Ende einer Institution

In Steinen hat nach 90 Jahren das Schuhgeschäft Schultheiß zugemacht

Robert Bergmann

Von Robert Bergmann

Fr, 18. Januar 2019 um 20:00 Uhr

Steinen

In Steinen hat Anfang des Jahres das Schuhgeschäft Schultheiß zugemacht. Mehr als 90 Jahre Firmengeschichte sind damit zu Ende gegangen.

Für den Außenstehenden ist es nur eine weitere Geschäftsschließung, ein weiteres leeres Schaufenster im Steinener Ortskern. Denen, die für das Schuhhaus Schultheiß gelebt haben, geht diese Geschäftsaufgabe richtig an die Nieren: Fünf Jahre nachdem Christel Anhorn-Schultheiß das Geschäft an der Lörracher Straße 1 in die jüngeren Hände von Brigitte Nägele übergeben hat, musste die Nachfolgerin Anfang Januar aufgeben. Mit der Geschäftsaufgabe endet eine über 90-jährige Steinener Familientradition.
"Ich hatte wahnsinnig Spaß mit dem Laden, aber es geht einfach nicht mehr weiter", sagt Brigitte Nägele. Sie wolle sich künftig ganz auf ihr Immobiliengeschäft konzentrieren, das sie bislang neben dem Schuhverkauf auch noch gemanagt hat. Es sei, erzählt Nägele, schon bei der Übernahme des traditionsreichen Schuh-Geschäfts 2014 absehbar gewesen, dass sich das Konsumverhalten der Menschen ändert und die Zeiten im Einzelhandel nicht leichter werden. Nägele: "Der Schuhverkauf im klassischen Ladengeschäft wird immer weniger." Nägele nennt den wachsenden Online-Handel, aber auch den Klimawandel, der enorme Schwankungen im saisonalen Geschäft mit sich bringe, weil man sich nicht mehr so auf die Jahreszeiten verlassen könne. Sie habe sich den Einstieg bei Schultheiß damals als zweites Standbein vorgestellt, mit neuen Angeboten auch zeitweise neue Kundschaft in den Laden gelockt. Inzwischen aber zeige sich, dass dieses Standbein einfach nicht mehr trägt. Und so habe sie sich Ende 2018 dazu entschlossen, das Schuhgeschäft aufzugeben.

"Wie ein Todesfall in der Familie"

Der Anruf Brigitte Nägeles vor einigen Tagen, dass in der Lörracher Straße 1 die Lichter ausgehen werden, hat Christel Anhorn-Schultheiß in ihrem schönen Haus im Steinener Bannweg bis ins Mark getroffen. "Das ist ein Ende, mit dem ich nicht gerechnet habe", sagt die resolute Mitsiebzigerin. Auch ein paar Tage später kämpft die letzte Inhaberin aus der Familie von Firmengründer Ernst Schultheiß noch immer mit den Tränen. "Für sie ist das wie ein Todesfall in der Familie", sagt ihr Mann Gustav mit weicher Stimme.

Im Jahr 2014 hatte sich Anhorn-Schultheiß 71-jährig schweren Herzens von ihrem Schuhgeschäft verabschiedet. Das Geschäft ist – 1924 von Großvater Ernst gegründet und von der Mutter und der Tante nach dem Krieg weitergeführt – so eng mit der Familiengeschichte verwoben, dass der endgültige Schlussstrich geeignet ist, tatsächlich mit Trauer und Tränen zu reagieren.

Ein Rucksack voller Schuhe

Christel Anhorn-Schultheiß hat bei unserem Besuch noch einmal die ganzen alten Fotoalben ausgepackt. Auch Gerhard Schaums Bildband "Steinen vorgestern, gestern und …", dessen Titelbild den ersten Firmenstandort in der Kanderner Straße zeigt, hat sie herausgesucht. Da sind die Bilder vom 60-jährigen Jubiläum, die Schaufenster mit goldenem Lorbeerkränzen geschmückt. Und auch ein Foto vom Gebäude Lörracher Straße 1 im Jahr 1955, kurz vor dem Umbau zum Schuhgeschäft, als dort noch die Sattlerei/Polsterei Kübler untergebracht war, liegt auf dem Tisch.

Auf einem späteren Bild stehen Christel Anhorn-Schultheiß’ Mutter – eine gebürtige Steinenerin – , Großmutter Mina und Tante Marie – "meine zweite Mutter" – vor dem Geschäft. Vergilbte Zeitungsartikel erzählen die Firmengeschichte seit den Anfängen, als der Großvater in der Weimarer Republik den legendären Rucksack mit Schuhen vollpackte und loszog, um diese an den Mann oder die Frau zu bringen.

Steigender Kostendruck

Über 50 Jahre – seit 1963 – hat die in Karlsruhe geborene Christel Schultheiß das Schuhgeschäft Schultheiß in der Lörracher Straße mit Leben erfüllt. Sie hat tausende von Kunden beraten und stets ihre Freude gehabt, wenn die Menschen zufrieden und um ein Paar Schuhe reicher wieder aus dem Laden gingen. Auch ihren Mann hat sie hier kennengelernt. Als Fliesenleger hatte er Mitte der 1950er Jahre beim Umbau angepackt. Für Christel Anhorn-Schultheiß sind Schuhe schon seit Kindertagen "etwas gravierend Schönes".

Die Veränderungen im Geschäft mit dem Schuhwerk in den letzten Jahren hat sie dabei aufmerksam registriert. Zumal das nachlassende Qualitätsbewusstsein der Menschen – das zu ihrem großen Missfallen auch mit nachlassender Qualität selbst bei Markenschuhen einherging – bereitete ihr zunehmend Sorgen. Sinkende Qualität, steigender Kostendruck und Kunden, die nur noch auf den Preis schauen, – alles keine guten Voraussetzungen für die Zukunft eines Inhabergeführten Ladengeschäfts.

Und weil sie so genau versteht, wo der Schuh drückt, hat denn auch Christel Anhorn-Schultheiß alles Verständnis der Welt dafür, dass sich ihre Nachfolgerin Brigitte Nägele nun nach gerade mal fünf Jahren zur Aufgabe gezwungen sieht und den Schlussstein setzt an die über 70-jährige Firmengeschichte des Hauses Schultheiß.

Schwer, mit Qualität zu Punkten

"An ihr liegt es nicht, sie hat alles gegeben", sagt Anhorn-Schultheiß anerkennend über ihre Nachfolgerin. Sie hat selbst noch einige Zeit als einfache Angestellte mit angepackt und mitbekommen, wie sich die neue Chefin bemüht hat. Brigitte Nägeles Entscheidung sei unter den sich verschlechternden Bedingungen des Einzelhandels nur konsequent.

Dass man beim Verkauf mit Qualität heutzutage kaum noch punkten könne, die Bürger den regionalen Einkauf nicht mehr unterstützen, um ein paar Euro im Online-Einkauf zu sparen, sei im Grunde genommen eher ein Armutszeugnis für die Gesellschaft. Ob in der Lörracher Straße wieder ein Schuhgeschäft einziehen wird, daran hat Christel Anhorn-Schultheiß so ihre Zweifel. "Ich hoffe aber sehr, dass dort wieder ein schöner Laden hinkommt."