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09. November 2009

Interessanter Hörvergleich

Auftakt zum Musikalischen Herbst in Lörrach mit Viva Voce.

Mit einer Aufführung der Matthäuspassion läutete Felix Mendelssohn-Bartholdy 1829 eine Renaissance des Werks von Johann Sebastian Bach ein. Überhaupt hat sich der "Mozart des 19. Jahrhunderts" stark mit Bach und barocker Musik auseinandergesetzt. Diese Einflüsse sind in seinen Oratorien und den frühen Orgelwerken hörbar. Da ist es durchaus sinnvoll, in einer Konzertreihe wie dem "Musikalischen Herbst" in Lörrach ausschließlich Werke von Mendelssohn und Bach einander gegenüberzustellen.

Beim Eröffnungskonzert in der Lörracher Stadtkirche waren es Motetten und Orgelwerke der beiden Komponisten, die zum interessanten Hörvergleich einluden. In seinem kraftvoll dynamischen Spiel zeigte Organist Willi Tittel auf, dass Mendelssohn in den bewegten Steigerungen und der schön gebauten Fuge seines Präludiums und Fuge d-Moll op.37/3 über das Vorbild Bach hinaus zu einer eigenen Orgelsprache gefunden hat. Auch Bachs Präludium und Fuge c-Moll BWV 546 in ihrer kühnen Klangarchitektur und musikalischen Schönheit stellte Tittel überzeugend in den Raum.

Mit drei Motetten des Jubilars Mendelssohn lenkte das Ensemble Viva Voce unter Leitung von Bezirkskantor Herbert Deininger den Blick auf die Bedeutsamkeit der Mendelssohnschen Sakralmusik jenseits der oft aufgeführten Oratorien "Elias" und "Paulus". Deininger achtete in den vier- bis achtstimmigen Motetten "Richte mich Gott", "Aus tiefer Not" und "Warum toben die Heiden" auf ruhige klare Spannungsbögen. Die Sängerinnen und Sänger seines Kammerchors ließen an vorbildlicher Textverständlichkeit und -auslegung nichts zu wünschen übrig. So kamen die Transparenz und Klarheit des Chorklangs, die feine Durchzeichnung der Stimmen und die Ausgewogenheit in den Stimmgruppen schön zur Geltung. Ihr Mendelssohn-Gesang hatte romantische Empfindsamkeit, deutliche Artikulation und wo nötig auch behutsam angegangene Steigerungen wie an der Stelle "mit eisernem Zepter zerschlagen".

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Hauptwerk des klug konzipierten Programms war Bachs berühmteste und umfangreichste Choralmotette "Jesu meine Freude", die für viele als tönendes Glaubensbekenntnis gilt. "Man könnte den Text als Bachs Predigt vom Leben und Sterben bezeichnen", beschrieb Albert Schweitzer diese einzigartige fünfstimmige Motette mit eingefügten Bibelworten aus dem Römerbrief des Paulus. Nicht nur in Bezug auf Textgehalt und geistiger Durchdringung, sondern auch musikalisch und satztechnisch stellt dieses Meisterwerk höchste Anforderungen an den Chor, denn die Folge der Choralvariationen verlangt unterschiedlichste stimmliche Ausdrucksnuancen. Ob im ruhig anhebenden ersten Satz eher schlichte Deklamation verlangt ist, ob es in fast überirdisch-mystischen Klängen um den Abschied von der Welt und die Loslösung von dunklen Mächten geht oder in dem dramatischen "Trotz dem alten Drachen" starke Kontraste von Pianissimo und Forte erscheinen – das Vokalensemble wird den hohen Ansprüchen in jedem der Sätze gerecht. Wie kompetent und sorgfältig hier Bach gesungen wird und wie sehr der Chorleiter auf die Wortintensität und prägnante Textdeklamation Wert legt, zeigte sich an der guten Betonung verschiedener Wortstellen. Der deutlich und klar strukturierte Gesang von Viva Voce wurde instrumental vom Basso continuo-Spiel von Organist Willi Tittel und Beatrice Wygandt am Kontrabass hervorragend gestützt und bekam dadurch ein starkes klangliches Fundament und verstärkte Akzentuierung.

Autor: ros