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20. Oktober 2008

Japan geht ran an den Speck

Alle zwischen 40 und 74 Jahren müssen ihr Gewicht überprüfen lassen / Wer zu viel wiegt, muss an Sportprogrammen teilnehmen

  1. Dick ist out: Ob das auch für Japans Sumo-Ringer gilt? Foto: DPA

TOKIO. Japaner müssen jetzt obligatorisch untersuchen lassen, ob sie zu dick sind. Grund für diese drakonische Maßnahme ist die alarmierende Zunahme von Übergewicht.

Dicke sind megaout in Japan. Selbst so esslustige Typen wie Toyotas Pressesprecher Paul Nolasco, der als hyperaktiver Kugelblitz bei allen Kollegen beliebt ist, hat in den vergangenen neun Monaten 30 Kilogramm abgenommen. "Ich musste einsehen, dass ich mit 100 Kilogramm einfach zu fett bin und etwas unternehmen muss." Bei den jährlichen Gesundheitschecks hatten ihn Ärzte gewarnt. "Klare Auflagen oder Zwang gab es zwar nicht", beteuert der Toyota-Mann. Aber im ganzen Konzern herrsche ein Gesundheitsklima, dem man sich kaum entziehen könne. "Überall im Großraum mahnen Plakate mit Idealmaßen, Sport- sowie Ernährungstipps", erzählt Nolasco.

Der milde Zwang wirkte. Seither wählt Nolasco in der Betriebskantine das Öko-Essen, das er mit seinem Mitarbeiterausweis bezahlt. Beim Abbuchen registriert der Computer, welches Gericht der Mitarbeiter mit wie viel Kalorien, Kohlehydraten, Proteinen, Fett und Salz sich ausgesucht hat. Wer sich vorbildlich verhält, wird mit Gesundheitspunkten belohnt, die der Angestellte als Prämie in Form eines Fitnessgeräts einlösen kann.

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Bei Toyota ist man absolut auf der Höhe der Zeit, denn seit April dieses Jahres müssen alle Einwohner zwischen 40 Jahren und 74 Jahren auf die betriebliche oder kommunale Waage. Medizinische Teams analysieren Blutwerte, Gewicht, Fett-, Muskel- und Wasseranteil – und messen die Bauchumfänge. Vor diesem Prozedere haben die meisten Angst, denn das staatlich verordnete Limit ist extrem: Wer als Mann in der Körpermitte mehr als 85 Zentimeter draufhat, gilt als dick und sollte seinen Lebenswandel dringend überdenken. Bei Frauen gehen aufgrund ihrer Konstitution 90 Zentimeter Bauchrundung noch durch.

Solche Termine sind in allen Großbetrieben und Kommunen Japans staatlich verordnete Pflicht. Damit stehen mehr als 56 Millionen Taillen oder rund 44 Prozent der japanischen Bevölkerung auf dem öffentlichen Prüfstand. Wer die staatlichen Richtlinien überschreitet oder andere Zeichen von Übergewicht wie erhöhten Blutzucker, Blutdruck oder Blutfette aufweist, wird zu Ernährungs- und Sportprogrammen verdonnert. Offiziell bleiben Verstöße für den Einzelnen ohne Folgen. Nicht aber für Betriebe und Kommunen: Eine Firma oder Gemeinde, der es bis 2013 nicht gelingt, bestimmte Standards zur Reduzierung des Übergewichts zu präsentieren, muss höhere Beiträge in die neue Nationale Krankenversicherung für Senioren über 75 Jahre zahlen. Intern hat der Tokioter Elektronikriese NEC ausgerechnet, dass die Strafen mehr als zwölf Millionen Euro pro Jahr betragen können, wenn die Auflagen nicht erfüllt werden.

Ausgerechnet Japan, das nun wirklich nicht als Land der Dicken bekannt ist und ganz oben steht in den Statistiken für die höchste Lebenserwartung, hat die weltweit wohl strikteste Kampagne zum Abspecken seiner Bevölkerung gestartet. Der fernöstliche Industriestaat will die Zahl der Übergewichtigen in den kommenden vier Jahren um zehn und bis 2015 um 25 Prozent senken. Obwohl auch Mediziner im eigenen Land dieses Ziel und die Maßnahmen als zu ambitioniert kritisieren, gibt es in Japan den öffentlichen Konsens, nicht so dick werden zu wollen wie etwa die Amerikaner.

Autor: Angela Köhler