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11. August 2012 00:05 Uhr
Teil 17
Inwieweit haben Spekulationen zur Eurokrise geführt?
Der Leser Michael M.P. Wittmann aus Riegel fragt: "Inwieweit haben Spekulationen zur Eurokrise geführt und welche Möglichkeiten gibt es, aus jener Krise zu gelangen?"
Was versteht man unter Spekulation?
Spekulation ist möglich, weil sich Preise im Verlauf der Zeit ändern können. Techniker A kauft Aktien des Maschinenbauers B, weil er davon überzeugt ist, dass das Unternehmen im nächsten Jahr wegen der guten Auftragslage einen höheren Gewinn erzielt. Sein Urteil basiert auf zuverlässigen Informationen. Er arbeitet in der Branche. Wird mehr Gewinn erwirtschaftet, steigt in der Regel auch die Gewinnausschüttung an die Aktionäre. Die Aktie beinhaltet das Recht auf einen Teil des Gewinns. Weil viele andere Anleger dem Techniker später folgen, steigt die Nachfrage nach den Aktien des Unternehmens, während das Angebot tendenziell sinkt. Weniger Leute wollen wegen der guten Aussichten die Aktie verkaufen. Der Kurs – der Preis der Aktie – steigt. Techniker A darf sich über einen Spekulationsgewinn freuen, als er die Aktien später zu einem höheren Kurs verkauft. Seine Rechnung ist nur aufgegangen, weil viele andere Leute an der Börse seine Einschätzung geteilt haben. Bei den Staatsanleihen der kriselnden Eurostaaten läuft es andersherum: Der Preis der Anleihen fällt, weil etliche Anleger – unter anderem solide deutsche Lebensversicherer – sich davor fürchten, dass Länder wie Italien oder Spanien ihre Schulden nicht zurückbezahlen. In Griechenland gab es ja einen Schuldenschnitt. Gläubiger Griechenlands erhalten weniger Geld, als sie ausgeliehen haben. Die Anleger verzeichnen durch ihren Verkauf der Krisenanleihen einen Verlust, weil sie die Anleihen zuvor teurer eingekauft hatten. Sinkende Kurse von Anleihen bedeuten steigende Renditen. Die Renditen sind ein Maß für die Finanzierungskosten eines Staates. Sind die Renditen hoch, muss der Staat Anlegern hohe Zinsen bieten, damit sie Anleihen kaufen.
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Warum schafft man die Börsen nicht ab?
Preise und damit auch Kurse haben eine wichtige Funktion in einer Marktwirtschaft. Sie geben Signale. Steigende Aktienkurse zeigen dem Anleger im Idealfall, dass ein Unternehmen kostengünstig arbeitet und viele Produkte verkauft. Anleger können erwarten, dass mit ihrem Kapital, das sie über den Aktienkauf der Firma zur Verfügung stellen, möglichst gewinnbringend und damit wertschöpfend umgegangen wird. Davon profitiert auch die Gesellschaft. Das Kapital wandert zum besten Wirt. Fehlen diese Signale, haben Anleger keine Orientierung. Viel Geld flösse dann an Firmen, die Ressourcen verschwenden oder gar nicht das herstellen, was die Leute wollen. Bei Staatsanleihen weisen hohe Renditen den Anleger auf ein hohes Risiko hin. Investiert ein Anleger sein Geld in solche Anleihen, muss er damit rechnen, dass er seine Euro nicht vollends wiedersieht.
Warum dann die Aufregung, wenn alles so wunderbar funktioniert?
Die Kurse von Staatsanleihen und Aktien spiegeln die Erwartungen der Anleger an die zukünftige Entwicklung wider. Erwartungen sind aber etwas zutiefst Menschliches. Sie werden mitunter von Euphorie oder Missmut getragen und können enttäuscht werden, weil sich die Dinge nicht so ereignen, wie man sich das vorgestellt hat. Erwartungen können auch auf falschen Informationen beruhen, zum Beispiel wenn eine Firma oder ein Staat seine Lage beschönigt. Kurse sagen also nicht immer die Wahrheit. Einschätzungen müssen nicht mit dem übereinstimmen, was passiert.
Hier setzt die Kritik an. Ist es gerechtfertigt, dass Spanier und Italiener so hohe Zinsen zahlen müssen? Immerhin haben die Staaten der Eurozone Rettungsschirme aufgezogen, um den Ländern zu helfen und die Gläubiger zu bedienen. Zudem haben die Krisenländer Reformen angekündigt, um ihre Wirtschaftskraft zu stärken. Eine höhere Wirtschaftskraft erleichtert den Schuldendienst.
Und warum werden die USA nicht stärker vom Finanzmarkt abgestraft? Auch sie stecken im Schuldensumpf. Republikaner und Demokraten streiten sich so vehement über den Sparkurs, dass die Supermacht bisweilen handlungsunfähig wirkt. Trotzdem sind die Renditen von US-Anleihen niedriger als die Spaniens. Kritiker sprechen deshalb von Übertreibungen. Die Spekulanten trieben die Kurse von Staatsanleihen nach unten und verschlimmerten über Gebühr die Lage von Krisenstaaten.
Ist Spekulation gut oder schlecht?
Beides, sagt der Frankfurter Professor Martin Faust. Spekulanten investieren, wenn sie davon überzeugt sind, dass sich der Kurs eines Wertpapiers in eine bestimmte Richtung entwickelt und sie annehmen, dass andere genau so denken. Haben viele Kapitalgeber den Eindruck, ein Land laufe Gefahr, seine Schulden nicht mehr bedienen zu können, werden Spekulanten einsteigen und auf fallende Kurse von Anleihen setzen und so den Trend verschärfen. Sie springen quasi auf den fahrenden Zug. Die Wahrscheinlichkeit eines Staatsbankrotts steigt in diesem Fall, da sich die Krisenstaaten noch teurer am Finanzmarkt refinanzieren müssen.
Spekulanten können aber auch nützlich sein. Ein Beispiel: Erst die Verteuerung solcher Instrumente wie Kreditausfallversicherungen (siehe Kasten) machte bewusst, wie schlecht es um die Finanzen Griechenlands bestellt war. Spekulanten wiesen so auf einen Missstand hin. "Spekulanten haben eine wichtige und reinigende Funktion", sagte der Ökonom Markus Brunnermeier in einem Interview mit der Badischen Zeitung. Allerdings hätte die Spekulation gegen Griechenland nach seiner Meinung viel früher beginnen müssen. Wäre dies geschehen, hätte Athen möglicherweise früher Ausgaben gekürzt. Spekulation entsteht also nur dann, wenn Schwierigkeiten da sind oder die Kurse nicht mehr im Einklang mit den Einschätzungen der Anleger stehen.
Was kann man tun?
Ohne Defizite, hohe Schuldenstände und geplatzte Immobilienblasen gäbe es keine Krise, folglich auch keine Spekulation gegen die Eurozone. Von solchen Zuständen ist man jedoch derzeit weit entfernt. Ziel der Politik muss es deshalb sein, die Erwartungen zu drehen. Das haben die Regierungen versucht. Mit den Rettungsschirmen wollten sie den Anlegern zeigen, dass sie die Krisenländer nicht allein lassen – dass also die Kapitalgeber auf Rückzahlung ihrer Schulden hoffen können. Gleichzeitig verpflichteten sich die Regierungen der Krisenstaaten zu Reformen und zum Sparen. Solche Veränderungen brauchen aber Zeit, ehe sie wirken, und es ist nicht sicher, ob sie wegen politischer Widerstände durchgesetzt werden. Ein Sparkurs mindert kurzfristig die Wirtschaftskraft, was den Schuldendienst erschwert. Anleger sind weiter misstrauisch, was die Spekulation begünstigt.
Ein anderer Weg ist, die Schulden der Eurostaaten zu vergemeinschaften. Damit stünden starke Länder wie Deutschland für die schwachen ein. Problemländer hätten es einfacher, sich zu refinanzieren, weil das Risiko eines Zahlungsausfalls geringer ist. Deutsche Steuerzahler müssten aber für die Schulden der Krisenländer haften. Um zu verhindern, dass die Krisenländer auf Kosten der starken Schulden machen, bedarf es eines Regelwerks und europäischer Institutionen, die diese Normen durchsetzen können. Die Regeln sind erst in Ansätzen vorhanden und es ist fraglich, ob sie gewollt sind, weil sie die Souveränität der Staaten beschränken. Die deutschen Wirtschaftsweisen haben aber zumindest einen bedenkenswerten Vorschlag gemacht: Ihr Schuldentilgungsfonds sieht eine befristete Vergemeinschaftung der Schulden vor. Diese Befristung unterscheidet den Fonds von Eurobonds. Die Staaten müssen sich dafür strengen Auflagen unterwerfen.
Eine weitere Möglichkeit ist, den Geldhahn zuzudrehen und die Krisenländer sich selbst zu überlassen. Dies befürworten Kritiker der Eurorettung. Sie sagen, die Länder der Eurozone seien zu unterschiedlich für eine Währung. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone hätte aber einen hohen Preis: Die Unsicherheit würde die Investitionsbereitschaft lähmen und auch die starken Eurostaaten würden in eine Wirtschaftskrise schlittern. Dabei sind die politischen Folgen noch überhaupt nicht eingerechnet.
- BZ-Serie: Antworten zur Eurokrise
Autor: Bernd Kramer



