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28. Juni 2012 22:39 Uhr

Halbfinale

Italien schlägt Deutschland 2:1

Italien hat die deutschen Titelträume zerstört und die Mannschaft von Jogi Löw mit einem 2:1 im Halbfinale der Europameisterschaft geschlagen. Mesut Özils Anschlusstreffer kam zu spät.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft unterlag Italien in Warschau mit 1:2 – auch, weil Bundestrainer Joachim Löw erneut personelle Veränderungen in der Startelf vornahm, die sich diesmal allerdings als kontraproduktiv erwiesen. Hauptprofiteur war der italienische Angreifer Mario Balotelli, der zweimal traf.

Das kleine Podest für die Fotografen, das vor Spielbeginn in der Coachingzone vor der deutschen Bank aufgebaut wird, ist Joachim Löws Lieblingsplatz. Dort macht er es sich gerne gemütlich, schlürft einen Espresso und beobachtet – die Gegner, wie sie sich aufwärmen, und seine eigenen Spieler. Vermutlich hat Löw gestern Abend, als er lässig dort saß, ein bisschen in sich hinein gelächelt und sich über seinen erneuten Startelf-Coup gefreut. Diesmal war selbst der Maulwurf chancenlos, der vor den bisherigen EM-Partien sein Spionage-Unwesen getrieben hatte. So brach gegen 19.30 Uhr Unruhe aus im Pressesaal der Arena, als die Kunde von Löws Anfangsformation die Runde machte: Der Name Mario Gomez tauchte auf, er ersetzte Miroslav Klose im Sturm. Die größere Überraschung war jedoch, dass Toni Kroos sein erstes EM-Spiel von Beginn an bestreiten durfte. "Der Trainer kann so ziemlich alle bringen und es funktioniert", hatte Gomez kürzlich gesagt. Er sollte widerlegt werden.

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Irgendwann war Joachim Löw nicht mehr zu sehen. In der 36. Minute kauerte der sonst an der Seitenlinie so agile Coach in seinem Sitz, das Entsetzen im Gesicht. Mario Balotelli hatte gerade zum zweiten Mal getroffen. Zunächst per Kopf, nachdem Cassano von den lächerlichen Verteidigungsbemühungen des Duos Boateng/Hummels profitiert hatte (20.). Dann war es ein schlichter weiter Pass aus der italienischen Abwehr heraus, der Philipp Lahm und Holger Badstuber überforderte. Balotelli ging steil und knallte den Ball zum 2:0 für die Italiener in die Maschen (36.).

"Selbstbewusst, frech und mutig", wollte Löw sein Team agieren sehen. Mit seinen Wechseln hatte er jedoch das Gegenteil bewirkt. Toni Kroos sollte im Mittelfeldzentrum gemeinsam mit Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira vermutlich Andrea Pirlo derart ausreichend beschäftigen, damit dieser seine Kreativkraft nicht entfalten konnte. Mesut Özil musste dadurch verstärkt auf der rechten Seite spielen. Dort konnte der Gestalter das deutsche Spiel aber nicht wirksam beschleunigen, weil er einfach zu wenig daran beteiligt war. Die insgesamt zu unbeweglichen Mario Gomez und Lukas Podolski verstärkten den Effekt und den Eindruck, dass Löw Tempo und Dynamik ausgewechselt hatte. Für die gefährlichste Chance der Deutschen in Halbzeit eins mussten zwei Italiener sorgen: Nach Boatengs Hereingabe lenkte Torwart Gianluigi Buffon den Ball ans Bein von Andrea Barzagli, der dem Eigentor-Schicksal nur knapp entging. Beim Volleyschuss von Sami Khedira rettete Buffon indes glänzend (35.). In der Pause reagierte Löw. Und er korrigierte, indem er Miroslav Klose für Gomez und Marco Reus für Podolski aufs Feld schickte. Auch diese Veränderungen machten sich bemerkbar – diesmal positiv. Mit Klose, vor allem aber dem quirligen Reus wirkten die deutschen Offensivbemühungen umgehend gefährlicher und unberechenbarer. Gleich in seiner ersten Aktion drang Reus in den Strafraum des Gegners ein, sein Schuss war allerdings zu harmlos, um Buffon ernsthaft zu gefährden (48.). Auch Lahm und Khedira scheiterten wenig später, dann zwang Reus den italienischen Schlussmann mit einem präzise gezirkelten Freistoß zu einer Großtat. Buffon lenkte den Ball an die Latte (62.). Deutschland lag weiterhin deutlich zurück, zumindest bekam man nun aber einen Eindruck, was diese Mannschaft zu leisten im Stande ist.

Italien macht es in der zweiten Hälfte spannend

Der Gegner wies allerdings auch nach, dass er weiterhin konkurrenzfähig ist. Über Konter blieben die Italiener äußerst gefährlich. Bevor er später ausgewechselt wurde, schoss Balotelli noch aus spitzem Winkel am Tor vorbei (60.). Dann verfehlte Marchisio das Ziel nur knapp (67.). Je länger die Partie fortschritt, desto mehr verfestigte sich der Eindruck, dass die Deutschen zwar weiter um die Wende bemüht waren, diese aber keine reelle Option mehr war. Kloses Rückzieher angelte Buffon vor Reus aus der Luft (75.). Im Gegenzug vergab Marchisio die nächste Möglichkeit, die endgültige Entscheidung herbeizuführen. Doch erneut flog sein Schuss am Pfosten vorbei. Später traf der eingewechselte Di Natale noch das Außennetz (82.). Hätten sich die Italiener bei ihren Kontern nicht etwas dämlich angestellt, die deutsche Niederlage wäre wohl noch höher ausgefallen. Gegen Ende der Begegnung ist Joachim Löw dann noch ein paar Mal aufgestanden und nach vorn in Richtung Seitenlinie gegangen. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, die Schultern hängend sah er nicht so aus, als sei die Hoffnung in ihm noch lebendig. Im Verlaufe der EM hatten sein Team und er Vieles richtig, am Ende aber auch Entscheidendes falsch gemacht. Özils Elfmetertreffer in der Nachspielzeit änderte daran nichts.

Deutschland: Neuer, Boateng (71. Müller), Hummels, Badstuber, Lahm, Schweinsteiger, Khedira, Kroos, Özil, Podolski (46. Reus), Gomez (46. Klose).

Italien: Buffon, Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini, Pirlo, Marchisio, Montolivo (64. Motta), De Rossi, Balotelli (70. Di Natale), Cassano (58. Diamanti).

Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich).

Tore: 1:0 Balotelli (20.), 2:0 Balotelli (36.), 2:1 Özil (90.+2) per Handelfmeter.

Zuschauer: 56 070 (ausverkauft).

Gelbe Karten: Hummels – Balotelli, Bonucci, De Rossi, Motta.



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Autor: René Kübler