In der Summe gefährlich

Bernd Peters

Von Bernd Peters

So, 07. Oktober 2018

Elsass

Der Sonntag Bericht über die kleinen Zwischenfälle in Fessenheim.

Die Karlsruher Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl hat vor einem Jahr einen Bericht der französischen Atomaufsicht ASN zu sogenannten "Precursor"-Vorfällen im AKW Fessenheim angefordert. Als "Precursor" (deutsch: Vorbote, Anzeichen) bezeichnen Experten kleinere, als ungefährlich eingestufte Zwischenfälle in einem AKW, die in der Summe aber als Indikatoren dafür gelten, dass eine Atomanlage nicht mehr technisch in gutem Zustand ist und ein schwerer Zwischenfall bevorstehen könnte. Nun liegt Kotting-Uhl der Bericht vor, und am Freitag hat sie ihn in Fessenheim mit dem Kölner AKW-Sachverständigen Manfred Mertins vorgestellt.

Die Atomkatastrophe in Tschernobyl 1985 gelte als Fall, in dem möglicherweise "Precursor"-Ereignisse nicht ernst genommen wurden, sagte Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin ihrer Partei. Der ASN-Bericht habe für die Jahre 2003 bis 2013 17 "Precursor"-Zwischenfälle in Fessenheim aufgelistet. Aktuellere Daten seien nicht zu bekommen gewesen, dennoch sei der Bericht alarmierend: Fessenheim habe eine der höchsten "Precursor"-Fälle aller französischer Atomanlagen. Diese seien bisher nicht als solche kommuniziert worden und ein weiterer Grund, das AKW abzuschalten.

Kotting-Uhl und die Umweltverbände, deren Einladung nach Fessenheim Mertins und sie gefolgt sind, werfen der französischen Politik beim Thema Fessenheim eine mangelnde Glaubwürdigkeit vor: Dass Frankreich diese Woche angekündigt hat, Fessenheim könne womöglich bis 2022 am Netz bleiben, kritisierte die Politikerin scharf. Dass die AKW-Abschaltung allerdings auch früher und entkoppelt von der Inbetriebnahme des neuen Reaktors in Flamanville über die Bühne gehen könnte, wolle sie nicht glauben. In Sachen Fessenheim seien schon viele Versprechen und Ankündigungen des französischen Staats nicht eingehalten worden. "Ich glaube der französischen Regierung nichts mehr." Die "Precursors" sehe auch die als atomfreundlich geltende EU-Kommission kritisch. Sie kämen nun "zu all den anderen Defiziten in Fessenheim" dazu, so Kotting-Uhls Fazit. Aber nicht nur die französische Politik, die eine Gefährdung der Menschen am Oberrhein einfach weiterlaufen lasse, sei zu kritisieren. Auch der Bund steht für Sylvia Kotting-Uhl am Pranger: Berlin verstecke sich hinter dem 1956 abgeschlossenen Euratom-Abkommen, wonach jedes EU-Mitglied völlige Souveränität bei der Erforschung und dem Ausbau der Atomkraft habe. "Euratom hätte längst reformiert werden müssen", sagte die Abgeordnete. "Es dürfte eigentlich nur noch der Erforschung der Endlagerfrage dienen". Passiert sei diesbezüglich bis heute nichts. So habe der Bund es zuletzt abgelehnt, die Euratom-Reform an den Ausstieg der Atommacht Großbritannien aus der EU zu knüpfen. Bernd Peters