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20. März 2011 17:32 Uhr

BZ-Wettbewerb

Jobmotor-Sonderpreis: Gesunde arbeiten besser

Gesunde Mitarbeiter sind leistungsfähige Mitarbeiter. Das haben Sander Umformtechnik, GP Grenzach und SBS-Feintechnik erkannt. Sie haben im Wettbewerb Jobmotor der Badischen Zeitung den Sonderpreis gewonnen

  1. Der Sehtest gehört zur Gesundheitsvorsorge. Foto: Thomas Lohnes

  2. Einer der drei Sieger: GP Grenzach Produktion Foto: GP Grenzach Productions

  3. Einer der drei Sieger: Sander Umformtechnik Foto: Thomas Kunz

  4. Einer der drei Sieger: SBS-Feintechnik Foto: Thomas Kunz

Gesund bleiben zu wollen, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Der moderne Mensch hat es im Prinzip einfacher, gesund zu bleiben als seine Vorfahren, weil Medizin und Medizintechnik vielfältige Mittel und Werkzeuge dazu bereit halten. Gesunde Ernährung, Sport und Entspannung sind Teil moderner Lebensart. Andererseits sind die Gefährdungen für die Gesundheit vielfältiger geworden – auch in der Arbeitswelt. Das gilt nicht nur an Arbeitsplätzen, die noch mit schwerer körperlicher Tätigkeit verbunden sind. Auch Schreibtischarbeiter – gerade die! – sind durch einseitige Belastungen in Gefahr, mehr als ein paar Bandscheiben zu verlieren.

Gesundheit ist zunächst eine persönliche Angelegenheit. Aber Gesundheit ist ein Gut, das auch von den Arbeitsbedingungen abhängt. Also sind Unternehmen mitverantwortlich für die Gesundheit ihrer Beschäftigten. Und umso mehr, als Fachkräfte zunehmend knapp werden und ältere Mitarbeiter wegen ihres wertvollen Know-hows länger in Arbeit gehalten werden sollen. Aber nur gesunde Belegschaften sind produktiv genug, um über lange Zeit wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Arbeitsleben ist ein Marathon.

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Von der Konkurrenz abheben

Der betriebliche Gesundheitsschutz ist teilweise gesetzlich geregelt, außerdem gibt es betriebliche und tarifliche Vereinbarungen und freiwillige Leistungen. Dass der Stellenwert der Vorsorge wächst, lässt sich aus der hohen Zahl von Meldungen für den Sonderpreis Gesundheit im Wettbewerb Jobmotor herauslesen. Den Wettbewerb veranstaltet die Badische Zeitung mit ihren Partnern.

Dass Unternehmen die gesetzliche Pflicht zunehmend mit einer Kür weit übertrumpfen, hat mit den gewachsenen Anforderungen des globalen Geschäfts zu tun: Wettbewerbsfähigkeit braucht Spitzenkräfte. "Wir wollen uns abheben von den Wettbewerbern und den Fachkräften etwas Besonderes bieten", sagt Stephanie Kern von SBS-Feintechnik in Schonach im Schwarzwald. "Besser sein wollen, neue Wege gehen. Und Tugenden wie Erfindergeist, Fleiß, Eifer und Zuverlässigkeit pflegen", gibt SBS-Geschäftsführer Thomas Burger als Motto vor.

Die Diplomsportwissenschaftlerin Stephanie Kern ist selbst ein Beispiel dafür, wie man auswärtige Fachkräfte an den Rohrhardsberg lockt, indem man eine attraktive Aufgabe anbietet. Für sie war es die Möglichkeit, Topfit zu installieren, ein umfassendes Gesundheitsschutzprogramm. Die gebürtige Ulmerin studierte an der Sporthochschule Köln, erarbeitete 2007 mit dem Sporttherapeuten Klaus Westhoff das Topfit-Konzept. Daraus wurde ein umfassendes Angebot von Kursen unter dem Motto: "Raus aus Anzug oder Blaumann und rein in Sportklamotten". Mitarbeiter werden animiert und angeleitet, wenn sie Gruppen zum Joggen bilden, Mountainbike oder Ski fahren oder Wandertouren machen; oder Yoga, Rückengymnastik oder Step-Aerobic betreiben. Einmal in der Woche kommt eine Spezialistin für regulative Biotonustherapie in den Betrieb, das ist ein Heilverfahren, das die Muskulatur an bestimmten Druckpunkten stimuliert wird, um Migräne, Rückenschmerzen und Verspannungen zu Leibe zu rücken.

Für Beschäftigte kostenlos

Die Kurse werden in Zusammenarbeit mit Dienstleistern in und außerhalb des Betriebes angeboten, sie sind für Beschäftigte gratis. "Die Gruppen sind selbst organisiert und werden sehr gut angenommen", berichtet Stephanie Kern. Die Gesundheit kann aber auch im Sitzen gesichert werden. Stephanie Kern, mittlerweile bei SBS angestellt, hat schon vielen Mitarbeitern geholfen, ihre Arbeitsplätze körpergerechter einzurichten, manchmal braucht es nur ein paar Zentimeter höhere Tische oder bessere Stühle. Das alles nützt nicht nur der Gesundheit, sondern auch dem Zusammenhalt der Betriebsgemeinschaft. Der individuellen Lebensqualität natürlich auch, denn weit oben im Schwarzwald muss man sich seine Highlights selber schaffen, die Eventkultur der Städte ist weit entfernt.

Das ist bei GP Grenzach Produktions GmbH anders: Basel mit seinem kulturellen Top-Angebot ist nah. Die Stadt lockt überdies mit attraktiven Arbeitsplätzen in der chemischen und pharmazeutischen Industrie und einer Bezahlung, gegen die man auf deutscher Seite nicht ankommt, zumal dann nicht, wenn der Wechselkurs zusätzliche Lohnsprünge erzeugt. Wer im Windschatten dieses "hoch kompetitiven Umfeldes" – so beschreibt GP-Personalchef Michael Oliva die Wettbewerbssituation – sitzt, muss für Mitarbeiteranwerbung mehr tun als gewöhnlich. Darum hat die ehemalige Roche-Fabrik, die jetzt Bayer gehört, bereits 2001 damit begonnen, die Standortnachteile in Grenzach-Wyhlen zu analysieren und gezielt gegenzusteuern.

Als ein Teilprojekt ist dabei das betriebliche Gesundheitsmanagement als Gesundheitsallianz neu gestaltet worden. "Wir nennen es bewusst Allianz, weil es ein Bündnis von Beschäftigten und Unternehmen ist", betont Oliva. Ein Bündnis für das Wohlbefinden, denn "nur wer gern zur Arbeit kommt, macht einen guten Job", sagt Oliva. Die Resultate sprechen für das Projekt, das im Bayer-Konzern einmalig ist: Der früher hohe Fehl- und Krankenstand sei drastisch gesunken, die Fluktuationsrate auf zwei Prozent gedrückt worden, Mitarbeiterbefragungen haben sehr gute Zufriedenheitswerte erbracht, ein gutes Drittel beteiligt sich an den Kursen.

In dem Programm mit den Schwerpunkten Bewegung, Entspannung und Ernährung gibt es 22 Angebote, zum Beispiel eine Rennradgruppe, die geführte Touren anbietet. Außerdem Yoga-Trainings, Pilates-Kurse, Rückenschule, Bauch-Beine-Po-Training. Außerdem gibt es "Essen-mit-Plus"-Vorträge und ein Seminar zur Raucherentwöhnung. "Fettpunkte" machen den Gehalt der Kantinenmahlzeiten transparent und müde Knochen können sich mit dem Galileo-Vibrationsgerät wieder munter machen lassen. Mittlerweile können auch die ebenfalls in Grenzach-Wyhlen ansässigen Mitarbeiter der Firma DSM von den Angeboten der GP-Allianz profitieren.

Gesundheits- und Sporttag

Von der Kippe entwöhnen können sich auch Raucher bei der Metallfirma Sander in Renchen-Ulm in der Ortenau: "Nichtraucher in sechs Wochen" ist eines der vielen ambitionierten Angebote, um "langfristig gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen zu schaffen und um die Belegschaft möglichst lange gesund zu erhalten", sagt Geschäftsführer Nicolas Erdrich. Es gibt nicht wenige Metallfirmen in der Ortenau, aber nur bei Sander in Renchen gibt es einen Gesundheit- und einen Sporttag, firmeneigene Sportanlagen, Rücken- und Entspannungstraining und Laufgruppen. Die ehrgeizigsten der Läufer nehmen als Betriebsmannschaft beim Freiburger Marathon teil, andere am Sportabzeichen-Wettbewerb der Sparkasse. Sander Umformtechnik hat eigens eine Vollzeitstelle geschaffen, damit das Gesundheitsprogramm ins Laufen kommt. Der Beauftragte betreut das Programm gemeinsam mit dem Betriebsrat, dem Betriebsarzt und den Sicherheitsfachleuten. "Die Mitarbeiter sind unser wichtigstes Gut" sagt Nicolas Erdrich. Das Unternehmen spürt, dass der Kampf um die besten Köpfe härter geworden ist und Fachkräfte sehr genau prüfen, wem sie ihre Arbeitskraft anvertrauen.

Die Sieger

Sander Umformtechnik
Gegründet wurde das Unternehmen 1962 in Oberkirch, seit 1975 befindet es sich in Renchen-Ulm. Sander ist zu 95 Prozent Zulieferer der Automobilindustrie. Der Betrieb produziert Metallteile und Baugruppen. Das Unternehmen hat Standorte in Thüringen, Kanada und Tschechien, erwirtschaftete im vergangenen Jahr 170 Millionen Umsatz und beschäftigt allein in Renchen rund 500 Mitarbeiter, weltweit sind es rund 1200. Das Familienunternehmen wird von Georg Erdrich und seinem Sohn Nicolas Erdrich geführt und wird demnächst auch diesen Firmennamen tragen.

GP Grenzach Produktions GmbH
Die frühere Pharmafabrik von Hoffmann-La-Roche ist seit 2005 ein Tochterunternehmen der Bayer Healthcare, einer Bayer-Tochter. GP Grenzach Produktion forscht, produziert und verpackt Arzneimittel für Bayer und andere Pharmaproduzenten. Das bekannteste Produkt ist die Bepanthen-Wundsalbe (Bayer). In Grenzach arbeiten 470 Beschäftigte. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 64 Millionen Euro. Für sein Gesundheitskonzept hat das Unternehmen den "Großen Präventionspreises 2011" Baden-Württemberg gewonnen.

SBS-Feintechnik
Der 150 Jahre alte Schonacher Betrieb mit 300 Beschäftigten hat seine Wurzeln in der Uhrmacherei. Das auf Feinmechanik spezialisierte Unternehmen der Familie Burger fertigt bis heute Kuckucksuhrwerke, arbeitet aber auch für die Medizintechnik, den Maschinen- und Anlagenbau, die Haushalts- und Gebäudetechnik und für Autozulieferer. Der Umsatz 2009/10 betrug 57 Millionen Euro. SBS-Betriebe sind bereits vier Mal von Compamedia als Top-Job-Arbeitgeber in der Kategorie Mittelstand ausgezeichnet worden, für das Gesundheitsmanagement im vergangenen Jahr sogar mit einem Sonderpreis.

Buchtipp: Gesundheit lohnt sich

Ein flammendes Plädoyer für Gesundheitsvorsorge in Unternehmen halten Siegfried Gänsler und Thorsten Bröske. Die beiden Vorstände der bundesweit tätigen Schwenninger Betriebskrankenkasse zeigen auf, warum Gesundheit zum zentralen Erfolgsfaktor im Betrieb wird. Eine ihrer (mit Beispielen belegten) Aussagen: "Betriebliche Gesundheitsförderung bringt höhere Zinsen als so mancher Hedgefonds."
– Siegfried Gänsler/Thorsten Bröske, Die Gesundarbeiter, Murmann-Verlag, 232 Seiten, 18 Euro Mehr zum Thema:

Autor: Heinz Siebold