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07. Januar 2012
Je reicher der Kunde, desto günstiger der Zins
Zinssätze für Darlehen beruhen auf der Ausfallwahrscheinlichkeit eines Kredites / Diese wird unter anderem anhand von Beruf und Alter eines Schuldners ermittelt.
FREIBURG. Das Hausdarlehen oder der Ratenkredit für den Motorradkauf sind nicht für jeden gleich teuer. Kreditinstitute legen ihre Zinssätze individuell fest. Banker nennen das "bonitätsorientierte Kreditvergabe". Davon dürfte auch Bundespräsident Christian Wulff profitiert haben, als er bei der BW-Bank ein Darlehen für sein Haus aufnahm. Paradox: Je besser betucht ein Bankkunde ist, desto billiger wird der Kredit.
Banken erstellen über ihre privaten Kunden ein persönliches Urteil ihrer Zahlungsfähigkeit (Rating): Je nach Risikoklasse, nach Beruf und Lebenslauf, Postleitzahl ihres Wohnortes oder den Angaben der Auskunftei Schufa zahlt der Bankkunde dann mehr oder weniger Zinsen für seinen Kredit. Oder er kriegt gar kein Geld geliehen, weil er im "falschen" Stadtteil lebt und einer vermeintlichen Risikogruppe angehört, beispielsweise bis vor kurzem arbeitslos war. Bonitätsorientierte Kreditvergabe nennt das die Finanzbranche. Je besser die Bonität (wörtlich: der Ruf) des Kunden, je niedriger der Zinssatz, den er für einen Kredit zahlen muss.Werbung
Vorreiter im deutschen Kreditwesen war dabei ein staatliches Institut, die KfW-Bank in Frankfurt. Ihre gewerblichen Förderprogramme richten sich an kleine Firmen. Am 1. April 2005 führte die KfW-Bank risikogerechte Zinsen ein und ermöglichte damit eine individuelle Preisgestaltung für Bäcker, Softwareschmieden und Weinläden. "Jeder Unternehmer wird künftig mit den Risikokosten belastet, die er auch verursacht", sagte ein KfW-Sprecher und verwies auf Basel II.
Basel II ist eine internationale Kreditrichtlinie, die alle Banken zwang, spätestens ab 2007 ihre Darlehen in Risikoklassen zu unterteilen und mit unterschiedlich hohem Eigenkapital abzusichern. Daraus ergeben sich erhebliche Unterschiede bei den Kosten und diese werden an die Kundschaft in Form unterschiedlicher Zinssätze weitergereicht.
Individuelle Zinssätze sind seither nicht mehr allein bei Geschäftskrediten in Mode gekommen, sondern auch bei privaten Ratenkrediten und bei Finanzierungen im Hausbau. "Wir brauchen eine Preisgestaltung, die sich an den tatsächlichen Kosten orientiert", rechtfertigt ein Sprecher des Bankenfachverbandes der Kreditbanken die Praxis. Wer heute eine Wohnzimmereinrichtung finanzieren, ein Auto oder ein Haus kaufen will, muss daher oft viele private Daten über seine Familien- und Einkommensverhältnisse der Bank mitteilen. Auf dieser Basis wird ein persönliches Zinsangebot ermittelt.
Ob der Zinssatz hoch oder niedrig ausfällt, bemessen Banken dann anhand eines statistischen Verfahrens – das Scoring. Mit ihm wird die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Darlehens errechnet. Es verwendet Angaben über Alter, Geschlecht, Ausbildung, Beruf, Branche und Familienstand. Scoring-Modelle sind an sich nichts Neues für Geldverleiher. Die Auskunftei Schufa entwickelte schon 1997 erste Scoring-Systeme, aber bis Basel II wurden sie meistens nur für die Entscheidung herangezogen, ob der Kunde überhaupt ein Darlehen erhält oder nicht.
Die Schufa unterteilt die Kundschaft in 15 Klassen. Dafür wurden die Bankdaten von 840 000 Verbrauchern herangezogen. In der obersten Klasse ist das Risiko, dass der Kunde seinen Kredit nicht zurückzahlt, gleich null, und der zu zahlende Zinssatz für den Kreditnehmer entsprechend niedrig. In diese Klasse dürfte Präsident Wulff gehören, dem lebenslang ein hohes Einkommen von zurzeit rund 200 000 Euro pro Jahr zusteht. Schon in der 12. Klasse beträgt das "Ausfallrisiko" fast 40 Prozent. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um anzunehmen, dass solche Kunden keinen Vertrag kriegen oder einen aberwitzig hohen Zinssatz zahlen sollen. In einem Test schwankte der individualisierte Zinssatz bei einer Kreditbank zwischen 4,90 und 12,90 Prozent.
Unbeirrt von Kritik der Verbraucherschützer werben Institute mit der neuen Kreditwelt. So machte eine Genossenschaftsbank Reklame für die "persönlich angepasste Kreditrate nach Ihren Bedürfnissen". Klingt gut, aber auch dahinter verbirgt sich eine bonitätsorientierte Kreditvergabe mit individuellem Zinssatz. Bei Sparkassen hat die risikoadjustierte Kreditpreisermittlung zu 18 Risikoklassen geführt, in welche die Kundschaft unterteilt wird. Es gibt auch Angebote, in denen die Bank den Zinssatz anpasst, wenn sich die Bonität des Kunden ändert.
Doch auch beim Kredit ist Rating nicht alles. Für viele Geldverleiher ist die tatsächliche Höhe des Zinssatzes weiterhin Verhandlungssache – besonders bei guten Kunden. Auch bei Neukunden kommen Banken diesen gerne entgegen – wenn die Bonität stimmt und der Kreditnehmer für die Zukunft weitere lukrative Geschäfte verspricht. Auch diese Praxis könnte Bundespräsident Wulff dabei geholfen haben, einen außerordentlich günstigen Baukredit zu bekommen. Die BW-Bank gab auf Anfrage keine Stellungnahme ab.
VERGLEICH SCHWIERIG
In der Praxis macht die Risikobewertung es für Bankkunden schwerer, Angebote miteinander zu vergleichen. Es lässt sich kaum noch zwischen dem (allgemeinen) Effektivzinssatz des einen Institutes und Konkurrenzangeboten sinnvoll abwägen, da letztlich der individualisierte Zinssatz entscheidend ist. Laut Bundesbankstatistik kosten Ratenkredite für Durchschnittskunden zwischen rund fünf und acht Prozent. Es lohnt sich daher, mehrere konkrete Angebote einzuholen, die genau auf Ihren Fall zugeschnitten sind.
Autor: hape
Autor: Hermannus Pfeiffer
