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05. April 2013

Interview

Jess Jochimsen: "So ein wohliges Heimspielgefühl"

BZ-INTERVIEW mit dem Autor und Kabarettisten Jess Jochimsen über das Gute an Freiburg und das Nervige an den Klischees.

  1. Jess Jochimsen liebt manches an Freiburg. Zum Beispiel das babylonische Stimmengewirr vom Goethe-Institut, das zum Jos Fritz Café rüberweht. Foto: Rita Eggstein

Fern der Heimat – an der Ostsee – arbeitete der Freiburger Kabarettist Jess Jochimsen am neuen Programm "Für die Jahreszeit zu laut". Wundersam ungebrochen war im Norden das Interesse am Freiburger Anderssein. Reporter fragten nach dem Zusammenhang von leisen Tönen und der Randlagenidylle seiner Wohnumgebung an der Flanke des Schwarzwalds. Die Plasberg-Redaktion wollte ihn als – typisch Freiburg! – WG-Bewohner in die Talkrunde holen. Und so weiter. Julia Littmann sprach mit ihm über Heimspiele und Heimat, über Lärm und Lokalpatriotismus.

BZ: Die Frage liegt auf der Hand in einer Stadt, in der die Menschen dazu neigen, sich für die Umwelt stark zu machen: In wie weit hat Freiburgs "Filz" – die Initiative gegen Lärm und Zwangsbeschallung – Sie zu Ihrem neuen Programm angeregt?
Jess Jochimsen: Ehrlich gesagt hat die Initiative damit überhaupt nichts zu tun. Sie ist mir natürlich bei meinen Recherchen zum Thema Lärm begegnet und ihr Anliegen macht Sinn. Denn das berühmte Zitat von Robert Koch trifft ja zu: "Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest." Stimmt. Die Welt lärmt. Früher wurde das Laub gerecht, heute haben wir Laubbläser. Und so weiter. Nur: Ich ich wollte nie ein klassisches Programm zu Lärm machen. Mir geht’s um das Gelärme, das uns verbal umgibt. Die Eltern, die auf dem Elternabend nach mehr Prüfungen schreien. Zum Beispiel. Diesen Leistungslärm, das ganze Krisengekreisch – hinter dem die leisen Töne kaum mehr auszumachen sind.

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BZ: Kommt man denn tatsächlich in Freiburg eher auf so ein besinnliches Thema als irgendwo anders?
Jochimsen: Die Randlagenfrage. Und ganz klar die Antwort: nein. Denn unabhängig vom Wohnort: Überall nervt dieses gewaltige Übertönen, das Gedröhne, wer hat wo die Deutungshoheit, wo kann man noch seinen Senf dazugeben? Dazu muss man nicht in idyllischer Randlage leben, um das zu merken. Allerdings ist die Randlage ein günstiger Ort, um für sich selbst die kleinen leisen Sachen auszumachen und auch ganz privat darauf zu reagieren. Zumindest funktioniert das da ohne jeden Aufwand. Das geht so mitten in der Großstadt vermutlich nicht, wie wir zum Beispiel im vergangenen Sommer Urlaub gemacht haben. Rucksäcke gepackt, zur Haustür raus und losgelaufen.

BZ: Das klingt jetzt ganz nach Freiburgtypischer "Müsliwelt" – sogar in den Ferien noch streng darauf achten, dass global gedacht und lokal gehandelt wird... und natürlich gesund.
Jochimsen: Stimmt, das klingt so. Es ist sicher nicht in dieser Rigidität meins – und bis vor ein, zwei Jahren hätte ich das vermutlich ganz vehement verneint! Diese ganzen Freiburgklischees sind doch furchtbar – wo sogar noch der Fußballclub ökologisch nachhaltig und solarbetrieben ist. Aber ich muss feststellen, da hat sich bei mir letzthin was verändert. Vielleicht, weil ich deutlicher wahrnehme, wie zahlreich meine eigene Schnittmenge mit all dem ist, was dieses Freiburgklischee ausmacht. Es passt zu mir, dass ich meinen Strom von den Schönauern kriege, es gefällt mir, dass hier die Kitas in die Altenstifte gehen, ich freu’ mich über diese Haltung "wir fangen schon mal an". Die gibt’s hier in sympathisch großer Menge und in großer Breite und die hat so gar nichts von diesem "wo kämen wir denn da hin". Und dass ich mich an den vielen guten Leuten hier freu’, an dem vielen, was hier geht, das macht für mich vielleicht auch am stärksten so ein Gefühl von Heimat aus.

BZ: Gut, dann haben wir jetzt die Heimat, die Randlagen und die Müsliwelt – wie steht’s denn mit dem Freiburgtypischen WG-Leben?
Jochimsen: Also, wenn irgendwas überall Sinn macht, dann ja wohl das Zusammenleben, oder? Klar, ich hab’ lange auf SUSI gelebt – und bin da rausgegangen, als ich quasi keinen Anspruch mehr darauf hatte. Das war studentisches Wohnen und irgendwann hab’ ich eben nicht mehr studiert. Damit war die Wohnform aber nicht erledigt. Egal ob Freiburg oder sonstwo: Ich finde, es gibt nichts Schöneres und nichts Sinnvolleres als seinen Alltag, sein Leben und das Wohnen mit anderen zu teilen. Ist so.

BZ: Die Premiere vom neuen Programm "Für die Jahreszeit zu laut" findet im Vorderhaus statt – ein leichtes Heimspiel?
Jochimsen: Weder Heimspiel, noch leicht! Sicher bin ich auf eine Art im Vorderhaus zu Hause. Das ist der Ort, an dem unter anderem für das Kabarett-Format unglaublich gute Kulturarbeit gemacht wird – die quer durch Deutschland sehr wahrgenommen wird. Aber aus meinem Genre sind hier in Freiburg einfach auch gute Leute in erstaunlicher Dichte zu finden, Schramm, Deutschmann ... Das heißt, das Publikum ist nicht schon monatelang in froher Erwartung – wie bei dem einen lang ersehnten Auftritt in Pinneberg oder in Memmingen. Und dann hat man in der Nähe des eigenen Basislagers ja auch viel mehr Leute im Publikum, die einen kennen und die quasi extra erwartungsvoll sind. Jedenfalls bin ich bei Auswärtsspielen nie so aufgeregt, wie bei Auftritten in Freiburg. Im übrigen habe ich eher bei den kleinen, schnellen Projekten, die ich hier in Freiburg mache, so ein wohliges "Heimspielgefühl". Schnell ein paar Freunde zusammentrommeln für die großartige Bankenwechselparty von Attac, oder irrwitzige Gigs beim ZMF, nicht das Große, riesig Beworbene, sondern diese Veranstaltungen, die einmal steigen und unglaublich Spaß machen, wie die tollen Benefizsachen für die Solidarenergie ... das sind alles Sachen, die mit dem zu tun haben, was Freiburg so speziell für mich macht. Viele gute Leute, die bereit sind, schon mal anzufangen, schon mal loszugehen, was zu machen. Ohne irre Budgets und Gedöns.

BZ: Klingt ein bisschen nach Liebeserklärung. Schwingt da auch Lokalpatriotismus mit?
Jochimsen: Liebeserklärung ja. Lokalpatriotismus nein. Es ist mir einfach eine Freude, hier an einem Ort zu sein, an dem eine gewisse Gelassenheit Raum greifen kann. In der ein Christian Streich die Bundesligamannschaft trainiert. Das passt. Und dazu kommen die vielen guten Filme, die du in Freiburg zu sehen kriegst – das gibt’s sonst nirgendwo. Auch klasse: In einer halben Stunde bist du in Basel. Von der Schweiz aus hast du schon diesen wohltuenden Perspektivwechsel. Oder wenn ich im Sommer zum Jos Fritz radle, in dem wunderbaren Buchladen das ultimative Buch empfohlen kriege und mich dann im Café hintendran zu babylonischem Stimmengewirr aus dem benachbarten Goethe-Institut in dieses Buch stürze, dann ist das Glück. Auch, dass dem gentrifizierten Stadtteil Grün diese kleine Oase abgetrotzt wurde, dass dieser gute Ort standhält, ist toll!
BZ: Gibt’s eigentlich irgendwas an Freiburg, das nervt?
Jochimsen: Na klar! Zum Beispiel dieses Selbstzufriedene, diese Selbstbeweihräucherung. Die steht uns nicht. Immerhin leben wir hier in einer Stadt, die den Verkauf ihres Wohneigentums betrieben hat. Und auch wenn der vor einigen Jahren per Volksentscheid ausgesetzt wurde, war damit die politische Linie doch schon angemeldet – und sie ist geblieben. Jetzt wird scheibchenweise eben doch verkauft. Echt kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen.

BZ: Wann lehnt sich denn Jess Jochimsen überhaupt gerne zurück?
Jochimsen: Nach dem wöchentlichen Kick mit den Alten Herren auf der Wiese hinterm Haus – das ist so simpel und so selbstverständlich. Und das hat ganz viel mit diesen kleinen leisen Sachen zu tun, die ich schätze und um die es im neuen Programm geht.

"Für die Jahreszeit zu laut – Texte, Dias, Songs zur allgemeinen Lage" hat am Mittwoch, 10. April um 20.30 Uhr Premiere im Vorderhaus, Habsburgerstraße 9. Weitere Vorstellungen: Donnerstag, 11. und Freitag 12. April jeweils um 20.30 Uhr. Karten ab 17,85 Euro (oder ermäßigt) gibt’s beim BZ-Kartenservice oder online über http://www.vorderhaus.de

ZUR PERSON: JESS JOCHIMSEN

1970 in München geboren, nahe München aufgewachsen. An der Uni Freiburg Politik und Philosophie studiert. Seit 1992 Auftritte allein und mit vielen anderen. Auszeichnungen vom "Passauer Scharfrichterbeil" bis zum Deutschen Kabarettpreis und dem Kleinkunstpreis Baden-Württemberg.
Jess Jochimsen ist regelmäßiger Gast in Fernsehsendungen wie Scheibenwischer, Mitternachtsspitzen, Quatsch Comedy Club und Talkshows. Und er ist Gastgeber der "SWR-Poetennächte". Er schreibt Bücher und zwei seiner Geschichten sind in deutschen Schulbüchern zu lesen. Nach der Bankenparty von Attac ist er zur GLS-Bank gewechselt und dass er mal wo anders wohnen mag als in Freiburg, kann er sich gerade nicht vorstellen.  

Autor: lit

Autor: lit