Lesung in Freiburg

John Wrays "Gotteskind": Bedingungslose Hingabe

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Mo, 11. Februar 2019 um 19:57 Uhr

Literatur & Vorträge

Ein Abenteuerroman in exotischer Kulisse: John Wray lässt in "Gotteskind" eine junge Amerikanerin zum islamischen Krieger mutieren und liest daraus in Freiburg.

Zuhause ist das vom amerikanischen Autor John Wray (48) erdachte Gotteskind namens Aden Grace Sawyer alles andere als ein Geschenk des Himmels. Die Mutter versumpft in einem lieblosen Eigenheim in der Einflugschneise von San Francisco zwischen Hunden und Alkohol, der Vater, Uni-Fachbereichsleiter für Nahoststudien, hat eine andere Frau und ist weg. Während der Vater Aden mit dem zynisch abgeklärten Blick des von der Sinnsuche Enttäuschten ins Moscheeleben einführt, würde die Mutter der Arabisch lernenden Tochter am liebsten die Bibel um die Ohren hauen. Das konsequenteste Ticket raus aus dieser typisch westlich-kaputten Familiensozialisation scheint Aden der Koran zu bieten. Wie radikal sie mit ihrem früheren Leben brechen will, wird selbst ihrem Freund Decker Yousafzai erst klar, als sie schon längst gemeinsam in Pakistan gelandet sind.

Oberflächlich gesehen findet Decker sich mit seiner paschtunischen Verwandtschaft und Sprachkenntnis besser im Grenzgebiet zu Afghanistan zurecht. Tatsächlich aber ist es Aden, die in ihrem unbeugsamen Willen zu einer neuen Existenz, zunächst in einer Medrese, dann bei den Mudschahedin wie ein Gottesgeschenk aufgenommen wird. Dabei beruht ihre bedingungslose Hingabe auf einem Betrug, der jederzeit aufzufliegen droht. Aden hat nämlich ihre Haare kurz geschoren, verbirgt die Brüste unter einer strammen Bandage, schluckt Pillen, um die Menstruation zu unterdrücken, verbrennt ihren amerikanischen Pass und wird zu Suleyman, Koranschüler und Gotteskrieger.

Zunächst genügt es ihr, sich in einem kleinen Grenzdorf den strengen Ritualen der Koranschule hinzugeben. Aber als der Mullah, ein friedlich gottesfürchtiger Patriarch, mit wohlgemeinten Ratschlägen zu sehr die verhasste Vaterimago triggert, muss Aden auch diese Existenz hinter sich lassen und die nächste Selbst- und Fremdzerstörungsstufe erklimmen. Sie wird Mudschahed und erkürt sich einen alten Kämpferrecken zur neuen Heldenvaterfigur. Für diese weitere Häutung lässt sie den letzten Mitwisser ihres Betrugs, ihren Freund Decker, buchstäblich in Rauch aufgehen und beginnt zu morden. Am Ende bleibt ihr nur, die Enthüllung ihres betrügerischen Geschlechtertausches als Endkampf voranzutreiben.

John Wray ist ein talentierter Autor, der es versteht, aus dem Drama einer Vatertochter eine ziemlich spannende Abenteuergeschichte zu machen und sie geschickt mit Thriller- und Jugendbuch-Elementen zu verknüpfen. Man folgt der hermetisch in sich kreisenden Psyche einer jungen Erwachsenen durchaus mit atemloser Spannung. Die exotische Kulisse zieht sich zu bedrohlich klaustrophobischer Enge zusammen und treibt fast schon wohlige Schauer – wie aus früheren Kolonialromanen – über die Nackenhaare. Motivation und Psyche der Hauptperson bleiben genau so weit im Ungefähren, wie es das Genre der Literatur über zwielichtig-unheimliche Schurken erfordert.

Die Realitätssprengsel werden genau so hineingetupft, dass sie das Gesamtbild plausibel machen, ohne es erschöpfend zu erklären: ein bisschen freudianische Logik, die den gleichgestellten Bruderliebhaber exekutieren muss, um im Geschlechtsakt mit dem Vatersurrogat zur Frau werden und sich dann, von Schuld getrieben, in die Selbstbestrafung wüten zu können. Ein Bombenschauer als fernes Echo von 9/11, der in seltsam schräger, vielleicht nur mit amerikanischem Patriotismus nachvollziehbarer Weise die Rollen von Mann und Frau und Gut und Böse wiederherstellt, so dass der zur Frau rückverwandelte Suleyman einen islamistischen Strippenzieher erwürgt.

Da der Roman auch nicht vergisst, immer wieder mal darauf hinzuweisen, dass unter den Tarnklamotten des vermeintlichen Kriegers eine nackte junge Frau steckt, deren Enthüllung inmitten skrupelloser Männerhorden durchaus eine sexuelle Note haben könnte, versammelt "Gotteskind" alle Ingredienzien, die ihn zu einer kurzweiligen, spannenden Lektüre machen. Die kunstvoll eingewobene, vermeintlich politisch brisante Kulisse vermittelt zwar keine tiefschürfenden Einsichten, muss sie aber auch nicht, denn ihre Rolle ist es, die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Und das tut sie.

John Wray: Gotteskind. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 352 Seiten, 23 Euro. Lesung: Der Autor liest am 13. Februar um 19.30 Uhr im Literaturhaus Freiburg. Moderation: Frederik Skorzinski.