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18. Februar 2010 19:00 Uhr

Missbrauch

Jesuitenskandal in St. Blasien: Mehrere Täter, bis zu 20 Fälle

Der Missbrauchsskandal am Jesuitenkolleg in St. Blasien ist größer als vermutet. Es hat mehr als einen Täter und bis zu 20 Fälle geben. Bundesweit haben sich 120 Opfer gemeldet. Auch zwei Frauen sollen unter den Täterinnen sein.

  1. Der Dom St. Blasien lockt jährliche Tausende von Touristen an. Nun liegt jedoch ein Schatten über dem Schwarzwaldstädtchen. Foto: ddp

Unter den Opfern sind auch frühere Schülerinnen. Außerdem haben sich Opfer gemeldet, die nicht an Jesuiten-Schulen waren, wie die von dem Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue in Berlin sagte. Darunter sei auch jemand von einer evangelischen Einrichtung. Bundesweit hätten sich bis jetzt 115 bis 120 Missbrauchsopfer gemeldet.

In den Missbrauchsskandal am Jesuitenkolleg in Sankt Blasien sollen mehr Täter verwickelt sein als bisher bekannt war. Es habe am Kolleg im Schwarzwald "10 bis 20 Fälle" von Missbrauch gegeben, sagte Ursula Raue. Nach Angaben der Juristin soll nicht nur ein bislang beschuldigter Pater die Taten begangen haben. Es hätten sich auch weitere Menschen schuldig gemacht, so Raue.

Zum gesamten Skandal sagte Raue: "Das hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war." In den nächsten Tagen werde ein Arbeitsstab gegründet, um alle Fälle aufzuarbeiten. Ihr zufolge beschuldigen die Opfer nun schon bis zu zwölf mutmaßliche Täter, bei den Jesuiten überwiegend Patres, aber auch andere Lehrer und Bedienstete der betroffenen Schulen.

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Opfer nahmen sich das Leben

Nach Raues Worten berichten die Opfer vor allem von Manipulationen an ihren Genitalien und von zudringlichen Zärtlichkeiten, weniger von körperlichen Verletzungen. An einer nicht-jesuitischen Einrichtung habe es aber auch schwere gewalttätige Übergriffe gegeben.

"Es gibt Verfehlungen und Wunden, die heilen offenbar nicht. Und diese Wunden gehören dazu", sagte Raue. Sie habe Berichte über Opfer, die sich das Leben genommen hätten. Andere hätten noch heute Alpträume. Manche Männer offenbarten sich nun zum ersten Mal und hätten selbst mit ihren Ehefrauen zuvor nicht über ihr Leid gesprochen. 80 Prozent der Opfer gehe es nicht um finanzielle Entschädigung, sagte Raue. Die jüngsten bekannten Fälle ereigneten sich nach dem Bericht Mitte der 80er Jahre. Raue sagte, sie gehe davon aus, dass alle Taten verjährt sind.

Erstaunlich sei, dass es in den Personalakten des Jesuitenordens, die sie ausgewertet habe, an keiner Stelle um das Seelenleben der Kinder gehe. "Den Formulierungen in den Akten kann man entnehmen, dass es in den meisten Fällen dem Orden bekannt war." Konsequenzen habe es aber nicht gegeben.

Zollitsch schweigt weiter

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hält sich weiter bedeckt. Zollitsch werde sich zu dem Thema sexueller Missbrauch erstmals öffentlich am kommenden Montag in Freiburg zum Auftakt der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe äußern, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bischofskonferenz.

Auch an einer Schule der katholischen Pallottiner-Gemeinschaft in Rheinbach bei Bonn ist es früher zu Missbrauchsfällen gekommen. Das bestätigte der Provinz-Pressereferent der Pallottiner, Nicolas Schnall, am Donnerstag. Es handele sich dabei um drei bekannte Fälle mit Jugendlichen aus den 60er Jahren im früheren Konvikt St. Albert. Der betroffene Pater sei damals suspendiert worden.

Erklärung am Donnerstag

Das Berliner Canisius-Kolleg hatte im Januar die ersten Missbrauchsfälle bekanntgemacht. Immer mehr Opfer meldeten sich, auch von den Jesuiten-Schulen St. Blasien im Schwarzwald und Aloisiuskolleg in Bonn. Die bisher bekanntgeworden Fälle sexuellen Missbrauchs hatten sich in den 70er und 80er-Jahren zugetragen. Die Jesuiten baten die Opfer öffentlich um Entschuldigung. Sie wollten am Donnerstag in München eine weitere Erklärung abgeben.

Der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, wies einseitige Schuldvorwürfe gegen die katholische Kirche zurück. "Kindesmissbrauch ist kein katholisches Problem, sondern ein Gesamtgesellschaftliches", sagte Reinelt der "Leipziger Volkszeitung". Reinelt sieht eine größere Offenheit und einverstärktes Schuldbewusstsein der Kirche bei Missbrauchsfällen. "Ein Wegschauen darf es nicht geben", forderte er.

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Autor: dpa