der Literatur und das Erleben einer begeisterungsfähigen Frau hinterlässt.